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München - Eintracht Frankfurt steht vor einem richtungsweisenden Sommer. Durch Verkäufe soll Geld eingenommen werden, doch teure Neuzugänge soll es nicht geben.

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Bei Eintracht Frankfurt bahnt sich eine Rückkehr zum alten Erfolgsmodell an. 

In den vergangenen Jahren machte sich der Klub einen Namen damit, junge Talente für kleines Geld zu verpflichten. Viele dieser Spieler gingen in Frankfurt den nächsten Schritt. Einige wurden später sogar für hohe Summen weiterverkauft. Luka Jovic, der im vergangenen Sommer für 60 Millionen Euro zu Real Madrid wechselte, ist das beste Beispiel. 

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Im letzten Jahr nahm die Eintracht allerdings Abstand von ihrem Transfersystem. Mit Martin Hinteregger (kam für 9 Millionen Euro vom FC Augsburg), Kevin Trapp (für 7 Millionen Euro von Paris Saint-Germain) und Sebastian Rode (für 4 Millionen Euro von Borussia Dortmund) wurden drei Leihspieler fest verpflichtet.

Für Dominik Kohr (für 8,5 Millionen Euro von Bayer Leverkusen) und Djibril Sow (für 9 Millionen Euro von den Young Boys Bern) wurde ebenfalls viel Geld in die Hand genommen. Außerdem kam der 30-jährige Bas Dost (für 4 Millionen Euro von Sporting Lissabon). 

Bobic: "Es wird ein zäher Sommer"

Insgesamt 62 Millionen Euro hatte die Eintracht für Neuzugänge locker gemacht. Durch die hohen Transfererlöse von Jovic und Sébastien Haller konnte sich der Klub die Transfers leisten, in diesem Jahr sieht das allerdings anders aus. 

Die Coronakrise hat die Frankfurter in einer besonders ungünstigen Phase getroffen. 

Der Bau der Geschäftsstelle und Investitionen ins Stadion fressen viel Geld. Der modernste Videowürfel Europas wird im Deutsche Bank Park installiert. Hinzu kommt die Übernahme der Stadionvermarktung mit einem neuen Caterer - alles ohne Veranstaltungen und Einnahmen, das reißt eine gewaltige Lücke in den Finanzplan.

Die Umsatzprognose ist bei der Eintracht von 280 auf 140 Millionen Euro gesenkt worden.

"Corona hat alle Pläne über Bord geworfen. Es wird ein zäher und langer Sommer", erklärte Sportvorstand Fredi Bobic jüngst bei der Bild, um dann eine vielsagende Aussage nachzulegen: "Bei Eintracht Frankfurt war nie einer unverkäuflich."

Auch Trainer Adi Hütter hatte zuletzt erklärt, dass er mit 31 Spielern nicht sinnvoll trainieren könne. Die Richtung ist klar: Frankfurt will sich von einigen Spielern trennen. 

Dabei könnte es auch Leistungsträger treffen, da Einnahmen vonnöten sind. 

Trapp schon wieder vor dem Abflug?

Aus dem Kader haben Filip Kostic, Trapp, Evan N'Dicka und Hinteregger wohl die größten Erlöspotenziale. Trapp hat noch einen Vertrag bis 2024 und ist Spitzenverdiener. Allerdings ist er auch Kapitän und Identifikationsfigur im Klub. 

Ersatzkeeper Frederik Rönnow ist mit seiner Rolle unzufrieden. Ändert sich nichts daran, will er den Verein wohl verlassen, da er auch um seine Chance bei der dänischen Nationalmannschaft fürchtet. Mit beiden Torhütern wird der Klub mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in die kommende Spielzeit gehen.

Als Trapp verletzungsbedingt pausieren musste, präsentierte sich Rönnow zuletzt als guter Ersatz. Es gibt durchaus Kritiker Trapps, die ihn leistungstechnisch nicht unbedingt vor Rönnow sehen. 

Einer von ihnen ist der frühere Nationaltorwart Uli Stein. Er meint bei der Bild, dass Trapp in der vergangenen Saison hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, und wird bei seiner Kritik deutlich: "Ich habe das Gefühl, dass bei ihm andere Dinge im Vordergrund stehen. Es ist ihm wohl wichtiger, mit der Freundin auf den Social-Media-Kanälen aktiv zu sein. Ich habe gehört, der AC Mailand hat Interesse. Gut so, das ist eine Schicki-Micki-Stadt, da passt er mit Freundin gut hin."

