Lesedauer: 3 Minuten

München - Clemens Tönnies beugt sich dem Druck und tritt beim FC Schalke 04 zurück. Sein Abgang ist alternativlos, kommentiert SPORT1-Reporter Patrick Berger.

Anzeige

Es war die vielleicht schwerste Entscheidung seines Lebens: Clemens Tönnies ist von seinen Ämtern beim FC Schalke 04 zurückgetreten.

Wer den 64 Jahre alten Unternehmer kennt, ahnt, wie schwer dem Macht-Menschen, der so sehr an seinem Herzensverein hängt, die Entscheidung vermutlich gefallen ist. Einzig: Sie war alternativlos und richtig!

Anzeige

Bereits nach den rassistischen Aussagen, die Tönnies im August vergangenen Jahres getätigt hatte und wofür er seine Ämter drei Monate ruhen ließ, wäre ein Rücktritt eigentlich fällig gewesen.

Der aktuelle Fleisch-Skandal mit tausenden Corona-Infizierten in der Tönnies Holding brachte das Fass zum Überlaufen. Als Aufsichtsratschef eines 150.000 Mitglieder-starken Arbeitervereins ist Tönnies längst nicht mehr tragbar.

Es wäre allerdings unfair, an dieser Stelle einfach nur auf ihn draufzuhauen.

Sicherlich hat sich "CT", wie er auf Schalke genannt wird, in seiner langen Zeit bei den Königsblauen verdient gemacht. 1994 wurde der steinreiche Patron in den Aufsichtsrat von S04 gewählt, war von 2001 an dessen Vorsitzender. In dieser Zeit qualifizierte sich Schalke zehn Mal für die Champions League, wurde fünf Mal Vizemeister, holte den UEFA-Cup und drei DFB-Pokalsiege. Tönnies war bis zuletzt das Gesicht von Schalke.

Er hat dem Verein mit Darlehen mehrfach aus der Patsche geholfen und lukrative (aber auch umstrittene) Deals, wie den mit Hauptsponsor Gazprom, eingefädelt. Der Bau der Veltins-Arena und der Ausbau des Nachwuchsleistungszentrums fallen ebenfalls in seine Ära.

Tönnies hat dem Verein zuletzt aber auch massiv geschadet. Das Image des Kumpel- und Malocher-Klubs wurde durch ihn arg ramponiert.

Immer wieder mischte sich der impulsive und einflussreiche Geschäftsmann, dessen Alleingänge intern gefürchtet waren, in die Vorstandsarbeit auf Schalke ein – und das, obwohl er als Aufsichtsratschef eigentlich nur kontrollieren soll. Sowohl im Aufsichts- als auch im Ehrenrat gab es demnach keine richtige Opposition.

Tönnies ist ein Machtmensch, der "die Öffentlichkeit braucht", sagte ein Weggefährte kürzlich zu SPORT1. Er sah sich also nie als Problem auf Schalke, sondern immer als Lösung.

Für die aktuelle sportliche Krise kann Clemens Tönnies sicherlich nur bedingt etwas. Für die vielen Fehlentscheidungen (Trainer- und Sportdirektoren-Wechsel) und die finanzielle Misswirtschaft (aktuell 198 Mio. Euro Schulden) allerdings schon mehr.

Der Druck der Anhänger auf ihren Patriarchen wurde zuletzt immer größer. Rund 1500 Fans bildeten am vergangenen Samstag auf einer Demo unter dem Motto "Schalke ist kein Schlachthof!" eine Menschenkette rund um das Vereinsgelände. Teile der Fans sind nach dem Tönnies-Rücktritt erleichtert und feierten schon im Netz.

Clemens Tönnies, der mächtige Schalke-Boss, wurde von den Fans gestürzt.