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Peter Bosz spricht vor dem Liga-Start über die Abschiede von Kai Havertz und Kevin Volland, mögliche Zu- und Abgänge, seine Spielphilosophie und Titelambitionen.

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Peter Bosz geht in seine dritte Saison bei Bayer 04 Leverkusen. Nach dem Verpassen der Champions League in der vergangenen Saison (Platz fünf) will der Coach in der Liga wieder oben angreifen.  

Dabei muss der 56-Jährige ohne die abgewanderten Leistungsträger Kai Havertz und Kevin Volland auskommen.

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Vor dem Saisonstart spricht der Niederländer im SPORT1-Interview über den Kader, mögliche Zu- und Abgänge, seine Spielphilosophie und die Titelambitionen der Werkself.

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SPORT1: Herr Bosz, am 10. August haben Sie mit Leverkusen noch in der Europa League gegen Inter gespielt. Sie hatten nur zwei Wochen Zeit, sich mit der Mannschaft vorzubereiten. Dazwischen gab es noch die Länderspielreise. Wie schwierig ist diese Vorbereitung?  

Peter Bosz: Ich möchte nicht sagen, dass es schwierig ist, aber eben anders. Normalerweise bereiten wir uns sechs Wochen vor. Das haben wir nicht, brauchen wir aber auch nicht, weil wir nur zwei Wochen Urlaub hatten. Natürlich war es kurz. Aber wir haben im Pokal gegen Norderstedt gesehen, dass unsere Spieler frisch sind. 

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SPORT1: In Kai Havertz und Kevin Volland haben Sie zwei Top-Spieler abgegeben und bislang nur Patrik Schick verpflichtet. Sind Sie mit dem Kader so zufrieden, wie er aktuell ist? 

Bosz: Da wird ja noch was passieren. Mit Kai und Kevin haben wir eine Menge Scorerpunkte abgegeben. Natürlich haben wir mit Patrik einen sehr guten Spieler bekommen und mit Lennart Grill einen hochtalentierten Backup auf der Torhüterposition. Das reicht aber logischerweise noch nicht, da sind wir uns alle einig.  

SPORT1: Schick war zuletzt von AS Rom an Leipzig ausgeliehen. Im Pokal gegen Norderstedt hat er sein Debüt gegeben. Wie weit ist er? 

Bosz: Er braucht noch ein wenig Zeit. Er war zehn Tage in Quarantäne, nachdem er mit Tschechien auf Länderspielreise war. Er konnte nicht vernünftig trainieren. Patrik braucht physisch sicher noch ein wenig. Es ist außerdem mit drei, vier Trainingstagen nicht getan, dass ein Spieler seine Teamkollegen und die internen Abläufe kennt. 

SPORT1: Mit Florian Wirtz haben Sie einen hochtalentierten 17-Jährigen in Ihren Reihen. Er wird schon jetzt von vielen mit Kai Havertz verglichen. Wird er eine zentrale Rolle in der neuen Saison spielen? 

Bosz: Ich mag es nicht, wenn Spieler miteinander verglichen werden. Jeder ist auf seine Weise einzigartig. Florian ist ein Riesen-Talent, keine Frage. Er braucht aber auch Zeit, um konstant zu werden. Wenn man ganz oben spielen will wie wir, braucht man Konstanz in seiner Mannschaft. Er kann keine 55 Pflichtspiele auf Top-Niveau in dieser Saison machen. Er bekommt die nötige Zeit von uns, wird aber auch auf seine Einsatz-Minuten kommen. Wir wollen ihm helfen. Und helfen heißt auch, dass wir ihn ab und zu mal rausnehmen, damit er durchschnaufen kann. 

SPORT1: Werden Sie aufgrund der Abgänge Ihre Spielweise ändern müssen? Grundsätzlich gelten Sie ja als Fan des 4-3-3-Systems. 

Bosz: Ich bin kein 4-3-3-Fan, sondern ein Fan von Offensivfußball. Man muss dabei auch schauen, welche Spieler einem zur Verfügung stehen. Man kann aber auch mit einem 4-2-2-2 oder einem 3-5-2 sehr offensiv spielen. Klar ist, dass wir natürlich anders spielen müssen, weil Patrik Schick ein anderer Spielertyp als zum Beispiel Kevin Volland ist. 

SPORT1: Ihr Chef, Fernando Carro, spricht offensiv von Titeln. Inwiefern gehen Sie da – mit Blick auf den bevorstehenden Umbruch – überhaupt mit?  

