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München - Alexander Nouri gibt im SPORT1-Interview Einblicke in seine gemeinsame Zeit bei Hertha BSC mit Jürgen Klinsmann. Ein Trainingslager bleibt prägend in Erinnerung.

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Alexander Nouri ist seit zehn Jahren Fußballlehrer. Zum ersten Mal als Cheftrainer in der Bundesliga trat er in der Saison 2016/2017 bei Werder Bremen in Erscheinung.

Am 27. November 2019 wurde Nouri Assistent von Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC. Nach dessen Entlassung übernahm der 40-Jährige die Mannschaft bis auf Weiteres. Anfang April wurde Nouri während der durch die Corona-Pandemie ausgelöste Ligaunterbrechung durch Bruno Labbadia ersetzt.

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Im SPORT1-Interview spricht Nouri über seine Zeit bei der Hertha, Klinsmann, den Trainer-Job - und die Coronakrise.

SPORT1: Herr Nouri, wie geht es Ihnen in der Corona-Zeit?

Alexander Nouri: Mir geht es soweit gut. Natürlich würde ich gerne mit einer Mannschaft auf dem Platz stehen, das ist das, wofür ich brenne. Die Umklammerung von Corona ist aber leider gesellschaftsübergreifend in allen Bereichen. Natürlich ist das eine schwierige Situation für Trainer, aber auch für alle anderen Menschen. Wir müssen lernen damit umzugehen.

SPORT1: Wie halten Sie Kontakt zur Fußballszene?

Nouri: Dadurch, dass ich lange schon im Geschäft bin, habe ich ein großes Netzwerk und da kann ich schon regelmäßig zum Handy greifen, vielleicht nicht immer zur Freude des privaten Umfelds. Ich spreche viel mit Kollegen und Bekannten aus dem Business und tausche mich da aus. Aber in der Tat bin ich früher viel gereist und habe mir den einen oder anderen Klub auch mal vor Ort oder im Trainingslager angeschaut. Das ist jetzt leider nicht möglich.

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SPORT1: Glauben Sie, dass eine gewisse Rücksichtnahme und Entschleunigung im Fußball nach Corona bleibt?

Nouri: Die Welt ist jetzt eine andere. Auch im Fußball. Auch die Tatsache, dass bei der DFL laut über einen Salary Cap nachgedacht wird, sind ja Indizien, dass man sich Gedanken macht, wie es weitergehen kann. Die Liebe zum Fußball wird durch Corona nicht abgenommen haben.

SPORT1: Gemeint war mit der Frage eher, ob der Fußball nach Corona wieder in seine normalen Mechanismen zurückfällt?

Nouri: Die Spieler und die Funktionäre haben das DFL-Konzept sehr gut umgesetzt. Es gibt mehr Solidarität und man muss gegenseitig mehr auf sich achten. Es sind nur kleine Steps, das stimmt, aber ich glaube insgesamt ist das der richtige Weg.

SPORT1: Sprechen wir über Ihre Zeit bei Hertha BSC. Wie bewerten Sie rückblickend Ihre Zusammenarbeit mit Jürgen Klinsmann?

Nouri: Die Zusammenarbeit war hochprofessionell. Auch erfolgreich, das muss ich noch mal betonen, denn wir haben die Mannschaft mit dem Rücken zur Wand, punktgleich mit Werder Bremen und Fortuna Düsseldorf auf dem Relegationsplatz übernommen. Dann hat Jürgen mit seiner Art und wir vom Trainerteam gemeinsam das Schiff wieder auf Kurs gebracht. Am Ende haben Jürgen und später auch ich das Team mit sechs Punkten Vorsprung auf Platz 16 übergeben.

SPORT1: Ganz ehrlich, hatten Sie eine faire Chance, als Klinsmann Hertha Hals über Kopf verlassen hat?

Nouri: Wir hatten im Vorfeld klar besprochen, dass wir die Mannschaft bis zum Saisonende betreuen, da kann man schon von einer fairen Chance sprechen. Als dann Corona dazwischen kam und aus nachvollziehbaren Gründen des Klubs, die Trainerentscheidung vorgezogen wurde, war es nicht mehr so.

SPORT1: Wie ist der heutige Kontakt zu Jürgen Klinsmann?

