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Gelsenkirchen - Schalke-Boss Jochen Schneider redet im SPORT1-Interview Tacheles. Der Sportvorstand erklärt, warum er David Wagner vertraut und unter welchen Zwängen die Knappen stehen.

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Saisonstart verschoben!

Eigentlich hätte der FC Schalke 04 am Sonntag das erste Pflichtspiel der neuen Spielzeit austragen sollen. Doch ein kurzfristiger Rechtsstreit um Gegner Schweinfurt verhinderte eine Austragung der Partie.  

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Nun beginnt für die Königsblauen am Freitag ausgerechnet gegen den FC Bayern so etwas wie eine Reise ins Ungewisse.

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Die Knappen, die aus einer katastrophalen Rückrunde in der vergangenen Saison kommen, mussten sich aufgrund der prekären finanziellen Lage neu orientieren - und mit Weston McKennie einen ihrer besten Spieler abgeben.

Sportvorstand Jochen Schneider spricht bei SPORT1 über die Herausforderungen der neuen Spielzeit, die Transferpolitik und die Rückkehr von Fans in die Veltins-Arena.

SPORT1: Herr Schneider, einen Tag nach der Absage des DFB-Pokalspiels gegen Schweinfurt - wie ist Ihre Gefühlslage?
 
Jochen Schneider: Das ist natürlich ärgerlich. Wir haben uns auf diese Partie vorbereitet und hätten das Spiel sehr gerne gespielt. Zu dem unverständlichen Vorgehen des Bayerischen Fußballverbandes ist bereits alles gesagt. Ausdrücklich betonen möchte ich an dieser Stelle, dass sich meine Kritik nur auf den Verband, nicht aber auf Türkgücü München bezieht. Deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, warum der Bayerische Fußballverband jetzt versucht, den Fehler bei Türkgücü zu suchen. Es ist einfach nicht nachvollziehbar, warum der bayerische Vertreter erst eine Woche vor Austragung der 1. DFB-Pokal-Runde bestimmt wurde.

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SPORT1: Wie gehen Sie mit der Spielabsage um, wird es noch ein Testspiel bis zum Ligaauftakt bei den Bayern geben?
 
Schneider: Wir sind da sehr flexibel und haben unsere Planungen entsprechend angepasst. Wir nehmen das sportlich und machen das Beste aus der Situation. Am Samstag haben wir ein internes Trainingsspiel gemacht, das sehr intensiv war und als Ersatz diente. 

SPORT1: Wie schwierig ist es, dass Sie am Freitag quasi kalt in die Bundesliga gegen die Bayern starten?
 
Schneider: Die Bayern spielen ja auch nicht im Pokal. Das muss man jetzt so hinnehmen. Wir jammern nicht. Dafür gibt es keinen Grund. Vielmehr bereiten wir uns nunmehr intensiv auf den Bundesligaauftakt in München vor. 

Der CHECK24 Doppelpass mit Uli Hoeneß und Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich am Sonntag am 11 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM

SPORT1: Wie groß ist die Vorfreude bei Ihnen auf den Bundesliga-Start?

Schneider: Die Vorfreude auf eine neue Saison ist immer groß, insbesondere in unserer Situation, in der wir natürlich etwas gutzumachen haben nach der schwachen Rückrunde. 

SPORT1: Die Testspiele waren durchwachsen, hinzu kam ein Corona-Fall im Trainingslager in Österreich. Wie bewerten Sie die schwierige Vorbereitung? 

Schneider: Es ist generell ein Fehler, die Vorbereitung auf die Testspielergebnisse zu reduzieren. Wir bereiten uns auf eine ganze Saison vor und nicht auf Testspiele. Wir wissen das durchaus richtig einzuordnen. In Summe war es eine sehr ordentliche Vorbereitung mit der einen oder anderen Schwierigkeit. Klar ist, dass wir den Rucksack der Rückrunde mit uns tragen. Hinzu kommt der positive Covid-19-Fall aus dem Trainingslager, der uns für 24 Stunden beeinträchtigt hat. Außerdem mussten danach vier Spieler für einige Tage isoliert trainieren. Wir sind insgesamt aber sehr gut damit umgegangen. Wichtig ist, dass wir - mit Ausnahme des Corona-Falls - einigermaßen verletzungsfrei durchgekommen sind. Omar Mascarell und Salif Sané kehren jetzt nach und nach zurück zur Mannschaft. Ich glaube, dass wir deshalb mit Fug und Recht von einer ordentlichen Vorbereitung sprechen können. 

