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Freiburg - Christian Streich spricht im Interview über den Schlachtbetrieb von Clemens Tönnies, seine Zukunft in Freiburg und sein Problem mit dem Etikett "Kult-Trainer".

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Christian Streich ist der dienstälteste Trainer der Bundesliga, seit Dezember 2011 ist der 55-Jährige mittlerweile beim SC Freiburg als Cheftrainer tätig.

Vor einigen Tagen verlängerte er seinen Vertrag erneut, bei der anschließenden Pressekonferenz kämpfte der Coach mit den Tränen. Durch seine ehrliche und authentische Art und seinen typischen Dialekt hat sich Streich viele Sympathien erspielt, nicht wenige Fans bezeichnen ihn deshalb als Kultfigur der Bundesliga.

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In Teil 2 des großen SPORT1-Interviews spricht der Trainer über seine Jugend als Metzger-Sohn, seine Zukunft in Freiburg, und erklärt, warum er die Bezeichnung Kulttrainer als Belastung ansieht. (Zu Teil 1: Streich über seine Vergangenheit als Bayern-Fan und die Münchner Dominanz)

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SPORT1: Herr Streich, Sie arbeiten 60 Kilometer von Ihrem Heimartort entfernt. Gab es bei Ihnen früher die Bestrebung, aus dem beschaulichen Leben auszubrechen? Oft ist es ja eine Selbstverständlichkeit, im Betrieb der Eltern mitzuarbeiten. Ihre Eltern hatten eine Metzgerei ...

Streich: Diese Bestrebung gab es. Ich habe gesehen, was meine Eltern leisten mussten. Da war Arbeit rund um die Uhr. Mein Vater stand meistens um 4.30 Uhr am Morgen auf und fiel abends um 20 Uhr ins Bett. Außer es kam mal ein Fußballspiel, aber früher war das ja nicht so oft der Fall. Das war sehr harte und körperliche Arbeit. Das wollte ich so nicht machen. Ich habe immer Fußball gespielt und irgendwann zeigte sich, dass ich nicht so schlecht war. Als 18-Jähriger spielte ich 3. Liga beim Freiburger FC während meiner Lehre. Damals bin ich von Lörrach immer mit dem Zug nach Freiburg ins Training gefahren. Also kam ich schon etwas aus dem Markgräflerland. Aber weit bin ich nicht gekommen. Allerdings bin ich immer in den Ferien wahnsinnig gerne mit einem Freund mit Rucksack verreist. Mich hat es immer rausgezogen. Im Dreiländereck zieht es einen nach Frankreich, dann in die Schweiz und man ist gleich in Italien. Wir sind schon verwurzelt, aber wir sind auch Leute, die gerne anderes sehen. Es ist alles vermischt bei uns. Wir hören viele Sprachen und Dialekte. Ich fühle mich auch mit den Elsässern und ihrem Dialekt verbunden. Die Deutschsprachigen sprechen ja fast einen ähnlichen Dialekt wie wir.

SPORT1: Können Sie heute noch Wurst machen?

Streich: Gute Wurst zu machen, ist eine Kunst. Ich habe meinem Vater montags immer im Betrieb geholfen, bevor ich in die Schule gegangen bin. Nachdem zwei bis drei Schweine geschlachtet wurden, hat er helfende Hände zum Verarbeiten gebraucht. Daraus wurde Zungenwurst und alles Mögliche gemacht. Därme wurden tagelang in Salz eingelegt. Da steckte eine große Liebe und große handwerkliche Fähigkeit dahinter. Bei uns kamen auch Menschen aus 50 Kilometern Entfernung angefahren, um bei uns einen Großeinkauf zu machen. Mein Vater hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Das ist harte Arbeit, aber wer es kann, hat eine beeindruckende Fähigkeit. Es gibt heutzutage nicht mehr viele Metzger, die das so können und detailliert lernen.

Noch acht Jahre? "Kann mir das nicht vorstellen"

SPORT1: Haben Sie deshalb ein anderes Verhältnis zu einer aktuellen gesellschaftlichen Diskussion? Gerade wird ja der Schlachtbetrieb von Clemens Tönnies sehr politisch gesehen. Denken Sie da mit Ihren Wurzeln anders als andere Menschen?

Streich Sie können sich ja vorstellen, wo meine Frau und ich einkaufen. Großbestellungen bei gewissen Konzernen machen wir auch keine. Da geht es auch um Ethik und das geht bei den Tieren los. Viele Menschen heutzutage werden so erzogen, dass sie das Schnitzel auf dem Teller in keinerlei Verbindung mit einem Tier bringen. Da sind die Menschen nicht einmal selbst schuld daran. Das ist für sie einfach völlig abstrakt. Das ist natürlich eine Katastrophe. Es muss nicht jeder selbst ein Tier töten. Aber jeder muss sich im Klaren darüber sein, dass das dafür gemacht werden muss. Dann kann man den Wert darin sehen. Wenn man dann ein Schnitzel essen will, dann von einem Tier, das nicht das ganze Leben lang gequält wurde. Das schlägt zurück auf die Menschen und die Psyche. Das hört sich esoterisch an, aber davon bin ich fest überzeugt. Wir alle sollten schauen, dass wir verantwortungsvoll mit den Tieren umgehen. Ich bewundere diejenigen sehr, die kein Fleisch essen. Ich esse Fleisch, aber nur sehr selten und sehr ausgewählt. Hier bei uns ist es kein Problem, ein Tier zu essen, das ordentlich aufgewachsen ist. Wenn man nicht so viel Geld hat, isst man eben beispielsweise weniger davon. Und wenn, kann man Produkte aus der Region einkaufen. Ich habe gesehen, wie das abläuft. Die wenigen Schweine hat mein Vater jede Woche eben vom Bauer aus der Nachbarschaft direkt aus dem Stall geholt.