Bobic: "Trapp sehr wichtiger Bestandteil" 

Bobic wiederum hat eine ganz andere Meinung: "Da muss ich klar sagen: Kevin Trapp ist als unsere Nummer eins ein sehr wichtiger Bestandteil des Teams. Er ist ein wichtiges Gesicht von Eintracht Frankfurt und wir wissen absolut, was wir an ihm haben", sagt der Sportvorstand auf der Vereinswebsite.

Der 48-Jährige fügt jedoch hinzu: "Wir müssen noch mehr als sonst auf die wirtschaftliche Komponente achten. Wir können daher den Verkauf von Leistungsträgern nicht kategorisch ausschließen - unabhängig von Kevin." Dennoch "gehen wir davon aus, dass er seinen Vertrag erfüllt".

Bei den Überlegungen in der Torwartfrage könnte aber eine Rolle spielen, dass ein Transfer von Trapp deutlich mehr Geld einbringen würde als ein Verkauf von Rönnow.

Kostic wird unterdessen heftig von Niko Kovac umworben, der den Serben zu seinem neuen Klub AS Monaco lotsen will. Der 27-Jährige ist aber so etwas wie die Lebensversicherung der Frankfurter. Sein Abgang würde schmerzen, ab 30 Millionen Euro sollen die Verantwortlichen aber gesprächsbereit sein. 

Auch Mijat Gacinovic und Lucas Torró sind potenzielle Abgänge. Dass der dritte Torwart Felix Wiedwald gehen soll, ist ein offenes Geheimnis.

Rückkehr zu den "Rohdiamanten"

Von teuren Neuzugängen will Bobic derweil nichts wissen. Die einzige Verpflichtung ist bislang Mittelstürmer Ragnar Ache, 21 Jahre jung. Der gebürtige Frankfurter kam für zwei Millionen Euro von Sparta Rotterdam. Er könnte die Rückkehr zum altbewährten Transfersystem darstellen.

Gerüchte gibt es nämlich um Cengiz Ünder vom AS Rom, Dejan Ljubicic von Rapid Wien, Luan Patrick (Athletico Paranaense), Brenden Aaronson (Philadelphia Union) und Bartosz Bialek (Zaglebie Lubin). Der Älteste der Liste ist Ünder mit 23 Jahren, der wohl auch zur Spielidee von Hütter passen würde.

Der Österreicher hat nämlich klare Vorstellungen von einem Neuzugang, wie er zuletzt der Offenbach-Post verriet: "Ein Außenspieler, der ein anderes Element in unser Spiel bringt. Einen, der links und rechts spielen kann, einen, der ein gutes Dribbling hat, einen mit viel Spielverständnis. Einfach einen anderen Typen als Kostic, da Costa oder Chandler, die Wucht, Speed und Laufvermögen einbringen. Wir haben uns umgeschaut, es gibt hochinteressante Spieler."

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Hütter dürfte durch einen solchen Transfer einem der größten Probleme der Spielzeit entgegenwirken wollen: Es fehlte dem Kader oftmals an offensiver Kreativität.

Mit "hochinteressanten Spielern" meinte Hütter zudem wohl vor allem junge Talente, denn Bobic bestätigte die neue alte Marschrichtung gegenüber der Bild: "Es wird sehr viele Schnäppchen geben und du musst geduldig sein. Für große Transfers wie Sané wird es einen eigenen Markt geben. Das ist nicht da, wo wir sind. Wir suchen die Rohdiamanten."

Während dieser Suche geht es aber auch noch ums Sportliche. Für die Eintracht steht noch das Achtelfinal-Rückspiel der Europa League auf dem Programm. Das Hinspiel ging in Frankfurt komplett schief - daher muss gegen den FC Basel im Rückspiel ein 0:3 aufgeholt werden. 

Ein Weiterkommen würde der angespannten finanziellen Situation sehr gut tun, dazu braucht Eintracht Frankfurt in der Schweiz aber ein kleines Wunder von Basel.