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München - Als der Livesport wegen der Coronakrise wegbrach, wählte Sportjournalist Alex Steudel Fußballdokus und Biografien als Ersatzdroge. In seiner Kolumne erzählt er davon.

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Eine Sportlerbiografie ist eine sichere Nummer. Du kaufst sie ja nur, weil du den Sportler schon kennst. Du weißt also, wie die Sache ausgegangen ist, kannst dich entsprechend gemütlich zurücklehnen und genießen und dir Schritt für Schritt erklären lassen, wie alles gekommen ist. Null Spannung. Oder?

Man könnte meinen, mit Miroslav Klose verhalte es sich so. Als ich anfing, die von Ronald Reng verfasste Biografie "Miro" zu lesen, dachte ich: Eigentlich weißt du doch schon alles. Polen, Bolzplatz, Blaubach-Diedelkopf, Spätzünder, Durchstarten in Lautern und Bremen, Probleme beim FC Bayern, trauriger Ronaldo, WM-Sieg. Ausklang bei Lazio. Zack.

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Nix wusste ich.

Ich habe selten ein Buch so schnell beiseite gelegt wie "Miro". Aber nicht, weil es schlecht war, sondern weil ich durchgemacht habe: Freitag angefangen, Sonntag weggelegt. Das ging sogar schneller als mit der sensationellen Robert-Enke-Biografie, die auch von Reng ist. Sensationell, weil er mit Enke befreundet war, weshalb sie unglaublich tiefe Einblicke in das Leben und Sterben des an Depressionen erkrankten Nationaltorhüters liefert.

"Miro" schafft das auch. Es schafft nämlich: Nähe. Je länger du liest, desto mehr fühlst du, langsam in den Kreis der Familie Klose aufgenommen zu werden. Das Buch vertraut dir alles an, du wirst zu einem Bruder, den Klose nicht hatte. Das ist so spannend geschrieben, dass ich manchmal aus Versehen umblätterte, bevor ich die Seite zu Ende gelesen hatte.

Kloses Renault-Megan hatte Chromfelgen

Was mich an allen Reng-Büchern fasziniert: diese Detailliebe. Details mögen manchmal unwichtig erscheinen, aber ich liebe sie. Klose bekam, als er noch bei seinen Eltern lebte, ein Ausziehsofa. Klar, aber welche Farbe? Genau: Blau war's. Der Renault Mégane, den er sich kaufte: hatte verchromte Felgen. Wir erfahren sogar, welche Köder Klose beim Angeln benutzte und wie er an seinen Stollenschuhen herumbastelte.

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Es hört gar nicht auf mit den Details. Mit 50 Zeitzeugen hat Reng für das Buch gesprochen und dabei 150 Tonband-Stunden aufgezeichnet. Jeder, der einmal nur ein zweistündiges Interview geführt und danach abgetippt, gewichtet und in Form gebracht hat, weiß, was 150 Stunden bedeuten müssen: Arbeit bis zum Umfallen.

Es hat sich gelohnt. Du erfährst so viele Vorgänge und Geschichten, die auch ich als Sportjournalist, der die Bayern seit über 20 Jahren verfolgt, nicht kannte. Seite für Seite baut Reng damit ein völlig neues Bild von Klose auf, und am Ende passen alle Details perfekt zusammen. Am Ende möchtest du am liebsten selbst sein Freund werden und mit ihm angeln gehen.

Eigentlich ist das ja schade: Wir lernen den Mann, der uns so lange begleitete, erst richtig kennen, nachdem er abgetreten ist. Zumindest als Spieler, beim FC Bayern beginnt ja jetzt seine zweite Karriere als Trainer. Ich hatte jedenfalls von gut 90 Prozent der Geschichten in dem Buch keine Ahnung.

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Ich habe Klose nur einmal persönlich kennengelernt, das muss 2009 gewesen sein. Ich war zu der Zeit Chefredakteur bei Sport Bild, und es gab irgendwelche Probleme in der Zusammenarbeit. Klose bat um ein Gespräch, und ich freute mich: Probleme können in einem offenen Gespräch am besten ausgeräumt werden.

