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Bad Ragaz - Im Testspiel am Sonntag (LIVE auf SPORT1) trifft Borussia Dortmund auf die von Peter Stöger trainierte Austria Wien. Im Interview spricht der frühere BVB-Trainer auch über Sancho und Watzke.

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Borussia Dortmund testet am Sonntag in Altach gegen Austria Wien – und trifft damit auf einen alten Bekannten.

Ex-BVB-Coach Peter Stöger (2017 bis 2018) arbeitet als Sportchef und Trainer in Personalunion beim österreichischen Traditionsklub.

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Im SPORT1-Interview spricht der 54-Jährige über die Zeit in Dortmund, Jadon Sancho und sein Verhältnis zu Hans-Joachim Watzke.

SPORT1: Peter Stöger, seit kurzem sind Sie nicht nur Sportvorstand der Wiener Austria, sondern auch Trainer. Wie kam es dazu?

Peter Stöger: Ich habe vor einem Jahr hier als Sportvorstand angefangen. Im Sommer ist unser Trainer Christian Ilzer überraschend nach Graz gegangen. Er hatte eigentlich noch einen Vertrag, wollte aber eine Veränderung. Dann haben wir überlegt, was wir machen können. Wir wollten kein großes Risiko eingehen und haben uns dazu entschieden, dass ich das jetzt für ein Jahr - neben meinem Job als Sportvorstand - mache. Ich kenne schließlich den Verein, die Strukturen und die Mannschaft sehr gut.

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SPORT1: Wie hart ist die Austria von der Corona-Krise betroffen?

Stöger: Wir haben einiges hier in der Struktur korrigieren müssen und zudem ein neues Stadion gebaut. Das hat ganz schön Geld gekostet. Wir sind eine AG und auf der Suche nach Investoren und strategischen Partnern und wollen dafür auch Anteile verkaufen. Nach dem Neubau unseres Stadions, einigen infrastrukturellen Erneurungen und der Corona-Krise müssen wir den Gürtel enger schnallen. Wir sind schon stabil aufgestellt, aber Corona verschärft das Ganze natürlich. Wir brauchen Zuschauer – so wie jeder andere Verein auch. Wir leben von Sponsoren und Fans. Das TV-Geld ist weiter unten angesiedelt als in der Bundesliga oder der Premier League.

Corona-Einbußen treffen Austria Wien hart

SPORT1: Dem BVB fehlen pro Heim-Spieltag rund vier Millionen Euro. Wie sieht das in Wien aus?

Stöger: Uns fehlen rückblickend auf die letzten Monate ein bisschen mehr als das, was dem BVB pro Spieltag entgeht. Unser Budget liegt zwischen 25 und 30 Mio. Euro. In kurzer Zeit sind uns vier bis fünf Millionen Euro flöten gegangen. Das ist schon hart.

SPORT1: In der österreichischen Bundesliga soll ab September wieder vor Zuschauern gespielt werden. Auch beim Test morgen in Altach sind Fans zugelassen.

Stöger: Bei uns passen 17.000 Zuschauer rein. Wir haben ein Konzept erarbeitet, dass das Gesundheitsamt und die zuständigen Behörden noch bestätigen müssen. Wir hoffen aber, dass wir ab September vor 8000 Zuschauern spielen dürfen. Das wäre für uns lebensnotwendig.

SPORT1: Im Verein hatten Sie zuletzt zwei Corona-Fälle. Der BVB-Test stand zwischenzeitlich auf der Kippe.

Stöger: Wir haben zwei positive Fälle bei uns, das stimmt. Einer aus dem Trainerteam, der null Kontakt zu den Spielern hatte, und ein verletzter Spieler. Die Testungen jetzt vor dem BVB-Spiel waren alle negativ – das war schon die Vorgabe, sonst hätten wir auch nicht gespielt. Jetzt freuen wir uns auf das Spiel.

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Stöger blickt zurück auf BVB-Zeit

SPORT1: Zwischen 2017 und 2018 haben Sie den BVB für ein halbes Jahr trainiert. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Stöger: Es war eine echte Challenge. Die Bewertung fällt rückblickend, glaube ich, positiv aus. Die handelnden Personen im Klub konnten das schon ganz gut einschätzen. Wir haben uns damals mit dem BVB in einem Umbruch befunden, viele Spieler sind vor der Saison gegangen. Die Führungsriege wusste, wie schwierig das wird. Die mediale Bewertung war sicher eine andere. Dortmund ist immer in der Jäger-Rolle, allein vom Selbstverständnis her.

SPORT1: Sie haben den BVB am 15. Spieltag auf Platz 8 übernommen und waren in den ersten zehn Spielen ungeschlagen (5 Siege, 5 Remis). Am Ende stand Platz 4 zu Buche. Ein Erfolg?

