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München - Schalke-Boss Clemens Tönnies spricht offen über eine Ausgliederung der Lizenspielerabteilung. Viele Fans sind dagegen, der Klub steht vor einer Zerreißprobe.

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Als wäre die krachende 0:4-Pleite im Revierderby noch nicht schlimm genug für die Seele der Schalker Fans gewesen, sorgte Clemens Tönnies nach der Partie bei vielen Anhängern für einen weiteren Tiefschlag.  

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Königsblauen sprach erstmals sehr offen über seine Überlegungen bezüglich einer Ausgliederung der Profiabteilung des Traditionsklubs. 

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"Diese Diskussion müssen wir noch einmal anstoßen", sagte der 63-Jährige bei Sky. Ein rotes Tuch für einen großen Teil der Fanbasis. Doch warum ist das eigentlich so?

Schalke hofft auf Finanzspritze

Zunächst ist es wichtig zu verdeutlichen, was eine Ausgliederung für eine Profiabteilung bedeutet: Die Lizenzspielerabteilung würde nicht mehr unmittelbar in der Hand des Vereins liegen, sondern in Form einer Kapitalgesellschaft organisiert werden.

Eine Option ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), wie bei RB Leipzig, dem VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen. Eine andere Möglichkeit ist eine Aktiengesellschaft, wie beim FC Bayern und Schalkes großem Rivalen Borussia Dortmund.

Durch eine Ausgliederung erhoffen sich die Befürworter ein Entkommen aus der sportlichen und finanziellen Krise. Den Klub plagen Verbindlichkeiten in Höhe von 197 Millionen Euro, seit der Coronakrise ist die finanzielle Lage noch dramatischer als zuvor.  

Fans fürchten um die Seele des FC Schalke 04

Viele Fans haben allerdings Angst, dass der Verein durch eine Ausgliederung vor allem seine Seele verkauft, Werte und Traditionen nicht mehr gelebt werden, und der familiäre Zusammenhalt schwindet. 

Auf Schalke, wo der Fußball oft mehr als Religion betrachtet wird denn als Sport, ist vielen Fans der Verein heilig. Sie sind stolz darauf, einer von nur fünf eingetragenen Vereinen in der Bundesliga neben Union Berlin, dem SC Freiburg, Mainz 05 und Fortuna Düsseldorf zu sein. 

Es schwingt die Befürchtung mit, dass Schalke durch eine Ausgliederung am Ende in die Hände eines schwerreichen Investors oder sogar Scheichs gerät.

"Für mich ist eine Ausgliederung ein No-Go. Gerade, dass Tönnies das jetzt zu diesem Zeitpunkt wieder auf den Tisch bringt. Erst den Verein ausbluten lassen und dann in Krisenzeiten sagen: 'Wir müssen mehr Geld ranschaffen. Da hätte man besser 20 Jahre nicht misswirtschaften sollen'", wird Thomas Wesselborg, Wirt der Schalker Fankneipe "Destille Buer" deutlich. 

"Für mich ist und bleibt Schalke ein eingetragener Verein. Und den kann man nicht einfach verramschen. Man bekommt doch jetzt in der Krise auch nicht das entsprechende Geld. Davon abgesehen ist Schalke für mich eh unbezahlbar. Das ist ein Rembrandt unter den Fußballvereinen."

Fischer: "Eine andere Zeit"

"Es ist heute eine andere Zeit als vor 40 Jahren. Die Mannschaften, die heute an der Spitze stehen, sind alles ausgegliederte Vereine", hält die Schalker Legende Klaus Fischer im Gespräch mit SPORT1 dagegen. "Man muss schauen, dass man in der Lage ist, wichtige Spieler zu holen. Man muss darüber sprechen und das Beste für den FC Schalke 04 rausholen." 

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Fakt ist, dass eine Ausgliederung nicht alle Probleme einfach wegwischen würde. Die Verbindlichkeiten könnten natürlich ausgeglichen werden. Doch es wäre an den Verantwortlichen, dafür zu sorgen, dass der Klub in den Jahren nach dem Geldsegen nicht bald wieder vor dem Abgrund steht. 

Raphael Brinkert, Schalke-Mitglied und zugleich einer der führenden Sportmarketing-Unternehmer in Deutschland, glaubt, dass das Alleinstellungsmerkmal e.V. für Schalke sogar ein größerer Vorteil sein könnte: "Klug vermarktet und kommuniziert bieten sich daraus langfristig - auch international - viel mehr Potenziale als die Einmalzahlung von Investoren. Aber dafür braucht man nicht nur Herz und Verstand, sondern auch Geduld", sagte der 42-Jährige zu SPORT1.

Ein interessantes Argument für eine Diskussion, die für viele Fans gar keine sein sollte, auf Schalke mittlerweile aber wohl unvermeidlich ist.

"Wir erarbeiten intern Konzepte, wie das aussehen kann. Wir müssen die nächsten Spiele abwarten, parallel arbeiten wir das aus", verriet Tönnies nach der Pleite beim BVB: "Wir diskutieren ja seit Jahren darüber, ob wir nachhaltig bei einem traditionellen Fußballverein bleiben können."

Abramczik: "Ich würde dafür stimmen"

Alle Beteiligten können sich auf eine heiße und heftige Diskussion einstellen. Leicht wird es für Tönnies und Co. nicht, eine Ausgliederung durchzuboxen. Ohne die Rückendeckung der Fans geht es ohnehin nicht.

Eine Entscheidung für eine Ausgliederung bedarf bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung einer Mehrheit von 75 Prozent unter den 153.000 Mitgliedern. 

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Wann es überhaupt die nächste Mitgliederversammlung geben wird, steht aufgrund der Corona-Pandemie nicht fest. Außerdem wäre wohl ein "Wahlkampf" über mehrere Monate nötig, in dem beide Fronten zu Wort kommen.

Rüdiger Abramczik ist eines der Mitglieder. Von 1973 bis 1980 stürmte der gebürtige Gelsenkirchener für Schalke.

"Wenn wir international weiterkommen wollen, werden wir das wohl auf Dauer machen müssen", sagte der 64-Jährige zu SPORT1: "Ich bin auch Mitglied und würde dafür stimmen."