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Gelsenkirchen - Nach dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Clemens Tönnies und durch die Folgen der Coronakrise richtet sich der FC Schalke neu aus. Europa rückt in die Ferne.

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Der Pressekonferenz-Raum im Bauch der Schalker Veltins-Arena war bis auf den letzten Platz gefüllt. Rund 60 Pressevertreter waren - unter strenger Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen - zur großen Saisonanalyse einer in vielerlei Hinsicht katastrophalen Saison gekommen.

Die beiden Vorstände Alexander Jobst (Marketing) und Jochen Schneider (Sport) sowie Trainer David Wagner waren sich einig: So wie bisher kann es nicht weitergehen!

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Nach einer Horror-Rückrunde mit nur einem Sieg aus 17 Spielen und den vielen Problemen abseits des Rasens (Tönnies-Rücktritt, Härtefall-Antrag, Entlassung von Nachwuchsfahrern) wird auf Schalke nun eine neue Zeitrechnung eingeleitet. "Der heutige Tag ist eine Zäsur für Schalke", sagte Jobst. "Ein 'Weiter so' wird es und kann es hier nicht geben!" Und Schneider pflichtete ihm bei: "Träumen dürfen wir nicht mehr. Es ist eine Zäsur, eine neue Zeitrechnung."

Was aber bedeutet das genau für den einst so ruhmreichen Kohle-Klub, der sich in der größten Krise seiner jüngeren Vereinsgeschichte befindet? SPORT1 blickt voraus.

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Nur noch Mittelmaß statt Europa!

Schalke bekommt die sportlichen Misserfolge der letzten Jahre knallhart zu spüren. Ein Grund, weshalb die Bosse das Europa-Ziel abschreiben. Schneider: "In den letzten vier Jahren haben wir drei Mal das internationale Geschäft verfehlt. Dadurch sind uns enorme Einnahmen weggefallen."

Den Krisen-Klub plagen aktuell Schulden in Höhe von fast 200 Millionen Euro. Deshalb sagt Jobst: "Wir werden unsere sportlichen Ziele für die nächsten zwei, drei Jahre ändern. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir mit sinkenden Personalkosten demnächst Europa erreichen. Wir müssen unsere Ziele kurz- und mittelfristig anpassen."

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Heißt: Schalke versinkt künftig wohl im grauen Mittelmaß. Jobst sagt aber auch: "Dieser Klub ist auf das internationale Geschäft ausgerichtet und soll seinen grundsätzlichen Ansprüchen, ein großer Klub zu sein, bald auch wieder nachkommen." 

Keine Top-Spieler mehr!

Die Coronakrise hat Schalke die Augen geöffnet: Der Revierverein ist zum Sparen verdammt. Für seine knapp 600 Mitarbeiter gaben die Knappen zuletzt 124 Millionen Euro aus – zwei Drittel davon fielen allein auf den Profi-Kader. Deshalb wird ab sofort eine Gehaltsobergrenze eingeführt.

Schneider: "Das Lizenzspieler-Budget ist der größte Hebel. Natürlich müssen wir uns darüber Gedanken machen. Es ist überall bekannt, dass man hier auf Schalke nicht gerade wenig verdient. Wir müssen nachhaltig wirtschaften und gewisse Grenzen einhalten. Intern gibt es Richtlinien, die wir uns auferlegt haben."

Neuzugänge, die "mit kleinem Geldbeutel" (Schneider) geholt werden sollen, sollen demnach künftig nicht mehr als 2,5 Millionen Euro Grundgehalt pro Jahr verdienen. Damit stünde Schalke im liga-internen Gehalts-Ranking immer noch auf Platz 6. Aktuell verdienen alleine die Rückkehrer Ralf Fährmann, Nabil Bentaleb, Sebastian Rudy, Mark Uth sowie Amine Harit, Salif Sané, Omar Mascarell, Matija Nastasic, Weston McKennie und Bastian Oczipka mehr.

Eine Obergrenze bedeutet aber auch: Top-Spieler wird man künftig kaum mehr nach Schalke losten können. Schwierig wird es zudem, gute Spieler (wie beispielsweise Suat Serdar) auf lange Sicht zu halten.

Um dem finanziell arg gebeutelten Klub zu helfen, werden die Spieler übrigens weiterhin auf Teile ihres Gehalts verzichten. "Wir kommen nicht um den Kompromiss eines weiteren Gehaltsverzichts umher", betont Schneider.

Talente statt Stars!

Statt auf große Namen wird Schalke künftig auf Talente aus dem eigenen Nachwuchs setzen.

Mit Levent Mercan, Can Bozdogan und Malick Thiaw gehören bereits drei Nachwuchsspieler dem Profi-Kader an. "Wir werden auch in Zukunft nachhaltig in die Knappenschmiede investieren", sagt Schneider. "Das ist alternativlos für uns!"

Maximale Transparenz!

Jobst machte deutlich: "In den vergangenen Monaten hat Schalke 04 in der Öffentlichkeit ein miserables Bild abgegeben. Wir haben Fehler gemacht, für die wir uns entschuldigen müssen. Das darf uns in Zukunft nicht passieren. Wir wissen, dass wir sehr viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspielt haben und dass uns viele Fans den Rücken zugekehrt haben."

Den verspielten Kredit bei den "Millionen Fans, die enttäuscht wurden" will Schalke künftig "mit vollständiger Transparenz" und "im direkten Dialog" zurückgewinnen.

Auf der Pressekonferenz war davon allerdings noch nicht viel zu sehen. Vielen offenen Fragen (NRW-Landesbürgschaft, Umstrukturierung im Vorstand) wurde ausgewichen.

Neues Personal!

Schalke wird mit neuem Personal in die Saison 2020/2021 gehen. Weiterhin festgehalten wird trotz der sportlichen Mega-Krise an David Wagner. "Natürlich gehe ich mit einem Rucksack in die neue Saison. Ich weiß, dass es trotz dieser 16 Spiele nicht selbstverständlich ist, weiterhin Trainer zu bleiben", sagt er.

Eine Hauptursache für die Sieglos-Rückrunde liegt für die sportliche Führung in den vielen Verletzten. Deshalb wurde nun der komplette Athletik-Bereich ausgetauscht (SPORT1 berichtete). Werner Leuthard, der "Schleifer", kehrt als Athletik-Chef nach Schalke zurück. Dr. Andreas Schlumberger wird Leiter Reha (vorher Leiter Fitness) und Quirin Löppert (Gladbach) neuer Athletik-Trainer.

Weiterhin gesucht wird ein neuer Finanzvorstand für den entlassenen Peter Peters. So lange wird Finanz-Direktorin Christina Rühl-Hamers interimsweise die Geschicke leiten.

Sponsoren bleiben!

Trotz des Rücktritts von Aufsichtsratschef Clemens Tönnies bleibt Gazprom weiterhin Hauptsponsor. Tönnies hatte 2007 dank seiner guten Beziehungen zu Waldimir Putin den umstrittenen Deal eingefädelt, der jährlich 30 Millionen Euro bringt. Jobst: "Unsere Sponsoren bleiben wirtschaftlich an der Seite, das ist unabhängig von Clemens Tönnies. Gazprom hat auch sofort signalisiert, dass man bis 2022 an unserer Seite steht."