Bosz: Ich will auch gerne Titel gewinnen - absolut! Wenn die Möglichkeit da ist, werden wir alles dafür tun. Man muss aber auch realistisch sein. Wenn man Stand jetzt den Kader sieht, muss man sagen: Dafür fehlt noch was. Wir haben noch knapp drei Wochen Zeit. Bis dahin werden Rudi Völler und Simon Rolfes als sportlich Verantwortliche an unserem Kader arbeiten. 

SPORT1: Auf welchen Positionen braucht ihr Team denn noch Verstärkung? 

Bosz: Es ist immer noch möglich, dass auch Spieler gehen. Auch das haben wir natürlich zu berücksichtigen. Wir kommen oft genug zusammen und reden genau darüber. Für alle Eventualitäten haben wir Pläne in der Schublade, damit wir entsprechend reagieren können. Als Trainer hätte ich meinen Kader natürlich von Anfang an gerne komplett. Das ist aber im modernen Fußball schon lange nicht mehr der Fall. Damit müssen wir umgehen. Der Kader am kommenden Sonntag beim Bundesliga-Auftakt wird sicherlich nicht so aussehen wie am 5. Oktober. 

SPORT1: Zuletzt gab es Gerüchte um PSG-Spieler Julian Draxler. Wäre er eine Verstärkung? 

Bosz: Ich spreche nicht über Spieler, die bei anderen Vereinen sind. Es ist auch nicht meine Aufgabe, über mögliche Neuzugänge zu sprechen. Dazu äußern sich Simon Rolfes oder Rudi Völler. 

SPORT1: Lars Bender ist kürzlich überraschend von seinem Amt als Kapitän zurückgetreten. Sie haben Charles Aranguiz gewählt. Muss sich nun eine neue Hierarchie bilden? 

Bosz: Lars hat mich schon früh in seine Pläne eingeweiht. Vor den Europa-League-Spielen gegen Glasgow Rangers hat er mit mir gesprochen und gesagt: "Ich möchte mich mehr auf mich und mein Spiel auf dem Platz fokussieren." Dafür hatte ich vollstes Verständnis. Dann war es meine Aufgabe, über einen anderen Kapitän nachzudenken. Charly ist ein Führungsspieler auf dem Platz. Das war er auch schon ohne die Binde. Das Amt wird ihm helfen, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Er ist aber keiner, der viel redet. Er wird weniger ein Kapitän mit dem Mund sein als mit den Beinen. Zur Hierarchie: Das glaube ich nicht, weil Lars auch weiterhin eine große Rolle einnimmt bei uns. 

SPORT1: Leon Bailey hängt zurzeit auf Jamaika fest. Er war auf der Geburtstagfeier des corona-infizierten Usain Bolt. Wann kommt er zurück? 

Bosz: In solchen Fällen hätten wir eigentlich jemanden von Bayer 04 hingeflogen, der sich vor Ort um die Dinge kümmert. Das ging aber wegen der Pandemie leider nicht. Es war deshalb schwierig, das Ganze zu steuern. Wir standen mit Leon in Kontakt. Zum Wochenende wird er wieder zurück sein. Dann schauen wir, wie weit entfernt er ist von Spielminuten.  

SPORT1: Die Premier-League-Klubs Tottenham und Everton haben nach unseren Infos weiterhin Interesse an ihm. Ist Leon Bailey zu 100 Prozent mit seinen Gedanken bei Bayer?  

Bosz: Da habe ich keine Sorge. Es ist normal, dass in so einer Transfer-Phase über gute Spieler gesprochen wird. Leon ist ein guter Junge und natürlich ein guter Spieler, der sich zu 100 Prozent auf die Aufgaben fokussiert, die ihm gestellt werden. 

SPORT1: Herr Bosz, was wird die größte Aufgabe für Sie in der neuen Saison sein? 

Bosz: Mit Volland, Julian Brandt und Havertz haben wir drei sehr wichtige Stammspieler in den letzten beiden Jahren verloren. Wir müssen also ein Spielsystem entwickeln, das zu 100 Prozent zu den Spielern passt, die wir jetzt hier haben. Die größte Aufgabe in der kommenden Saison wird sein, genau das zu meistern. Das wird auch klappen, es braucht aber ein wenig Zeit. Wir wissen noch nicht, wie eingangs gesagt, wie unser Kader nach dem Schließen des Transferfensters endgültig aussieht.