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Nach der Entlassung von Achim Beierlorzer rückt bei Mainz 05 der bisherige Co-Trainer Jan-Moritz Lichte auf. SPORT1 stellt den Coach, der zum ersten Mal in den Fokus rückt, vor.

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Als Jan-Moritz Lichte am 12. November 2019 das Training der 05-Profis leitete, war er von einer dezimierten Gruppe umgeben.

Viele Spieler waren nach der Niederlage gegen Union Berlin und der Trennung von Sandro Schwarz für Länderspiele abgereist. Lichte wirkte ganz entspannt in seiner Rolle. Eine Hand in der Hosentasche, die andere ruhige Gesten führend in der Luft, sprach er viel mit den Spielern.

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Als das Team zehn Tage später in Hoffenheim antrat, war er schon wieder in die zweite Reihe gerückt und Achim Beierlorzer fuhr als Nachfolger von Sandro Schwarz einen fulminanten 5:1-Sieg ein.

Damals keimte Hoffnung auf, die als eher unkonventionell empfundene Entscheidung des Vereins für den nur Tage zuvor in Köln entlassenen studierten Lehrer könne die richtige sein.

Lichte kann sich "Dauerlösung vorstellen"

Zehn Monate, einen Klassenerhalt und einen Spieleraufstand später ist der Mittelfranke Geschichte bei den 05ern. Die drängenden Fragen, was schiefgelaufen ist und warum, muss der Verein vor allem intern aufarbeiten und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.

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Der neue Cheftrainer, über dessen Verbleib in dieser Rolle zunächst keine zeitliche Aussage getroffen wurde, versucht indes, sich von alldem freizumachen und auf Inhaltliches zu konzentrieren. Wichtig sei ihm, zunächst eine defensive Struktur mit dem Team zu erarbeiten, um endlich weniger Gegentore zu bekommen, erklärte er auf der Pressekonferenz, in der er vorgestellt wurde. Denn mit Niederlagen werde sich die Stimmung in und um den Klub nicht ändern.

Gemeinsam mit Michael Falkenmayer wurde Jan-Moritz Lichte, der selbst auf Oberliga-Niveau gespielt hat, im Sommer 2017 Co-Trainer unter Sandro Schwarz. Eine Rolle, die er zuvor in Paderborn und bei St. Pauli unter André Schubert, in Hannover unter Michael Frontzeck und in Leverkusen bei Sami Hyypiä und Sascha Lewandowski bekleidet hatte.

In Leverkusen bezeichnete Sportchef Rudi Völler ihn schon damals als "hochbegabten Trainer" und hatte ihn 2013 als möglichen Nachfolger Lewandowskis auf dem Zettel, als der zurück in den Nachwuchs ging. Fragen zu seiner Rolle als Co beantwortet Lichte seit Jahren geduldig: Die Position habe viele Vorteile, er traue sich aber auch mehr zu.

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Entsprechend selbstbewusst seine Aussagen bei der PK: Zwar sei die neue Aufgabe unter den aktuellen Vorzeichen schwierig, mindestens anspruchsvoll und er sei gut beraten, sie Schritt für Schritt anzugehen, aber: "Ich kann mir prinzipiell die Dauerlösung vorstellen."

Lichte setzt auf Selbsterkenntnis der Mannschaft

Es wäre ohnehin ein Fehler den Coach zu unterschätzen, nur weil er weder in die erste Reihe drängte, noch die Öffentlichkeit sucht. Der Baunataler weiß sehr genau, was er will, ganz unabhängig von der Position, die er bekleidet. Zu seinen Spielern hat er einen guten Draht, was nicht heißt, dass er sich scheut, Klartext zu reden.

Dass die Mannschaft nun als schwierig gilt, habe sie "sich selbst zuzuschreiben", analysiert Lichte. Zugleich betont er, er habe den Spielern am Morgen gesagt, er wolle sie so nehmen, wie sie sind, mit allen guten und schlechten Eigenschaften. Jeder solle prüfen, was er einbringen kann für das Team.

Zugleich lobte der 40-Jährige die Qualität in seinem Staff. Er selbst werde als Chefcoach sicher andere Charaktereigenschaften von sich in den Vordergrund stellen und den Job "so machen, wie ich bin". Das hat er bereits einmal getan, als Sandro Schwarz in der Saison 2019/2020 das Spiel in Paderborn gelb-rot-gesperrt im Bus verfolgte. Damals resümierte Lichte: "Ich hatte nicht das Gefühl, fehl am Platz zu sein."

Vor dem Engagement in Mainz leitete er zuletzt die Nachwuchsabteilung bei Hannover 96. Weil er seine Möglichkeiten dort gefühlt ausgeschöpft hatte und die Gespräche mit den 05-Verantwortlichen ihm "zwischenmenschlich und inhaltlich ein gutes Gefühl" gaben, war es eine leichte Entscheidung, ihrem Ruf zu folgen.

Lichte eine Notlösung? Das weist Schröder von sich

Die Erfahrung mit den jungen Spielern kann ihm bei der Einbindung der NLZ-Talente ebenso helfen, wie die Arbeit an einem Standort wie Leverkusen vorbereitend war für die neue Rolle. In Sachen Selbsteinschätzung sagt er: "Ich habe mit tollen Cheftrainern gearbeitet, von denen ich viel gelernt habe."

Die Vermutung, Lichte sei eine Notlösung, weil finanziell mit Schwarz und Beierlorzer auf der Gehaltsliste nichts Anderes machbar ist, wies Rouven Schröder deutlich zurück und betonte: "Der Cheftrainer ist der wichtigste Angestellte eines Vereins." Entsprechend verantwortlich müsse die Rolle besetzt werden.

Für Jan-Moritz Lichte mag dabei auch gesprochen haben, dass in seinem Kurs als Fußballlehrer, den er 2011 als Jahrgangsbester abgeschlossen hat, ein gewisser Stefan Hofmann saß. Es ist anzunehmen, dass der Vorstandsvorsitzende von Mainz 05 seine sportliche Einschätzung mit in die Waagschale geworfen hat.

Lichte selbst hat einmal gesagt, spannend an der Arbeit als Trainer sei, "die Möglichkeit, den Fußball größer zu sehen." Nun hat er die Gelegenheit, seine Sicht auf den Fußball zu zeigen.