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Dortmund und Gelsenkirchen - Das 178. Revierderby wird als erstes ohne Fans in die Geschichtsbücher eingehen. Wie gehen die Anhänger in das Match? SPORT1 hörte sich bei den Fans um.

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Auf 23 Revierderbys kann Michael Zorc in seiner aktiven Karriere als Fußballer zurückblicken.

Keiner gewann mehr Pott-Derbys als der BVB-Sportchef (10). Mit Blick auf das anstehende erste Geister-Derby der Bundesliga-Geschichte gibt der 57-Jährige zu: "Ein Derby ohne Zuschauer: da blutet einem das Herz."

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Am Samstag wird um 15.30 Uhr das 178. Revierderby angepfiffen – und es wird das erste ohne Fans sein. (Bundesliga: Borussia Dortmund - Schalke 04 ab 15.30 Uhr im LIVETICKER)

Derby ohne Fans? "Das ist wie Sex alleine"

Normalerweise würde Bruno Reckers seinen Stehplatz auf der "Süd" wie gewohnt einnehmen und inmitten seiner Freunde stehen.

Seit 1974 hat der 66-Jährige nach eigener Aussage nur vier (!) Pflichtspiele im Westfalenstadion verpasst. Ein Zweitliga-Spiel 1975, ein Match gegen Bochum 1991 sowie die beiden Montagsspiele gegen Köln und Augsburg. "Ohne Zuschauer? Das ist wie Sex alleine!", sagt der Schnauzbartträger und blickt nachdenklich drein.

Es sei zwar immer noch ein Revierkampf, meint Reckers, aber eben anders. "Die Blauen", sagt er, "sind unser Erzfeind schlechthin. Es geht um die Macht im Kohlepott."

Das anstehende Duell packt ihn aber so gar nicht. "Für mich ist die Saison abgeschlossen. Ich werde die Spiele aber nicht im TV gucken. Das ist der erste Spieltag, der mich null interessiert. Dieser Gedanke macht mich selbst traurig."

"Der Gedanke an ein leeres Stadion macht mich traurig"

Ähnlich sieht das Oliver Römer, der im Vorstand des christlichen BVB-Fanclubs "Totale Offensive" ist. Seit seinem siebten Lebensjahr geht der Ur-Dortmunder zur Borussia.

Enttäuscht sagt Römer: "Ich habe die Saison schon abgeschlossen im Kopf. Was jetzt passiert, hat definitiv nichts mehr mit dem normalen Fußball zu tun. Der Gedanke an ein leeres Stadion bei einem Derby macht mich traurig."

Normalerweise hätte in diesen Tagen der traditionelle Derby-Gottesdienst stattgefunden. Corona macht der besonderen Fan-Andacht aber einen Strich durch die Rechnung. "Zurzeit ist überhaupt kein Kribbeln bei mir da. Emotionen löst das in mir nicht aus. Natürlich werde ich aus Interesse vorm TV gucken. Aber das Derby-Fieber will bei mir nicht aufkommen."

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Schalke-Fan: "Derbys sind immer aufregend"

Bei Schalke-Fan Thomas Wesselborg ("Schalke ist von Geburt an eingeimpft") ist die Vorfreude allerdings da. "Ich werde die Nacht davor nicht schlafen können", meint er. "Derbys sind immer aufregend, auch das hier." Natürlich sei das Spiel ohne Zuschauer speziell. "Dem Derby fehlt ohne uns Fans etwas." Er glaubt aber: "Um 15.30 Uhr drehen wir dann sowieso alle durch."

Wesselborg, ist seit über 30 Jahren Besitzer der "Destille" in Gelsenkirchen-Buer. Er hat in der Corona Zeit aus seiner Kneipe ein Büdchen gemacht und hat seit Montag wieder geöffnet - unter strengen Auflagen, versteht sich.

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Er steht für Samstag vor der quälenden Frage: "Welche acht Leute soll ich in meine Kneipe lassen? Das ist eine unsäglich schwere Situation. Ich habe keine Lust, irgendjemanden zu bevorzugen. Ich versuche, Freund aller meiner Gäste zu sein."

Auch wenn das Corona-Derby ohne Fans ausgetragen wird, glaubt Wesselborg, dass das Derby ganz Gelsenkirchen elektrisieren wird: "Verlieren geht nicht, das darf einfach nicht sein. Wir werden gewinnen! Vielleicht gibt es nach unserem Sieg ja die eine oder andere findige Aktion, dass wir um 19.04 Uhr zum Beispiel die blau-weißen Flaggen aus dem Fenster hängen."

Abschließend sagt er: "Ich freue mich riesig aufs Derby und dass der Fußball endlich weitergeht. Das ist ein Schritt in Richtung Normalität."

Gemischte Gefühle bei Königsblau

Klaus Herzmanatus ist anderer Meinung: "Das Derby lebt von seiner besonderen Atmosphäre", sagt der Ur-Schalker. "Da gehören Fans und Bier dazu. 60.000, die richtig Gas geben. Ganz ehrlich: Ich habe nicht das Gefühl, dass ein Derby ansteht. Das ist nicht der Fußball, den ich liebe."

Der "Königsblaue" arbeitete 25 Jahre lang in vierter Generation als Bergarbeiter in der "Zeche Hugo". Mittlerweile hat er ein Museum ("Schatzkammer") im Schacht 2 des Förderturms, in dem er Trikots und Fan-Utensilien rund um den Fußball und vor allem Schalke 04 sammelt. 

Abschließend sagt er: "Wir sind uns alle darüber im Klaren, dass die Geisterspiele wichtig für die Vereine sind. Aber für uns Fans sind sie uninteressant. Ich habe viele Derbys erlebt, viele Niederlagen, aber auch große Siege. Wenn ich mir vorstelle, dass da am Wochenende ein leeres Stadion ist, hat das in meinen Augen mit Derby nichts zu tun."