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München - Thorsten Fink hat Höhen und Tiefen als Trainer erlebt. Bei SPORT1 spricht der frühere Bayern-Profi über seine Zeit in Japan und den Rekordmeister.

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Thorsten Fink hatte seine erfolgreichste Zeit als Profi beim FC Bayern.

Mit den Münchnern wurde er viermal Deutscher Meister, dreimal Pokalsieger und 2001 Champions-League-Sieger. Seit 2006 arbeitet er als Trainer. Bis September dieses Jahres betreute der 52-Jährige 16 Monate den japanischen Erstligisten Vissel Kobe, wo er mit Lukas Podolski und Andres Iniesta zusammenarbeitete.

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SPORT1 traf Fink in München zum Gespräch.

SPORT1: Herr Fink, Sie waren rund 16 Monate in Japan. Wie blicken Sie zurück auf diese Zeit?

Thorsten Fink: Das war eine super Erfahrung und eine tolle Zeit. Es war eine Bereicherung für mein Leben, die Menschen kennenzulernen und zu erfahren, wie in Japan Fußball gespielt wird. Zudem war die Zeit sehr erfolgreich. Wir haben zwei Titel gewonnen (den japanischen Pokal und den japanischen Supercup, Anm.d.Red.) - die ersten in der Vereinsgeschichte. Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung gemacht habe. Am Ende wollte ich aber wieder zurück zu meiner Familie.

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SPORT1: Hat Sie auch der Ruf des Geldes nach Asien gelockt?

Fink: Nein. Ich wollte sportlich weiterkommen. Natürlich habe ich gut verdient, aber darum ging es mir nicht. In Japan wird man nicht so reich wie in China oder in den Emiraten. Ich konnte mit großen Spielern wie Lukas Podolski, Andres Iniesta, David Villa oder Thomas Vermaelen zusammenarbeiten. Das war für mich eine tolle Herausforderung. Das waren nicht irgendwelche Spieler. 

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SPORT1: Haben Sie nicht befürchtet, aus dem europäischen Fokus zu verschwinden?

Fink: Das habe ich weniger geglaubt. Früher war das mal so, aber es gibt genügend Trainer, die dann wieder zurückkommen. Ein aktuelles Beispiel ist Roger Schmidt, der nach seiner Arbeit in China (bei Beijing Guoan, d. Red.) bei der PSV Eindhoven arbeitet. Vissel Kobe ist nicht irgendein Klub. Arsène Wenger wollte den Job auch haben, aber man hat sich dann für mich entschieden. Ich hatte mir die Spiele und die Stadien angeschaut und war vorbereitet. Es war sportlich die richtige Entscheidung. 

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) traf Thorsten Fink zum Interview
SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) traf Thorsten Fink zum Interview © SPORT1

SPORT1: Sie haben wirklich den Job statt Herrn Wenger bekommen?

Fink: Das lag ein bisschen am Geld. Wenger hätte viel mehr verdient als ich. Und er hätte auch sein Projekt daraus gemacht. Ein Arsène Wenger kommt da nicht hin und sagt 'Ich bin jetzt mal Trainer'. Er hätte den ganzen Klub durcheinandergewirbelt. Ich habe damals aber ein gutes Konzept vorgelegt, und der Klub musste sich nicht komplett verbiegen. Ich habe mich offenbar vernünftig verkauft, sonst hätte ich den Job nicht bekommen.

Thorsten Fink: "Ich liege weit über dem Schnitt"

SPORT1: Wie verkauft sich Thorsten Fink, um einen Job zu bekommen? 

Fink: Ich versuche immer, das rüber zu bringen, was meine Lebensphilosophie ist und was ich von meinen Eltern gelernt habe. Ich komme aus einem Arbeiterviertel, und mir war und ist Teamwork sehr wichtig. Das ist für mich die Grundvoraussetzung, um erfolgreich arbeiten zu können. Zudem auch noch Leidenschaft und eine Vision. Nicht die Spielphilosophie ist das, was allein zählt, sondern die Frage 'Wie arbeitet man im Verein zusammen und wie bringe ich den Klub in eine Richtung?'. Das ist heutzutage die Hauptaufgabe eines Trainers.

SPORT1: Nikosia rund fünf Monate, Zürich elf Monate und Japan 16 Monate. Können Sie nicht länger bei einem Klub bleiben?

Fink: Ich liege weit über dem Schnitt. Ich war zwei Jahre beim Hamburger SV, das hat noch kein Trainer geschafft. Ich war fast drei Jahre bei Austria Wien, und auch dort ist kein Trainer länger als ein Jahr tätig. Beim FC Basel war ich über zwei Jahre und bin dann selber gegangen. Natürlich bin ich kein Christian Streich, der über zehn Jahre bei einem Klub arbeitet. Aber es gibt auch wenige Kollegen, die länger geblieben sind als ich. Im Schnitt bleibt ein Trainer ein Jahr. Ich habe bewiesen, dass ich Teams kontinuierlich entwickeln kann. Mein Traum ist es aber, langfristig bei einem Verein zu bleiben.