Ein Mensch, der nicht hadert, sondern Lösungen sucht

Wir redeten nicht lange um den heißen Brei herum. Schon als er hereinkam, spürte ich, dass Klose nicht, wie es viele andere Sportler gern tun, erst mal drohen oder ausführlich erklären wollte, wie schlecht die Berichterstattung über ihn sei, und warum seine Fähigkeiten total verkannt würden. Im Gegenteil: Er sagte mir einfach nur ganz genau, was ihm nicht gefiel - und ich staunte: Er bot auch gleich eine Lösung für das Problem an. Wir schüttelten uns die Hände, und fortan gab es nie wieder Schwierigkeiten.

Diesen Klose habe ich in dem Buch wiedererkannt: den unprätentiösen Menschen, der nicht hadert, sondern Lösungen sucht.

Und wie schüchtern er ist und voller Respekt vor anderen. Ob nun vor Jugendspielern, denen er noch als Superstar beim Bälle einsammeln half. Oder vor Fritz Walter und Gerd Müller. Ich habe es nur seiner Biografie zu verdanken, dass ich hier nicht einen großen Fehler mache und Klose auf eine Ebene mit den beiden stelle: Ich weiß ja jetzt, wie sehr er das hasst.

Das Schöne am Klose-Buch ist die Erkenntnis: Die Biografie eines Menschen kann manchmal alles andere als eine Summe der Ereignisse seines Lebens sein. Denn für Klose ging es ja fast nur aufwärts. Bezirksliga mit 20, erstes WM-Finale mit 24, Bundesliga-Torschützenkönig mit 28, Weltmeister und bester WM-Torschützenkönig aller Zeiten mit 36.

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Aber er musste auf dem Weg viele kleine Niederlagen einstecken und sich immer wieder berappeln. Man liest das und erkennt: Du wirst eben nur ein Sieger, wenn du das Verlieren beherrscht.

"Losers" zeigt auf Netflix Misserfolge von Sportlern 

Apropos. Besonders interessant sind Biografien von Sportlern, über die du vorher gar nichts wusstest - und das ist die Stärke einer anderen großen Entdeckung meiner Corona-Fußballpause: die Doku "Losers" auf Netflix. In acht wunderbaren Folgen werden unglaubliche Schicksale von Sportlern erzählt, die wahnsinnige Misserfolge hatten.

Aber die einzelnen Folgen ergötzen sich nicht am Versagen, sie erforschen vielmehr, wie die Sportler damit umgegangen sind, und was sie daraus gelernt haben. Ein Höhepunkt der Staffel ist die Folge "Das 72. Loch". Sie handelt vom damals eher unbekannten französischen Golfprofi Jean Van de Velde, der 1999 als erster Franzose seit 92 Jahren die British Open hätte gewinnen können. Am letzten Tag, am letzten Loch hatte er drei Schläge Vorsprung - und versemmelte es.

Oberflächlich gesehen porträtiert "Losers" acht Anti-Kloses. Nur wer genau hinsieht, erkennt: So ist es gar nicht.

- "Miro" von Ronald Reng – 2019, Piper Verlag, 448 Seiten

- "Robert Enke" von Ronald Reng – 2011, Piper Verlag, 432 Seiten

- "Losers" – 2019, Netflix (1 Staffel)

Alex Steudel ist Sportjournalist und seit seiner Kindheit glühender Sportfan. Mitte März brach alles weg: Kein Livesport mehr weit und breit. Um den Entzug erträglich zu machen, stieg Steudel auf eine Ersatzdroge um: Dokumentationen oder Biografien – meistens, aber nicht immer handeln sie von Fußball. Es geht ihm inzwischen viel besser. Ach was, es geht ihm super: Er hat eine neue Welt entdeckt. In dieser Kolumne erzählt er davon.

Die bisherigen Kolumnen von Alex Steudel:

Teil 1: - Ich hab' euch bei Netflix weinen sehen!

Teil 2: - Gabriel Jesus' Tränen - ich bin gerettet!

Teil 3: - Fremdgehen mit "Drive to Survive"

Teil 4: - Leiden mit Leeds United

Teil 5: - Die verrückte FC-Saison

Teil 6: - Wie gut hätte Maradona sein können?