Nouri: Wir haben ab und zu Kontakt und es ist alles ganz normal zwischen uns. Ich habe ihm zuletzt auch zum Geburtstag gratuliert und es ist eine freundschaftliche Beziehung.

SPORT1: Tut es Ihnen leid, dass der Name Jürgen Klinsmann jetzt in Deutschland so negativ behaftet ist?

Nouri: Ob man das so feststellen kann, weiß ich nicht. Jürgen hat dazu schon etwas gesagt und dem möchte ich nichts mehr hinzufügen.

SPORT1: Inwieweit hat Sie das Kapitel Hertha weitergebracht oder Ihnen geschadet?

"Jürgen hat mich inspiriert"

Nouri: Erfahrungen auf dem höchsten Niveau zu sammeln - egal, ob positiv oder negativ - bringen einen immer weiter. An der Seite von Jürgen arbeiten zu dürfen, hat mich definitiv als Trainerpersönlichkeit reifen lassen. Durch seine alltägliche Begeisterungsfähigkeit und das Anregen zu neuen Denkanstößen, hat er mich inspiriert.

SPORT1: Was war das konkret?

Nouri: Wenn ich daran denke, wie wir gemeinsam das Trainingslager im Januar geplant haben. Jürgen kam mit seinen Ideen, das Trainingslager so umzusetzen wie 2006 mit der Nationalmannschaft. Da waren wir anfangs eher skeptisch, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass es von der Trainingsqualität und Atmosphäre eines der besten Trainingslager war. Jürgen hat die Spieler quasi nur für die Trainingseinheiten gebucht und 100 Prozent eingefordert. Die freie Zeit um das Training herum konnten die Spieler eigenständig planen. So schaffte es Jürgen, die Spieler mit maximaler 100prozentiger Aufmerksamkeit und physischer Präsenz in jeder Einheit auf dem Platz zu bekommen und am Limit zu trainieren. Das war für mich eine positive Erfahrung.

SPORT1: Sehen Sie diesen Abschnitt Ihrer Trainerkarriere unter Klinsmann nicht auch als kleinen schwarzen Fleck auf Ihrer Trainerjacke?

Nouri: Nein. Jürgen und ich haben professionell und erfolgreich zusammengearbeitet. Der Klassenerhalt war am Ende das wichtigste Ziel.

"Die Fluktuation in dem Job ist Wahnsinn"

SPORT1: Wie sehen Sie generell den Trainerjob. Ist es eher eine Qual oder lebt man im Paradies?

Nouri: Man kann die Entwicklung kritisch sehen. Die Fluktuation in dem Job ist natürlich Wahnsinn. Oft kommt ein neuer Trainer in einer Situation, die nicht einfach ist. Überall, wo Erfolg ist, ist der auch gewachsen und kommt nicht über Nacht. Die Gesellschaft ist leider so, dass alles immer schnell verfügbar sein muss und alles sofort konsumiert werden soll. Aber die Realität ist leider eine andere. Erfolg braucht Raum, Zeit und Vertrauen. Es gibt auch positive Beispiele wie in der vergangenen Saison bei Werder Bremen mit Florian Kohfeldt oder damals bei Eintracht Frankfurt mit Niko Kovac. Da wurde zu 100 Prozent Vertrauen geschenkt und es konnte etwas wachsen.

SPORT1: Ist Werder das Paradebeispiel für 100 Prozent Vertrauen?

Nouri: Es tat gut zu sehen, dass ein Verein mit Überzeugung einen Weg geht. Ein längerer Atem und volle Rückendeckung tun einem Trainer definitiv gut, um etwas Erfolgreiches entstehen zu lassen.

SPORT1: Hätten Sie sich damals zu Ihrer Zeit bei Werder auch solch ein großes Vertrauen gewünscht?

Nouri: Das wünscht sich jeder Trainer für seinen Job, der nicht einfach ist. Bei Bundesliga-Trainern wird jedes Wort und jede Geste auf die Goldwaage gelegt. Da ist eine starke Position sehr wichtig.

SPORT1: Sie sollen eine hohe Affinität für den spanischen Fußball haben, haben auch schon bei spanischen Klubs reingeschnuppert.

