Franz Beckenbauer (r.) und Gerd Müller sind Ikonen des FC Bayern
Franz Beckenbauer (r.) und Gerd Müller sind Ikonen des FC Bayern © SPORT1-Grafik: Imago/SPORT1
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Best of Bundesliga: 1963/64. Ben Redelings blickt wöchentlich auf die kuriosesten, lustigsten und unterhaltsamsten Highlights der Ligageschichte zurück.

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Der FC Bayern München ist 1963/64 noch gar nicht in der Liga und schon schreiben sie Geschichte. Und was für eine wichtige!

Denn viele Jahrzehnte später wird Franz Beckenbauer sagen: "Ohne Gerd Müller würden wir uns heute noch in der alten Holzhütte aus den 60er Jahren am Trainingsplatz an der Säbener Straße umziehen. Ohne seine Tore stünde der FC Bayern nicht da, wo er ist."

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Und dass es überhaupt so kommt, dass der spätere, unerreichte König der Torjäger im rot-weißen Dress aufläuft, ist auch so eine Geschichte, wie sie wohl nur der Fußball schreibt.

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Damals gilt zwischen dem FC Bayern und dem heimischen Konkurrenten, dem TSV 1860 München, eine Art Beuteschutz im innerstädtischen Raubtiergehege. Das Abkommen zwischen 1860 und dem FC Bayern regelt, dass keiner der beiden Vereine einen Spieler verpflichtet, der nicht zuvor mindestens zwei Jahre woanders aktiv war. Es heißt also schnell sein, wenn mal wieder ein Talent vor der Haustür besonders ins Auge sticht. Und Gerd Müller ist so eines.

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1860 München erwartet, Bayern München empfangen

Der junge Mann aus Nördlingen hat sich einen Namen gemacht und soll deshalb von 1860 München unter Vertrag genommen werden. Für 12.30 Uhr haben sich an diesem Tag die Vertreter des Vereins bei seiner Mutter angesagt - doch plötzlich kommt alles anders als gedacht, wie Gerd Müller einmal selbst erzählte:

"Als ich kam, waren gleich zwei Herren da, die ich in meiner jugendlichen Naivität für die beiden Herren von den Sechzigern hielt. Ich wunderte mich zwar anfangs, als sie sich als Herr Fembeck und Herr Sorg vorstellten, doch nach einer knappen Stunde waren wir klar: 5.000 Mark Handgeld und 500 Mark Monatsgehalt. Das war wie ein Lottogewinn für mich. Ich saß also da und dachte, ich hätte bei 1860 München unterschrieben. Die Herren verabschiedeten sich und wollten komischerweise durch die hintere Gartentür gehen. Da kam meine Mutter und sagte: 'Du, Gerd, da sind zwei Herren aus München gerade vorne zur Tür reingekommen, die wollen dich sprechen!'"

Doch da hatten die Herren des TSV 1860 München Pech. Der FC Bayern hatte dem lokalen Konkurrenten den Müller Gerd vor der Nase weggeklaut und bereits unter Vertrag genommen - und so die Brücke zu einer goldenen Zukunft ausgelegt, wie wir heute wissen.

Steuersatz wie Striptease: Bundesliga boomt!

Doch auch ohne die Bayern ist die Liga von Anfang an eine echte Erfolgsgeschichte. Über sechs Millionen Karten werden in der ersten Saison verkauft - das macht einen erstaunlichen Schnitt von 25.134 pro Partie.

Viel Geld ist plötzlich beim Fußball im Spiel, und das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Auch die Kommunen möchten partizipieren und vom rollenden Rubel Bundesliga profitieren. Die Stadt Nürnberg verlangt ein Fünftel der Werbeeinnahmen, die durch Lautsprecherdurchsagen in die Kasse des damaligen deutschen Rekordmeisters kommen, und erhebt zudem eine Vergnügungssteuer in Höhe von zehn Prozent auf jede Eintrittskarte.

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Diese Regelung gilt bundesweit und wird von einigen Ligavertretern scharf kritisiert. Man bemängelt, dass der Steuersatz über dem für Striptease-Lokale liege. Was für ein herrlicher Vergleich für den noch jungen Unterhaltungsbetrieb Bundesliga!

Konietzka trifft, Widmayer fliegt

Die Liga boomt also von Anfang an und auch sonst ist vieles bereits wie heute.

Das muss auch Nürnbergs ehemaliger Meistercoach Herbert Widmayer erfahren. Am 30. Oktober 1963 wird er als erster Trainer der Fußball-Bundesliga nach der 0:5-Heimniederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern entlassen. Der Erfolgsdruck lässt die Verantwortlichen bereits nach dem neunten Spieltag handeln. Eine völlig neue Entwicklung für den Fußball. Entsprechend geschockt reagiert Herbert Widmayer: "Es fehlt nur noch, dass man nach einer Niederlage erschossen wird!"

Der Schütze des ersten Bundesligatores ist bekanntlich Timo Konietzka gewesen. Doch was nur wenige Fußballfans wissen: Dieser ewige Ruhm wäre beinahe an dem Dortmunder Stürmer vorbeigegangen. Konietzka erinnert sich selbst an diese kuriose Story so: "In Bremen wollte ich anfangs gar nicht spielen. Ich hatte so eine verdammte Oberschenkelgeschichte - sie hatte mich die Teilnahme am Pokalfinale gekostet -, und ich musste das Bein nachziehen. Aber meine Kameraden überredeten mich: 'Du musst spielen!' Ich ließ mich breitschlagen. Dann kam die erste Minute. Emma zog am linken Flügel los, flankte, ich war da. Schuss, 1:0!"

Genau so war es. Doch leider gibt es bis heute keine bewegten Bilder von dieser legendären Aktion. Die Kameras waren einfach noch nicht aufgebaut gewesen.

Meister 1. FC Köln - Party am Geißbockheim

Der erste Meister der Bundesliga heißt schließlich nach dem 30. Spieltag - die Liga war nur mit 16 Vereinen gestartet - der 1. FC Köln. Ganz Fußball-Deutschland gönnt diesen Titel besonders einem Mann: dem Kölner Präsidenten Franz Kremer. Er gilt als der "Vater der Bundesliga", weil er wie kein Zweiter für sie gekämpft hat. Und er kann stolz auf seinen Klub sein. Die Mannschaft marschiert souverän zur Meisterschaft.

Nur ein kleiner Stolperstein lauerte nach einem echten Eklat am 22. Spieltag bei der Partie gegen Eintracht Frankfurt auf die Kölner. Ein jugendlicher Anhänger des FC hatte Schiedsrichter Lutz mit einer Fahnenstange einen Schlag auf den Kopf verpasst. Eine unglaubliche Aktion, aus heutiger Sicht. Der DFB verhängt gegen den 1. FC Köln eine Platzsperre und die Mannschaft von Trainer Georg Knöpfle weicht nach Wuppertal ins Stadion am Zoo aus. Dort besiegt man am 25. Spieltag die Löwen aus Braunschweig.

Kurz darauf feiert der Klub am Geißbockheim eine riesige Party, wie der kicker damals berichtete: "In einem großen ›Bierbrunnen‹ werden 60 Hektoliter Freibier (das sind 30.000 Gläser!) ausgeschenkt, die eine Kölner Brauerei stiftete. Auf der Terrasse des Klubheims wird eine Wasserorgel installiert!"

Der Grundstein zu einer echten Erfolgsgeschichte mit vielen unglaublichen Storys war für die Bundesliga gelegt. So konnte es weitergehen - und das tat es auch!

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein aktuelles Werk "Das neue Buch der Fußballsprüche" verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".