SPORT1: Sie haben den Rucksack der Rückrunde angesprochen. Wie sehr lastet dieser nach 16 sieglosen Partien auf den Spielern? Wie viele Einzelgespräche mussten Sie mit der Mannschaft führen? 

Schneider: Nicht viele. Wir haben am Ende der Saison die enttäuschende Rückrunde analysiert. Anschließend haben wir aus diesen Erkenntnissen die richtigen Schlüsse gezogen. Seit dem 1. Juli blicken wir ausschließlich nach vorne. Davor war es angebracht und wichtig, noch einmal gründlich in den Rückspiegel zu schauen. Jetzt blicken wir positiv nach vorne. 

"Das nervt mich überhaupt nicht"

SPORT1: Hand aufs Herz - wie sehr nervt Sie das schwere Auftaktprogramm? An den ersten fünf Spieltagen geht es gegen Bayern, Dortmund und Leipzig.

Schneider: Das nervt mich überhaupt nicht. Das gehört dazu. Wir hatten auch schon in der vergangenen Saison ein schwieriges Auftaktprogramm und sind gut gestartet. Jedes einzelne Bundesligaspiel ist schwierig. Du musst in dieser Liga immer an dein Maximum herankommen, um in der Lage zu sein, zu punkten. Wir sehen das als eine schöne Herausforderung. 

SPORT1: Schalke startet in München, gegen Bremen, in Leipzig, gegen Union und in Dortmund. Wie viele Punkte sollen in den ersten fünf Spielen herausspringen? 

Schneider: Wir haben uns keine Zahl auferlegt. Das würde auch keinen Sinn ergeben. Wir schauen nicht auf vier, fünf Spiele im Block. Nur das nächste Spiel, so banal das klingen mag, ist immer das wichtigste. 

SPORT1: Wie hart ist die aktuelle Transferperiode - mit Blick auf die ungewisse Corona-Situation - für Sie als Sportchef? 

Schneider: Von Haus aus ist es keine einfache Aufgabe, einen Etat für einen Bundesligaverein aufzustellen, weil es stets viele Unabwägbarkeiten gibt. Durch Corona ist das jetzt noch einmal deutlich schwieriger geworden. Es gilt, zahlreiche Annahmen zu treffen: Wann können wir wieder mit Zuschauern spielen? Vor wie vielen dürfen wir wieder spielen? Kommen wir mit der Bundesliga problemlos durch die Saison? Müssen Spiele aufgrund von Corona-Fällen nachgeholt werden? Diese Fragezeichen haben große Auswirkungen auf den Etat und damit zwangsläufig auf den Transfermarkt. Christian Seifert hat nicht zu Unrecht von der schwierigsten Saison in der Geschichte der Bundesliga gesprochen. Wir sind alle angehalten, kaufmännische Vorsicht in unsere Planungen mit einfließen zu lassen. 

SPORT1: Beim FC Schalke 04 hat sich auf dem Transfermarkt dennoch etwas getan: Sie haben Vedad Ibisevic ablösefrei verpflichtet und Weston McKennie zunächst per Leihe an Juventus Turin abgegeben. Die Transferperiode dauert noch bis zum 5. Oktober  - war's das? 

Schneider: Jeder Fußballverein hält stets Augen und Ohren offen. Wenn es eine gute Option gibt, dann werden wir die prüfen. Wir planen immer. Die Frage ist nur: Was können wir davon seriös umsetzen? In dem Punkt müssen sich alle Fans gedulden. Wenn es so weit ist und wir einen neuen Spieler holen, dann werden es sicherlich alle auf SPORT1 lesen. (schmunzelt)

SPORT1: Wir stellen mal folgende These auf: In einer besseren wirtschaftlichen Situation und ohne Corona hätte der FC Schalke 04 Weston McKennie niemals abgegeben. Stimmt das? 