Hamburger SV als Trainer des Hamburger SV mit Rafael van der Vaart
Hamburger SV als Trainer des Hamburger SV mit Rafael van der Vaart © Imago

SPORT1: Wie sehen Sie sich heute als Trainer?

Fink: Ich habe genügend Erfahrungen sammeln können und kenne mehrere Ligen. Ich kenne auch den asiatischen Fußball und bin in der Blüte meines Trainer-Lebens. Ich habe jetzt die Gelassenheit, gewisse Dinge hinzunehmen, die sich nicht ändern lassen, aber auch die nötige Power, um Dinge ändern zu können. Ohne Vertrauen geht für mich gar nichts. Ich bin gerade im besten Trainer-Alter und bin voller Elan für die Zukunft. Es muss nicht die Bundesliga sein. Ich will aber auch kein Globetrotter werden, sondern möchte in einer der besten Ligen arbeiten.

SPORT1: Wie sieht Ihr Karriereplan genau aus?

Fink: Mein Plan ist der, dass ich irgendwann die Topmannschaft der Welt trainiere. Dieses Ziel sollte jeder haben. Ich muss aber auch erkennen, dass die Karriere auch mal schlechter laufen kann und man ein Stück zurück muss. Groß planen kann man nicht, aber man hat Visionen. Ein Schritt zurück kann auch bedeuten, dass man zwei nach vorne gehen kann.

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SPORT1: Ist das Trainergeschäft egoistischer und brutaler geworden?

Fink: Ja. Es kommen immer mehr Trainer dazu. Ich freue mich aber auch für erfahrene Kollegen wie Bruno Labbadia, dass er bei Hertha ist. Man muss gut sein, darf sich in der heutigen Zeit keine Schwäche erlauben. Für Trainer wird es immer härter, aber sie werden auch auf das Geschäft gut vorbereitet.

SPORT1: Hansi Flick war Co-Trainer, kam, sah und siegte beim FC Bayern. Ist das frustrierend für Sie, der seit Jahren Cheftrainer ist?

Fink: Warum frustrierend? Alles muss immer passen. Hansi hat bisher einen super Job gemacht, hat es geschafft, das Team und den Verein in eine Richtung zu bringen und hat Freude und Leidenschaft reingebracht. Und er hat den festen Willen und den Glauben daran, dass sie alles gewinnen können. Hansi ist ein guter Kollege, den ich sehr schätze. Er weiß auch, dass man immer nur so gut wie sein Team ist. Mit Hansi wollen die Spieler nach vorne gehen. Er steht für Erfolg. 

"Hansi hat uns alle überrascht"

SPORT1: Hätten Sie gedacht, dass Flick so durchstartet?

Fink: Man konnte nicht unbedingt damit rechnen, weil er seit 15 Jahren kein Cheftrainer mehr war. Ich müsste lügen, wenn ich jetzt sagen würde 'Natürlich habe ich das gewusst'. Hansi hat uns alle überrascht und gezeigt, was möglich ist. Im Fußball musst du kreativ sein, und die Bosse haben daran geglaubt, dass er das kann.

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SPORT1: Einer der Bosse ist Ihr Freund Hasan Salihamidzic. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Fink: Ich habe jahrelang mit ihm zusammengespielt. In der Zeit, in der er Sportdirektor war und nun Vorstand ist, ist der FC Bayern erfolgreich, und das ist das Wichtigste. Brazzo hat den richtigen Weg eingeschlagen und viele junge Spieler nach München geholt. Zudem hat er Schlüsselpositionen erkannt. Es wurden zum Beispiel für außen schnelle Spieler verpflichtet. Das ist es, was unter anderem Barca gefehlt hat in der zurückliegenden Champions-League-Saison. Im richtigen Augenblick wurden Arjen Robben und Franck Ribéry abgegeben und dann klasse Talente geholt. Und danach die Titel eingefahren.

Thorsten Fink, der heutige SPORT1-Experte Stefan Effenberg und Hasan Salihamidzic (jetzt Bayern-Sportvorstand) gewannen 2001 mit dem FC Bayern die Champions League
Thorsten Fink, der heutige SPORT1-Experte Stefan Effenberg und Hasan Salihamidzic (jetzt Bayern-Sportvorstand) gewannen 2001 mit dem FC Bayern die Champions League © Imago

SPORT1: Letzte Frage: Arsène Wenger sagte vor einigen Tagen, dass der Bayern-Kader in der vergangenen Saison nicht so stark war wie 2001. Es  gebe momentan nicht die Über-Mannschaft in Europa. Sehen Sie es ähnlich? 

Fink: 2001 waren wir eine Einheit. Ähnlich wie heute. Wir hatten damals aber mehr Erfahrung. Spieler wie Goretzka, Coman oder selbst ein Kimmich waren im Champions-League-Endspiel nicht diejenigen, die so viel Erfahrung hatten. Die Bayern haben in der vergangenen Runde mit wenig Erfahrung dennoch viel erreicht und haben brutale Qualität in der Mannschaft. Der Sieg in der Königsklasse kam nicht einfach so daher, die Zukunft in Europa gehört dem FC Bayern.