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München - Nach James geht auch Coutinho, ohne dass der FC Bayern die Kaufoption zieht. Rummenigge sieht das Experiment nicht als gescheitert, aber ein Problem bleibt.

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Früher ging es um Namen wie Mark Hughes, Emil Kostadinov, Massimo Oddo, Landon Donovan.

In den vergangenen Jahren sind die Leih-Deals des FC Bayern München deutlich größer und prominenter geworden: James Rodriguez, der einst 75 Millionen Euro teure Star der WM 2014 kam von Real Madrid. Philippe Coutinho, im Jahr zuvor für 145 Millionen vom FC Liverpool eingekauft, wurde vom FC Barcelona nach München weitergegeben.

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Der deutsche Rekordmeister war auf einen europaweiten Trend aufgesprungen, von dem er und die ganze Bundesliga zu profitieren schien: Spieler von Weltrang, die sich bei ihren eigentlichen Klubs gerade in sportlich unsicherer Situation befanden, werden bei anderen Großklubs zwischengeparkt. Mit der Option, entweder später zurückzukommen und einen Anlauf zu nehmen - oder den Deal in einem großen und lukrativen Verkauf enden zu lassen.

In beiden Fällen griffen die Bayern aber am Ende nicht zu, nach James steht nun auch Coutinho vor dem Abschied, das Pokalspiel bei Bayer Leverkusen könnte einer seiner letzten Einsätze werden (DFB-Pokalfinale: Bayer Leverkusen - FC Bayern am Samstag ab 20 Uhr im LIVETICKER). Und das, obwohl Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge im SPORT1-Interview betont, dass er "beide Spieler gut" fand.

Was aber ist schief gelaufen? Und macht der zwiespältige Verlauf der Deals kommende Geschäfte dieser Art nun unwahrscheinlich?

James Rodriguez hatte beste Phase unter Jupp Heynckes

Bei James war die Ausgangslage einst die: Der Kolumbianer hatte 2016/17 bei Real eine suboptimale Saison hinter sich, absolvierte unter Zinédine Zidane nur 13 Startelf-Einsätze in der Liga, war offen für eine Veränderung.

Die darauffolgenden beiden Jahre bei Bayern verliefen dann aber auch nicht ganz so wie erhofft: 14 Bundesliga-Tore und elf Vorlagen in zwei Jahren waren solide, aber nicht herausragend für den Mittelfeld-Edeltechniker. James wurde gebremst von Verletzungen und auch der turbulenten Gesamtsituation mit mehreren Trainerwechseln.

Richtig gut lief es für James nur nach dem Aus für Carlo Ancelotti unter Interimscoach Jupp Heynckes, mit dem er auf einer Wellenlänge lag - und es ist auch die Phase, die Rummenigge nun betont bei der nachträglichen Bewertung des Deals.

Jupp Heynckes und James Rodriguez verstanden sich gut
Jupp Heynckes und James Rodriguez verstanden sich gut © Getty Images

"James kam her und hatte unter Heynckes eine Top-Zeit", erinnert sich Rummenigge im SPORT1-Interview: "Er hatte ein extrem gutes Verhältnis zu Jupp. Wenn du Spieler bist, musst du auch das Glück haben, dass ein Trainer da ist, der dich fordert und fördert, und zwischen Jupp und ihm war die Chemie 1+. Als Jupp kam, spielte James über Nacht top."

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Bei Real Madrid läuft's weiterhin nicht

James' Verhältnis zum im Herbst 2019 entlassenen Niko Kovac war allerdings weniger gut. Am Ende bat James selbst darum, dass Bayern die Kaufoption nicht ziehen sollte.

Vorstandschef Rummenigge, prinzipiell ein James-Freund, sah keine andere Möglichkeit, als dem Wunsch zu entsprechen. "Man sollte keinen Spieler für 42 Millionen Euro Ablöse mit entsprechendem Gehalt verpflichten, wenn man ihm keine feste Position bieten kann“, sagte er damals: "Er hat den Anspruch, jedes Spiel zu spielen und das sieht er bei uns als nicht gewährleistet."

Bei Real, wo Zidane inzwischen wieder amtiert, erlebte James aber auch wieder eine Saison zum Vergessen. Nach einer längeren Verletzungspause bestritt er seit dem Restart der Liga nur eines von sechs Spielen.

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Besondere Situation mit Philippe Coutinho

Bei Coutinho war die Gemengelage noch komplizierter: Der 28-Jährige und die Münchener fanden im Spätsommer 2019 zueinander, weil Coutinho bei Barca die Perspektive fehlte und die Transferpläne der Bayern durch den Kreuzbandriss des schon damals umworbenen Leroy Sané durcheinandergebracht worden waren.

Barca und Bayern vereinbarten eine Leihe mit einer 120 Millionen Euro teuren Kaufoption. Schon von Beginn an erschien fraglich, dass diese zum Einsatz kommen würde - es war damals schon klar, dass Sané und andere Offensiv-Transfers wie der von Leverkusens Kai Havertz (den Rummenigge nun erstmal hintangestellt hat) in diesem Sommer wieder Thema werden würden.

Coutinho hätte Bayern im Sturm erobern müssen, um den Klub ernsthaft ins Grübeln zu bringen. Und ganz so gut lief es eben nicht, wenngleich Rummenigge auch hier herausstreicht, dass die Umstände besondere waren.

Der CHECK24 Doppelpass mit Schalke-Vorstand Jochen Schneider und Weltmeister Thomas Berthold am Sonntag, 11 Uhr

Rummenigge: Philosophie des FC Bayern ist anders

"Man darf auch nicht vergessen, dass seine Position eigentlich die von Thomas Müller ist", sagt Rummenigge zu SPORT1: "Im Herbst letzten Jahres war Thomas etwas in Frage gestellt. Jetzt hat Thomas seinen zweiten bis dritten Frühling erlebt und spielt auch wie ein junger Gott." Und: Coutinho – den Rummenigge als "charakterlich top, eine 1+", sei zuletzt ja auch verletzt gewesen, "also kann man nicht sagen, dass das gescheitert ist".

Im selben Atemzug umreißt Rummenigge aber auch das Dilemma, das die Leih-Deals mit Stars wie James und Coutinho begleitet.

"Wichtig ist, dass wir eine andere Philosophie als Madrid und Barcelona fahren", sagt er: "Die brauchen die Stars nicht nur für ihr Spiel, sondern auch für ihr Selbstverständnis."

Ausdruck von Unsicherheit

Ebendieses Selbstverständnis führt dazu, dass die La-Liga-Giganten sich auch mal einen teuren Star zu viel leisten, dem sie dann doch nicht die sportliche Perspektive bieten können, die er sich wünscht.

Leih-Deals wie die mit Bayern sind für sie ein kurzfristiger Ausweg aus dem Problem - ein Umstand, der dafür sorgen dürfte, dass sich den Münchenern auch in den kommenden Jahren für weitere Deals wie die von James und Coutinho anbieten werden.

Dass sie am Ende aber trotzdem nicht zwingend die Lösung sind, die alle Seiten zufriedenstellt, zeigen die Beispiele James und Coutinho. Letztlich sind derartige Leih-Deals auch ein Ausdruck von Planungsunsicherheit bei allen Beteiligten. Eine Unsicherheit, die sich im Lauf der Zeit nicht zwingend in Wohlgefallen auflöst.

Die Bayern werden sich künftig vielleicht nochmal genauer überlegen, unter welchen Konditionen Leihgeschäfte dieser Größenordung für sie sinnvoll sind.