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Der frühere DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig erklärt bei SPORT1, warum der Start der Bundesliga mit 8500 Zuschauern nächste Woche in Leipzig keine gute Idee ist.

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Nächste Woche beginnt die 58. Bundesliga Saison, die erste vermutlich ganzjährige unter Corona-Bedingungen. Alle Branchen, die ihr Geld mit und durch Publikum verdienen, sind besonders stark betroffen und greifen nach jedem Strohhalm, der ihnen die Existenz sichert. Kreative Formate sollen die Not vorübergehend lindern.

Auch der Profifußball hat in der abgelaufenen Spielzeit durch ein beispielgebendes Hygienekonzept dem Zuschauersport Fußball zumindest die medialen Vermarktungserlöse gesichert, auch ohne Zuschauer in den Stadien.

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Nun hat RasenBallsport Leipzig von den örtlichen Behörden eine Genehmigung zur Austragung des ersten Ligaspiels gegen Mainz erhalten und darf 8500 Zuschauern im 43000 Zuschauer fassenden Stadion den Eintritt gewähren. Ich halte den eingeschlagenen Weg, trotz Sympathie für den Föderalismus mit dezentralen individuellen Lösungen, hinsichtlich der im scharfen Wettbewerb miteinander stehenden Klubs, für falsch.

In diesem auf Verdrängung ausgerichteten Wettstreit wird auf allen Ebenen mit harten Bandagen um jeden Vorteil für den eigenen Klub gerungen.

Blaupause für kulturelle Veranstaltungen? Wenig zielführend!

So sind auch die aktuellen Pro-domo-Einlassungen verschiedener Klubvertreter einzuordnen, je nach klubbezogener Betroffenheit. Bundesligaspiele, so sagt es der Name bereits, sind Bundesspiele, in denen überall die gleichen Rahmenbedingungen herrschen sollten.

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Der Einwand, dass es doch bereits durch unterschiedliche Stadiongrößen nicht zu gleichen Bedingungen kommt, verfängt nicht, da jeder Klub ja die Möglichkeit hätte, ebenfalls das Stadion zu vergrößern. Das würde er auch tun, wenn seine Anziehungskraft das hergäbe.

Tut es aber nicht bei vielen Klubs mit kleinen Stadien. Sich über eine behördliche Auflage hinwegzusetzen liegt jedoch nicht in der Macht des einzelnen Klubs.

Den Leipziger Weg als Blaupause für kulturelle Veranstaltungen bei einer möglichen erfolgreichen Umsetzung zu deklarieren ist aufgrund nicht vergleichbarer Rahmenbedingungen (geschlossene Räume) wenig zielführend. Auch wenn alle ihre Anstrengungen für den Gesundheitsschutz betonen, wird die angestrebte Rückkehr zur Normalität und Existenzsicherung hart.

Andreas Rettig war von 2013 bis 2015 DFL-Geschäftsführer
Andreas Rettig war von 2013 bis 2015 DFL-Geschäftsführer © Imago

Im Fußball stehen die durchgeführten Spiele aber in einem direkten Zusammenhang. Daher ist bei der Abwägung im Hinblick auf die Zulassung der Zuschauer Fair Play und Integrität des Wettbewerbs als zusätzliche Entscheidungskomponente zu berücksichtigen. Man stelle sich am Ende der Saison ein Relegations-Hinspiel als Geisterspiel in NRW vor – und das Rückspiel in Sachsen vor ausverkauftem Haus. Der Aufschrei wäre zu Recht groß.

DFL kann sich nicht hinter lokalen Behörden verstecken

Hier kann sich die DFL als spielleitende und gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffende Dachorganisation nicht hinter den lokalen Behörden verstecken, die völlig zu Recht die alleinige Entscheidungskompetenz auf Basis des regionalen Infektionsgeschehens haben.

Dass hier noch nebenbei subtil Druck auf die Behörden entsteht nach dem Motto: "Warum geht das, was in Sachsen geht, nicht in NRW?", steht im Widerspruch zu der vor noch nicht allzu langer Zeit an den Tag gelegten Demut.

Hier wäre Selbstbeschränkung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, also an der Zahl der zugelassenen Zuschauer des am stärksten reglementierten Bundeslands, als Beitrag zur Wettbewerbshygiene und auch als gutes Signal an die Politik zu verstehen gewesen.

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Besonders Bundesgesundheitsminister Spahn, der erst durch seine Genehmigung den Weg für die Austragung der Geisterspiele ebnete, hatte seine Bedenken diesbezüglich bereits öffentlich kundgetan. Warum die Liga nicht bis zum 31. Oktober abwarten kann, um das Ergebnis der von den Ministerpräsidenten eingesetzten Arbeitsgruppe für eine bundeseinheitlichen Lösung abzuwarten, ist nicht verständlich.

Bis dahin sind sechs Spieltage absolviert, wirtschaftliche Überlegungen dürften so eine nur untergeordnete Rolle spielen. Das Argument, hier als Wegbereiter für andere Standorte zu fungieren, überzeugt nicht. Denn die Gesundheitsämter in NRW werden sich nach den aktuellen Infektionszahlen und nicht an möglicherweise erfolgreich umgesetzten Hygienekonzepten anderer Klubs  orientieren.

Verpasste Chance für DFL und RB Leipzig 

Die abgelaufene Saison liefert statistische Evidenz für den Wettbewerbsvorteil der von Zuschauern unterstützten Heimmannschaften: Gewannen im Schnitt 45 Prozent der Heimmannschaften (vor Corona) ihre Spiele, ist die Quote bei Geisterspielen nur ca 32 Prozent. Dass diese Wettbewerbsverzerrung mit dem Bielefelder Trainer Neuhaus und dem Ex-FC-Geschäftsführer Schmadtke zwei ehemalige Sportler thematisierten, spricht für sich.

Abzuwarten bleibt, ob hier nicht Einspruchsgründe vorliegen, da die sportlichen Chancen nicht davon abhängig sein dürfen, ob ein Klub in der Nähe eines Fleisch verarbeitenden Betriebes oder in einem nicht so stark betroffenen Bundesland liegt.

Die DFL hat eine Chance verpasst, hier Kante zu zeigen. Und RB Leipzig versäumt eine gute Gelegenheit, ein besonderes Bekenntnis zur Solidargemeinschaft abzulegen, indem der Verein auf die behördlich genehmigte Zuschauerunterstützung im Stadion freiwillig verzichtet.

Ich freue mich dennoch auf die Pokalspiele und jeden Zuschauer, der live dabei sein kann. Durch den Modus besteht auch keine Sorge um die die Integrität des Wettbewerbes. Der Pokal hat nicht nur hier seine eigenen Gesetze.

Andreas Rettig war von 2013 bis 2015 DFL-Geschäftsführer. In den Jahren davor arbeitete der heute 57-Jährige als Manager bei den Bundesligisten SC Freiburg, 1. FC Köln und FC Augsburg. Vom 1. September 2015 bis zum 30. September 2019 war er kaufmännischer Geschäftsleiter beim Zweitligisten FC St. Pauli.