Schneider: Das ist sicherlich richtig, ja. Es ist der aktuellen Situation geschuldet, dass wir Weston abgegeben haben. Es passt nicht in unsere Philosophie, einen 22-jährigen, hochveranlagten Spieler, der noch vier Jahre Vertrag hat, zu transferieren. Das tut weh, das muss ich so offen und ehrlich sagen. Aber es gibt zurzeit übergeordnete Interessen, die wir berücksichtigen müssen. Wir sind für das große Ganze bei Schalke 04 verantwortlich. Demnach haben wir am Ende dem wirtschaftlich attraktivsten Transfer zugestimmt. 

SPORT1: Sind Sie denn zufrieden mit dem Deal? Juventus zahlt 4,5 Millionen Euro als Leihgebühr, erst im nächsten Sommer könnte eine Kaufpflicht in Höhe von 18,5 Millionen greifen. Weitere sieben Millionen könnten durch Bonuszahlungen dazukommen. Mit dem Geld kann man also nicht planen. 

Schneider: Zum Teil, das stimmt. Es ist in die Gesamtabwägung sicherlich mit eingeflossen, dass dieses Geld nicht sofort zur Verfügung steht. Nichtsdestotrotz ist es der wirtschaftlich attraktivste Deal für Schalke 04, und es wird auch ein nächstes Jahr geben.  

"Wir sind auf einem sehr guten Weg"

SPORT1: Was hat Sie dazu bewegt, den 36-jährigen Vedad Ibisevic zu holen? 

Schneider: Ich kenne ihn sehr gut aus unserer gemeinsamen Stuttgarter Zeit. Vedad ist ein Torjäger im reinsten Sinne, der darüber hinaus eine tolle Persönlichkeit hat. Er hat nach wie vor eine unglaubliche Qualität im Strafraum, und er ist ein Wettkämpfer, der nicht einmal ein Trainingsspiel verlieren möchte. Als die Möglichkeit bestand, Vedad für uns zu verpflichten, war es klar, dass wir in unserer Situation zuschlagen. 

SPORT1: Schalke 04 hat aktuell elf Mittelfeldspieler im Kader und keinen nominellen Rechtsverteidiger. Geben Sie uns recht, wenn wir sagen: Der Kader ist nicht ausbalanciert?

Schneider: Nein. Ich finde, dass wir einen guten Kader haben, der auch zahlenmäßig okay ist. Jetzt schauen wir, ob es noch die eine oder andere Veränderung in beide Richtungen geben wird. Wir dürfen nicht vergessen: Es ist fast der gleiche Kader, mit dem wir in der vergangenen Saison eine sehr gute Hinrunde gespielt haben. Das macht uns Mut. Wir sind auf einem sehr guten Weg, auch mit unserem neuen Athletik-Trainerteam. 

SPORT1: Notgedrungen muss Sebastian Rudy aber als Rechtsverteidiger aushelfen. 

Schneider: Sebastian hat das bislang sehr gut gemacht im Training und auch in den Tests. Er ist ein sehr erfahrener Spieler, der diese Position mit seinem Auge und seiner Erfahrung spielen kann. Wir haben auch noch Timo Becker, der in der letzten Saison bewiesen hat, dass er auf dieser Position in der Bundesliga spielen kann.

SPORT1: Wird Ozan Kabak noch verkauft? Zuletzt wurde der 20 Jahre alte Innenverteidiger mit einem Transfer zu Lazio Rom in Verbindung gebracht. 

Schneider: Wir sind überaus glücklich, dass es uns gelungen ist, im letzten Jahr mit Ozan Kabak sicherlich das größte Talent in Europa auf dieser Position verpflichtet zu haben. Ozan ist ein großartiger Spieler und ein wunderbarer Mensch. Wir sind sehr froh, dass er bei uns ist. Ich kann alle Fans beruhigen: Ozan wird nicht abgegeben. 

SPORT1: Trotz massivem Gegenwind haben Sie zu Trainer David Wagner gehalten. Wieso? 

