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München - Im Interview mit SPORT1 analysiert Bayern-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge die Schalker Krise und spricht über die Verteilung der TV-Gelder.

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Gut gelaunt empfängt Karl-Heinz Rummenigge die SPORT1-Reporter zu seinem persönlichen Saisonabschluss-Interview.

Im fast 90-minütigen Gespräch bezieht der Vorstandsboss des FC Bayern im zweiten Teil des großen SPORT1-Interviews Stellung zur Krise des FC Schalke 04 und gibt eine gewagte Prognose ab (Hier geht's zu Teil 1)

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Eine Meinung hat er auch zu Gehaltsobergrenzen und der Umverteilung der TV-Gelder.

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SPORT1: Herr Rummenigge, bei Schalke 04 herrscht Katerstimmung und da Leroy Sané unter 50 Millionen Euro kosten wird, gehen die Knappen fast leer aus. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Karl-Heinz Rummenigge: Niemand möchte bemitleidet werden. Vor einem Jahr hatten die Transfersummen eben noch eine andere Dimension, aber in diesem Jahr scheinen sich die Preise auf eine rationalere Größenordnung einzupendeln. Natürlich drücke ich Schalke 04 nun beide Daumen, dass sie mit einem neuen Konzept, neuem Spirit und der nötigen Geduld zurück zu alter Stärke finden. Schalke ist einer der traditionsreichsten Vereine in Deutschland und ein wichtiger Klub für die Bundesliga.

SPORT1: Wie bewerten Sie den Rücktritt von Vereinschef Clemens Tönnies?

Rummenigge: Clemens war immer die dominante Figur dieses Klubs und nach seinem Rücktritt muss sich der Klub nun sicherlich neu aufstellen.

SPORT1: Mit Manuel Neuer, Leon Goretzka, Alexander Nübel und jetzt Leroy Sané sind vier Ex-Schalker bei Ihnen. Hat der FC Bayern eine Teilschuld am sportlichen Fiasko der Königsblauen?

Rummenigge: Der FC Schalke hätte in der Zwischenzeit wahrscheinlich Deutscher Meister werden können, wenn sie diese und viele weitere Spieler, die sie in ihrer Nachwuchsabteilung erstklassig ausgebildet haben, hätten halten können. Der Fundus ihrer Nachwuchsarbeit ist einer der besten in ganz Deutschland. Fakt ist: Sie haben immer wieder sehr hoffnungsvolle Spieler verkauft, wie etwa Leroy Sané 2016 zu Manchester City, um ihren Finanzbedarf zu decken.

SPORT1: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Rummenigge: Ich möchte mich nicht in den Job der Kollegen einmischen.

Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge (l.) empfing SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk (M.) und Chefreporter Florian Plettenberg an der Säbener Straße zum Interview
Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge (l.) empfing SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk (M.) und Chefreporter Florian Plettenberg an der Säbener Straße zum Interview © SPORT1

Rummenigge: Schneider ist ein fähiger Mann

SPORT1: Schalke führt jetzt eine Gehaltsobergrenze von 2,5 Millionen Euro pro Jahr ein. Zieht der FC Bayern nach?

Rummenigge: Jeder Klub muss für sich selbst seine Philosophie finden. Das Gehaltsgefüge der Mannschaft ist ein extrem sensibles Gefüge. Ich wünsche Schalke 04 mit ihrem Vorgehen viel Erfolg. Jochen Schneider (Sportvorstand beim FC Schalke, Anm. d. Red.) habe ich schon in Stuttgart kennengelernt. Das ist ein guter Typ, ein fähiger Mann. Er hat jetzt mit seinen Kollegen eine anspruchsvolle Aufgabe zu managen.

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SPORT1: Traditionsvereine tun sich offenbar schwer bei der Modernisierung. Neugründungen wie RB Leipzig hingegen haben sportlichen Erfolg und polarisieren. Wie stehen Sie dazu? (Hier geht's zum Exklusiv-Interview mit Dietmar Hopp)

Rummenigge: Ich bin kein Freund von Anfeindungen und erst recht nicht davon, wenn Leute wie Dietmar Hopp (Mäzen der TSG Hoffenheim, Anm. d. Red.) und Dietrich Mateschitz (Gründer von Red Bull, Anm. d. Red.) beleidigt werden. Die 18 Mannschaften der Bundesliga haben sich sportlich qualifiziert und sind damit startberechtigt. Wir müssen uns davon lösen, alles immer ausschließlich an Tradition und Historie festzumachen.

