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München - Uli Hoeneß unterstellt dem BVB, Spieler zu "Verkaufsobjekten" zu machen. Doch hat der FC Bayern bei Transfers selbst wirklich nie nur ans Geschäft gedacht? Der Reality-Check.

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Die Abteilung Attacke ist zurück - und meldet sich direkt aus dem Ruhestand. 

Uli Hoeneß hat die Transferpolitik von Borussia Dortmund in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als "unklug" bezeichnet. Der BVB hole "hochtalentierte" Spieler, die der Klub aber wenig später als "Verkaufsobjekte" bezeichne. 

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Der Ehrenpräsident des FC Bayern hatte auch gleich eine Erklärung parat, warum es die Münchner in den letzten Jahren besser machten. 

"Wie soll ein Spieler die DNA eines Vereins hundertprozentig aufsaugen, wenn er das Gefühl hat, ein Verkaufsobjekt zu sein? Bei uns gibt es das überhaupt nicht. Wir holen Spieler für Bayern München. Und niemals, um daraus Geschäfte zu machen", sagte Hoeneß. 

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Laut dem 68-Jährigen könne diese unterschiedliche Herangehensweise in den wichtigen Spielen zehn Prozent ausmachen: "Ein Spieler muss das Gefühl haben: Ich bin Bayern forever", erklärte Hoeneß die Bayern-Philosophie.

Doch hat der FC Bayern wirklich bei keinem Transfer an einen lukrativen Weiterverkauf - also ans Geschäft - gedacht? SPORT1 prüft die Behauptung von Hoeneß anhand der letzten zehn Jahre. 

Costa nur ein Missverständnis

Bei einem Blick auf die Transfers der jüngsten Dekade fällt auf, dass die Bayern tatsächlich wenige Akteure mit großem Gewinn verkauft haben. Mario Mandzukic ist einer von ihnen. 

Der deutsche Rekordmeister hatte den Kroaten im Sommer 2012 für 13 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg verpflichtet, zwei Jahre später ließ der Klub den Torjäger für 22 Millionen Euro zu Atlético Madrid ziehen. 

In seinen zwei Spielzeiten an der Säbener Straße war Mandzukic allerdings ein verlässlicher Knipser, erzielte in 88 Pflichtspielen 48 Tore. Gebraucht hatten die Münchner den Mittelstürmer also durchaus - kein Transfer, der nur auf das Geschäft abzielte. 

Einen anderen Fall stellt Douglas Costa dar. Den Brasilianer hatten die Bayern im Jahr 2015 für satte 30 Millionen Euro von Shakhtar Donetsk losgeeist. Zwei Jahre darauf folgte eine Leihe zu Juventus Turin, noch ein weiteres Jahr später ging der Offensivspieler dauerhaft zum italienischen Rekordmeister. Ablösesumme: 40 Millionen Euro. 

In München konnte Costa nur in seiner ersten Hinrunde überzeugen. Hoeneß warf ihm nach seiner Zeit im roten Trikot vor, dass es dem Brasilianer vornehmlich ums Geld gegangen sei. "Costa hat nicht funktioniert, weil er ein ziemlicher Söldner war, der uns charakterlich nicht gefallen hat", hatte Hoeneß - zu dieser Zeit noch Präsident - der Frankenpost verraten.

Ein Missverständnis - mit einem Transfer-Gewinn von 10 Millionen Euro. 

Bayern machte mit Rudy und Rode ein Geschäft

Bei Xherdan Shaqiri betrug der Gewinn drei Millionen Euro. 2012 war der Schweizer für 12 Millionen Euro vom FC Basel nach München gewechselt, 2015 ging er für 15 Millionen Euro zu Inter Mailand. 

Auch Shaqiri konnte sich bei den Bayern nicht vollends durchsetzen, auch wenn das Kraftpaket immer wieder gute Phasen hatte. Ob die Verantwortlichen bei der Verpflichtung des damals 20 Jahre alten Talents von "Bayern forever" ausgingen? Zumindest fraglich.

Hinter drei weiteren Spielern steht ein noch dickeres Fragezeichen: Pierre-Emile Hojbjerg, Sebastian Rudy und Sebastian Rode. 

Hojbjerg kam schon als 16-Jähriger ablösefrei an die Säbener Straße. Der Däne spielte zunächst für die zweite Mannschaft, wurde dann nach Augsburg und zum FC Schalke 04 verliehen. Im Sommer 2016 schloss sich der zentrale Mittelfeldspieler für 15 Millionen Euro dem FC Southampton an. 

Auch Rode und Rudy kamen ablösefrei. Rode wechselte 2014 von Eintracht Frankfurt an die Isar. Zwei Jahre später ließen ihn die Münchner für eine Ablösesumme von 12 Millionen Euro zu Borussia Dortmund ziehen. 

Der Mittelfeldstratege kam an der Säbener Straße über die Rolle des Reservisten kaum hinaus, sammelte insgesamt rund 2000 Spielminuten. 

Rudy blieb sogar nur ein Jahr in München, ehe er zum FC Schalke 04 wechselte. Kostenpunkt: 16 Millionen Euro. Auch der defensive Mittelfeldspieler war bei den Bayern Ergänzungsspieler, der allerdings regelmäßig zum Einsatz kam.

Mehrzahl der Transfers des Kalibers "Bayern forever"

43 Millionen Euro spülten alle drei Spieler zusammen in die Kassen der Bayern, ohne dass von den Verantwortlichen auch nur ein Euro in die Hand genommen werden musste. 

Clevere Transfers, so viel dürfte im Nachhinein feststehen. Doch auch Transfers der Bayern-Philosophie, die Hoeneß beschrieb? Wohl eher nicht. 

Hoeneß und Co. dürfte vor der Verpflichtung eines Rode und eines Rudy durchaus klar gewesen sein, dass es beide schwer haben würden, sich dauerhaft in München durchzusetzen. Vielmehr ergriffen sie die Chance, Verstärkungen für die Kaderbreite zum Nulltarif zu holen - ohne Risiko. 

Auch die Verantwortlichen des FC Bayern werden bei dem einen oder anderen Transfer in den letzten zehn Jahren also das Geschäft zumindest im Hinterkopf gehabt haben.

Allerdings achtete der deutsche Rekordmeister bei der Mehrzahl der Neuzugänge darauf, dass sie das Kaliber "Bayern forever" hatten. 

Das zeigen in den letzten zehn Jahren beispielhaft die Transfers von Joshua Kimmich, Niklas Süle, Thiago, Kingsley Coman, Javi Martínez, Manuel Neuer, Mats Hummels, Robert Lewandowski und Leon Goretzka.

Leroy Sané - der jüngste Transfer im Zeichen der Bayern-Philosophie - wird in der nahen Zukunft zeigen wollen, dass er das Gütesiegel "Bayern forever" verdient.