Schneider: Ich bin überzeugt von ihm und seiner Arbeit. Das Verhältnis zwischen Trainerteam und Mannschaft ist vollkommen intakt. David Wagner hat über sieben Monate hinweg eindrucksvoll bewiesen, welchen attraktiven Fußball wir spielen können. Das war kein Zufall. Es gibt und gab für mich überhaupt keinen Grund, in dieser Personalie eine Veränderung herbeizuführen. Wir haben uns diesen Trainer bewusst ausgesucht und haben in der vergangenen Saison auch sehr schnell den Fußball gespielt, für den der FC Schalke 04 stehen möchte. Dahin wollen wir zurück, und dahin kommen wir wieder zurück. Es gehört im Leben auch mal dazu, Rückschläge hinzunehmen und wegzustecken und durch ein Tal zu gehen. Das tun wir. Aber wir tun es gemeinsam. 

"Es ist eine extrem herausfordernde Zeit"

SPORT1: Haben Sie nicht Sorge davor, dass die Rufe nach einer möglichen Trainerentlassung mit Blick auf das Startprogramm zu Saisonbeginn wieder laut werden? 

Schneider: Nein, die habe ich nicht. Das Entscheidende ist, wie wir arbeiten und wie wir spielen. Durch gute Arbeit erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, am Ende auch mit einer guten Punktausbeute dazustehen. Wichtig ist deshalb, dass wir gut und sehr gewissenhaft zusammenarbeiten - und das tun wir. Dann werden wir auch wieder Erfolge einfahren. 

SPORT1: Worauf müssen sich die Fans denn gefasst machen: Abstiegskampf mit dem FC Schalke 04? 

Schneider: Grundsätzlich wissen wir ja alle nicht, was uns in einer neuen Saison erwartet. Das macht den Fußball ja so interessant. Wichtig ist, dass wir uns stabilisieren in unserer Leistung. Wir haben eine gute Mannschaft, und mit dieser wollen wir gute Spiele abliefern und punkten. Unser Abschneiden möchte ich ungern an einem Platz oder einer konkreten Punktzahl festmachen. Wir müssen wieder stabil unsere Leistung abrufen, dann werden wir auch eine gute Saison spielen. 

SPORT1: Auf Schalke haben Sie im Vorstand einen Drei-Stufen-Plan erarbeitet, mit dem Sie in den kommenden Jahren zurück zum Erfolg finden wollen. Wie sieht dieser aus? 

Schneider: Es ist eine extrem herausfordernde Zeit - wirtschaftlich wie sportlich. Hinzukommt, dass wir zwischen April und Juni den einen oder anderen "Stockfehler" gemacht haben. Das haben wir erläutert und sauber aufgearbeitet. Seitdem geht der Blick bei uns nach vorne. Wir wollen den Klub wirtschaftlich und sportlich stabilisieren und durch das schwierige Jahr bringen. Darüber hinaus wollen wir mit der Art und Weise, wie wir kommunizieren, wieder dieses besondere Band zwischen Mitgliedern und Fans und dem FC Schalke 04 herstellen. Wir wollen Vertrauen zurückgewinnen und wieder Identifikation schaffen.

SPORT1: Wie sehr vermissen Sie die Fans im Stadion? 

Schneider: Es ist bitter, insbesondere hier auf Schalke auf unsere Fans verzichten zu müssen. Diese Atmosphäre fehlt uns sehr. Wir alle sehnen den Tag herbei, an dem wir wieder vor vollem Haus spielen dürfen. Bei aller Freude, dass ab Mai wieder gespielt werden konnte: Zu dem einen oder anderen Geisterspiel musste man sich schon zwingen, vor dem TV zuzuschauen. In der Arena ist es ohne Fans definitiv nicht schön.

SPORT1: In Leipzig sind 8500 Fans zugelassen, auf Schalke aktuell 300 - sehen Sie das als Wettbewerbsverzerrung?

Schneider: Das finde ich nicht. Das Infektionsgeschehen breitet sich in unterschiedlicher Art und Weise aus. Wenn es in Sachsen kaum Neuinfektionen gibt und das Konzept der Klubs greift, dann ist es sinnvoll. Ich freue mich sehr, dass Dynamo Dresden, RB Leipzig oder auch Hansa Rostock wieder mit Zuschauern spielen. Ich hoffe sehr, dass auch wir in Kürze die ersten Zuschauer im vierstelligen Bereich bei uns begrüßen dürfen, um so Schritt für Schritt wieder in die wirkliche Normalität zurückkommen zu dürfen.