Stöger: Das war das Ziel. Es hat ja keiner wahrnehmen wollen, dass der BVB zu der Zeit meiner Übernahme Achter war. Das ist für viele außerhalb der Vorstellungskraft. Da gehört der BVB natürlich auch nicht hin. Viele Dinge liefen sicher nicht ganz optimal. Mit Peter Bosz hat man einen guten Trainer entlassen, weil man seine Ziele in Gefahr sah. Das lag aber nicht an Peter. Die Struktur war einfach schwierig. Wenn wir damals schon Spieler wie Witsel, Can oder Hummels gehabt hätten, wären wir wohl Zweiter statt Vierter geworden. Wir haben viele gute Entscheidungen getroffen, von denen der BVB heute noch zehrt.

Wenn Watzke anruft, überlegt man nicht lange

SPORT1: Zum Beispiel?

Stöger: Es war ein gutes Signal, dass wir Jadon Sancho von Beginn an haben spielen lassen, auch wenn er noch nicht die nötige Erfahrung im Profigeschäft hatte. Das hat uns geholfen. Wir haben auch – trotz großer Kritik der Fans – an Roman Bürki im Tor festgehalten. Es gab viele Entscheidungen, die sicherlich Sinn gemacht haben.

SPORT1: Wieso war dann im Sommer nach einem halben Jahr Schluss?

Stöger: Ich war ja zuvor sehr lange in Köln. Es war untypisch, dass ich da rausgehe und nach einer Woche beim BVB unterschreibe. Ich wollte ja eigentlich eine längere Pause einlegen. Aber wenn Aki Watzke anruft und sagt: "Wir brauchen dich, wir müssen unbedingt in die Champions League kommen". Dann überlegst du nicht lange. So eine Chance kriegst du selten. Wir haben uns von Anfang an darauf geeinigt, dass es nur ein halbes Jahr lang gehen wird. Das Ziel war dabei immer, dass wir es in die Champions League schaffen. Das Ergebnis und der Klub standen immer im Vordergrund. Unser Ziel haben wir erreicht und das macht mich auch rückblickend noch zufrieden.

SPORT1: Wie ist Ihr Draht zu Hans-Joachim Watzke heute?

Stöger: Ich bin nach wie vor mit Aki im Austausch. In dieser kurzen Zeit, in der ich beim BVB war, ist echt etwas Spezielles entstanden. Das kann man nicht anders sagen. Zwischen uns war es mehr, als nur eine klassische Trainer-Chef-Konstellation. Vielleicht auch aus dem Grund, weil wir gleich von Beginn an offen zueinander waren. Das war ein gemeinschaftliches Projekt mit der Zielsetzung, die Königsklasse zu erreichen – und das haben wir geschafft.

SPORT1: Jetzt testen Sie mit der Austria gegen den BVB. Was kann man von Ihrem Team erwarten?

Stöger: Wir sind erst fünf Tage im Training und haben demnach keine großen Erwartungen. Das Spiel ist eine große Herausforderung für unserer junge Truppe. Wir befinden uns in einem Umbruch.

Stöger: Sancho-Verbleib für beide Seiten gut

SPORT1: Welche Spieler kennen Sie noch aus Ihrer BVB-Zeit?

Stöger: Es sind einige Spieler von früher dabei. Bürki, Piszczek, Akanji, Schmelzer, Dahoud, Guerreiro oder Sancho. Bei mir hat Jadon sein erstes Bundesliga-Spiel von Beginn an gemacht.

SPORT1: Die BVB-Bosse haben ein Machtwort gesprochen und klargestellt, dass Jadon Sancho mindestens für ein weiteres Jahr beim BVB bleibt. Wie finden Sie das?

Stöger: Es ist gut, dass der BVB hart geblieben ist. Das ist für beide Seiten die richtige Entscheidung – vor allem auch für Jadon! Er ist als junger Spieler nach Dortmund gekommen, hat eine solide und zuletzt eine sehr gute Saison gespielt. Er soll seine Leistungen erst noch bestätigen und kann dann vielleicht schauen, ob was Größeres geht. Ein weiteres Jahr beim BVB tut ihm gut.

SPORT1: Jadon Sancho eckt mit seinen Fehltritten immer wieder an. Sie haben ihn damals, nachdem er mehrfach zu spät zum Training erschien, sogar zwischenzeitlich suspendiert. War das sein Weckruf?

Stöger: Das weiß ich nicht. Jadon braucht sicherlich seine Freiheiten, aber alles darf er sich auch nicht erlauben. Der Wettstreit, wer der Coolste im ganzen Land ist, begleitet die Jungs und ihn natürlich auch. Das zeigt er auch gerne in den Sozialen Netzwerken. Aber es gibt viele Spieler, die dann nicht liefern. Jadon liefert!