SPORT1: Themawechsel: Vor einigen Jahren war es für Sie noch unvorstellbar, eine Ära wie Volker Finke hinzulegen. Sie meinten, das würden Ihre Nerven gar nicht mitmachen. Und jetzt?

Streich: Volker war ja 17 Jahre hier Cheftrainer. Wir sind ja gerade einmal bei 50 Prozent. Also im Verhältnis ist das immer noch eine sehr kleine Zahl. Über acht Jahre sind nicht wenig, aber ich will das nur darstellen. Ich hätte nie gedacht, dass es so lange wird.

SPORT1: Dann werden es jetzt vielleicht noch einmal acht Jahre ...

Streich: Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Aber mittlerweile sage ich lieber gar nichts mehr dazu. Man weiß ja nicht, was alles noch passiert. Aber es waren schöne Jahre. Und ich bereue nichts. Allerdings habe ich ein paar Mal schon pumpen müssen. Am Ende von ein paar Saisons war ich ganz schön weichgekocht. Wenn ich dann aus dem Karussell eine Weile draußen war, konnte ich mich aber schnell wieder erholen.

Kultfigur Streich? "Das belastet"

SPORT1: Wie kann man Ihre Emotionen bei der Pressekonferenz vergangene Woche deuten, als Ihre Vertragsverlängerung bekannt gemacht wurde?

Streich: Es war eine Kunst, nicht mit dem Weinen anzufangen. Das habe ich ja 20 Sekunden lang geschafft (schmunzelt). Man muss ja irgendwie die Contenance behalten, damit die Menschen nicht genervt sind und sagen: 'Dieses Theater immer, das der veranstaltet.' Es ist ein Geschenk, hier sein zu dürfen und Heimat zu erleben. Viele Menschen haben keine Heimat. Es wäre auch schön, wenn Menschen mehr versuchen würden, andere in ihre Heimat mit aufzunehmen. Wichtig ist, sich gegenseitig eine Form von Heimat zu geben, egal ob man hier geboren ist oder nicht. Es ist Lebensqualität, Menschen nicht auszuschließen. Ich habe das Gefühl, das läuft hier richtig. Aber dafür müssen wir in uns das Türchen ein wenig aufmachen.

SPORT1: Gerade Ihren Dialekt deuten viele als Zeichen für Bodenständigkeit, Ehrlichkeit und Sympathie. Für viele Menschen sind Sie Kult. Wie denken Sie über sowas?

Streich: Das belastet, weil das Interpretationen sind, die ich nicht erfüllen kann. Das ist so positiv belegt, aber ich bin dafür viel zu fehlerhaft. Fragen Sie mal die Menschen, die mich enger kennen.

SPORT1: Aber man hört Ihnen gerne zu, weil sie sehr viel zu erzählen haben.

Streich: Ich kann viele Dinge nicht. Aber mir wurde gesagt, dass es ganz schön ist, wenn ich ab und zu eine Geschichte erzähle. Und man hat ja so viele Geschichten. Gerade in der Coronazeit: Es wird immer von Verschwörungstheoretikern gesprochen, die Dinge kommunizieren. Ich habe gelernt, dass es eigentlich Verschwörungsgeschichten-Erzähler sind. Man kann Kontergeschichten erzählen, gute Geschichten aus der Coronazeit. Das ist die einzig wirksame Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Wenn man das macht, kommen die Leute ins Nachdenken und sagen sich: 'Stimmt, ich hatte ja auch wieder mehr Zeit oder habe meinen Nachbarn geholfen.' Und plötzlich sieht die Coronazeit ganz anders aus und die Verschwörungsgeschichten sind total langweilig. Die guten Geschichten sind so viel schöner und wahrer. Ich habe das zuletzt in einer Diskussionsrunde mit schlauen Menschen gelernt.

Streich: Bin in einer Luxus-Situation

SPORT1: Einer Ihrer Titel ragt besonders heraus: Der Markgräfler Gutedel-Preis 'für öffentlich wirksamen, kreativen Eigensinn.' Das ist doch ein wunderbares Lob. Wie gehen Sie mit so etwas um und was machen Sie mit 250 Liter Gutedel-Wein?

Streich: Die Veranstaltung war damals in Müllheim und es war toll. Es war wahnsinnig lustig und schön. Den Wein haben wir in Flaschen abgefüllt und im Stadion für einen guten Zweck verkauft. Ich glaube, die Preisrichter dachten sich: 'Geben wir doch mal dem Markgräfler den Preis, anstatt einem Schauspieler aus Berlin.'

SPORT1: Der gesellschaftliche Wandel macht auch vor dem Fußball nicht halt. Ist es schwieriger geworden, junge Leute zu trainieren mit all den Dingen wie Handys, sozialen Medien etc., die im Hintergrund warten?

Streich: Es ist anders geworden. Aber ich habe ja einen Beruf, in dem ich mit sehr begabten jungen Menschen arbeite, die das machen, was sie lieben. Es ist ein Unterschied zu einem Mathematiklehrer, in dessen Klasse die Hälfte keinen Bock hat, sich überhaupt mit Mathe zu beschäftigen. Ich bin da in einer Luxus-Situation. Deshalb kann ich das gar nicht wirklich beurteilen. Sozialarbeiter oder Lehrer würden das viel repräsentativer sagen können. Ich bin da der falsche Ansprechpartner.

Teil 1 des großen SPORT1-Interviews mit Christian Streich über seine Vergangenheit als Bayern-Fan, die Dominanz des Meisters und Timo Werner gibt es hier.