SPORT1: Sie versuchen seit 2006 den Salary Cap einzuführen. Ist jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen?

Rummenigge: Nicht ich wollte den Salary Cap einführen, sondern die UEFA. Ich war damals in meiner Eigenschaft als ECA-Präsident lediglich mit am Tisch. Eine Gehaltsobergrenze war damals nicht durchsetzbar und ich denke, dass sich das auch nicht ändern wird. Ein stringenteres Financial Fair Play 3.0 könnte der Schlüssel sein.

Rummenigge: Müssen mit Transfersummen verantwortungsvoller umgehen

SPORT1: In der Corona-Krise ist erneut eine Wertediskussion aufgekommen. Worauf muss sich der Fußball wieder konzentrieren?

Rummenigge: Die Frage ist doch: Welche Werte haben Gültigkeit und von welcher Partei? Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass wir mit Transfersummen und Spielergehältern wieder etwas verantwortungsvoller und rationaler umgehen müssen. Wie wir das in Zukunft erreichen können - und zwar in ganz Europa - wird man diskutieren müssen.

SPORT1: Bleiben wir beim Sané-Transfer. Sind 50 Millionen Euro Ablöse und 17 Millionen Jahresgehalt für Sie rational?

Rummenigge: Der FC Bayern hat noch nie zu kolportierten Summen Stellung bezogen. Das entscheidende Kriterium innerhalb einer Mannschaft ist es, ein faires Gehaltsgefüge herzustellen, dass der Leistung der einzelnen Spieler jeweils gerecht wird. Das ist uns in der Vergangenheit gut gelungen, der FC Bayern ist in der Welt des Fußballs dafür bekannt, solide und seriös zu wirtschaften.

SPORT1: Wie war es früher?

Rummenigge: Die Zahlen im Fußball waren schon zu allen Zeiten sehr hoch. Als ich in den 70er-Jahren zum FC Bayern kam, verdiente Franz Beckenbauer inklusive Werbeeinnahmen auch schon siebenstellig. Das war im Vergleich zum Umsatz, der bei zwölf Millionen D-Mark lag, außerordentlich viel. Aber Franz war zu dieser Zeit der beste Spieler der Welt und das Aushängeschild des Vereins, also war er es auch wert.

Bayerns Geschäftsmodell bis Februar "eines der sichersten der Welt"

SPORT1: Können Sie infolgedessen das Geschäftsmodell des FC Bayern erklären?

Rummenigge: Das war bis diesen Februar eines der sichersten der Welt. Wenn die Mannschaft sportlich performte, indem sie mindestens das Achtelfinale in der Champions League erreicht und im Pokal sehr weit kommt, dann wussten wir am 30. Juni immer, dass das Jahr finanziell okay wird. Im Forecast gehen wir aber immer vom Worst Case aus. Wir rechnen also nur damit, dass wir die Champions League erreichen, nur die Spiele in der Gruppenphase machen, und nur in die zweite Runde des DFB-Pokals kommen. Mit mehr planen wir nicht.

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SPORT1: Es wird wieder eine Umverteilung der TV-Gelder gefordert, um mehr Chancengleichheit zu gewährleisten. Verstehen Sie die Forderungen?

Rummenigge: Die DFL wurde vor 20 Jahren gegründet und bei jeder TV-Vermarktung gab es seitdem große Diskussionen um die Verteilung der Einnahmen. Es wurden dann aber immer sehr solidarische und faire Lösungen gefunden, die immer von allen 36 Vereinen mitgetragen wurden. Ich bin überzeugt, dass dies der DFL-Führung auch diesmal gelingen wird.

SPORT1: Mehr Geld für kleinere Vereine, weniger für die Großen. Kann damit eine höhere Wettbewerbsfähigkeit sichergestellt werden?

Rummenigge: Ich werde nicht zu denen gehören, die diese Diskussion mit Äußerungen befeuern werden. Ich habe während der Corona-Zeit festgestellt, dass die größte Stärke der Bundesliga in der Harmonie und Loyalität bestand, mit der man der Krise gemeinsam begegnet ist. Diesen Spirit sollte man beibehalten.