Nouri: Das stimmt. Ich war bei Werder im Trainerstab von Robin Dutt und als wir im Trainingslager im Zillertal waren, hat er mich ins Trainingslager von Athletic Bilbao geschickt, um dort eine Trainingsdoku zu machen. Ich bin also hin und habe mich offiziell vorgestellt und die Jungs fanden das extrem interessant, dass ich von Werder, das ein paar Jahre zuvor in der Europa League in Bilbao 3:0 gewonnen hatte, vorbeikomme und beim Training zuschauen möchte. Sie fühlten sich wirklich gebauchpinselt und waren sehr offen.

Ernesto Valverde, der später in Barcelona Trainer war, war damals Trainer, wir haben uns ausgetauscht und er hat mir fünf Tage lang die Trainingsinhalte erklärt. Danach wurde ich nach Bilbao eingeladen, um mir die Ausbildungsphilosophie des Klubs und das Training der Profis anzuschauen. Das war eine fantastische Erfahrung und der Kontakt ist bis heute nicht abgerissen. Diese Offenheit unter Trainern ist in Spanien gefühlt noch stärker als in Deutschland.

"Ich möchte den Weg als Cheftrainer weiter gehen"

SPORT1: Haben Sie eigentlich einen Karriereplan? Wäre als nächster Schritt das Ausland für Sie denkbar, wenn auch vielleicht nur als Co-Trainer? Sie haben ja auch schon in den USA bei drei Klubs hospitiert...

Nouri: Ich bin seit über zehn Jahren im Trainerbereich unterwegs, habe im Nachwuchsleistungszentrum und in den ersten vier Ligen Erfahrungen sammeln können. Natürlich ist im Fußball wenig planbar. Ich habe keinen Karriereplan. Es kommt immer auf die Konstellation und das Projekt an, aber grundsätzlich möchte ich den Weg als Cheftrainer weiter gehen.

SPORT1: Wo sehen Sie die Bundesliga im internationalen Ranking?

Nouri: Da gehen die Geschmäcker auseinander. Die Spanier sind auf einem höheren Niveau, was die technische Ausbildung der Spieler angeht. Es gibt mehr Ballzirkulation und Kombinationsspiel. Und die individuelle Qualität der Spieler bei Barca oder Real macht oft den Unterschied. Genau wie in Deutschland der FC Bayern ein Beispiel dafür ist, dass individuelle Qualität am Ende den Titel gewinnt. In der Breite ist die Bundesliga stärker, aber in der Spitze hat die spanische Liga die Nase vorn.

SPORT1: Die Premier League ist bei Ihnen nicht die Nummer 1?

Nouri: Doch. Es macht Spaß, die Dynamik und Wucht sowie das Tempo in England zu sehen. Natürlich steht da eine ganz andere finanzielle Kraft hinter den Klubs, da ist die Premier League das Maß aller Dinge.

"Flick hat einen tollen Weg gefunden"

SPORT1: An welchen Trainern schauen Sie sich etwas ab und was hätten Sie gerne von Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann?

Nouri: Es ist schwierig, jemanden zu kopieren. Man kann von allen Trainern etwas mitnehmen. Der Austausch mit den Kollegen ist immer wertvoll und ich schätze ihn sehr.

SPORT1: Große Schritte als Trainer der Bayern hat Hansi Flick gemacht. Hätte Sie das gedacht?

Nouri: Er hat einfach ein sehr breites Spektrum an Erfahrung in vielen Bereichen sammeln können und kann die jetzt sehr gut einbringen. Er hat einen tollen Weg gefunden, das Ensemble bei Bayern zu moderieren. Chapeau vor Flick. ich drücke ihm die Daumen, dass er mit seiner Truppe das Triple holt.

SPORT1: Max Kruse ist zurück in der Bundesliga, spielt in der neuen Saison für Union Berlin. Er war in Bremen Ihr Spieler. Was sagen Sie zu seiner Rückkehr?

Nouri: Max ist ein fantastischer Fußballer, was er damals bei Werder auch bewiesen hat in einer historischen Rückrunde, die wir gespielt haben, als wir kurz vor der Europa League standen. Da hatte er zusammen mit Fin Bartels im Angriff einen großen Anteil daran. Max ist ein außergewöhnlicher Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Darauf kann sich die Bundesliga freuen. Er ist zudem ein starker Charakter. Ich finde es toll, dass er wieder da ist.