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München - Lennart Grill wechselt zur kommenden Saison vom 1. FC Kaiserslautern zu Bayer Leverkusen. Der U21-Nationaltorhüter nimmt wie Alex Nübel einen Bankplatz in Kauf.

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Der Wechsel von Alexander Nübel vom FC Schalke 04 zum FC Bayern im Sommer war das alles beherrschende Fußball-Thema in den vergangenen Monaten - bis das Coronavirus weltweit um sich schlug. Am 4. Januar dieses Jahres schafften die Münchner in Sachen Nübel frühzeitig Fakten und gaben den ablösefreien Transfer bekannt.

Es riecht nach einem Tausch Stammplatz gegen Ersatzbank: Nübel, bis dahin Schalkes Kapitän und die Nummer eins, will sich ab der nächsten Saison zum Nachfolger von Manuel Neuer entwickeln - im Verein und in der Nationalelf. Bei den Bayern hat der 23-Jährige einen Fünfjahresvertrag erhalten.

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Doch Experten und Fans fragten sich gleichermaßen: Warum macht Nübel das? Er ist aber nicht der einzige Keeper, der sich für den nächsten Karriereschritt zunächst hinten anstellt.

Zuletzt wurde ein anderer Wechsel eines jungen Torwart-Talents bekannt gegeben, über den SPORT1 schon im Vorfeld berichtet hatte. Lennart Grill verlässt nach dieser Saison Drittligist 1. FC Kaiserslautern und schließt sich Bayer Leverkusen an. Dort wird er wohl erstmal auf der Bank Platz nehmen müssen - als Ersatzmann von Lukas Hradecky. Wie Nübel entscheidet sich auch Grill für den Schritt zurück. Und doch sieht er darin keinen Nachteil.

Grill erklärt seine Entscheidung

"Ich möchte meinen nächsten Schritt gehen. Und den kann ich in der Bundesliga machen. Das Niveau, das dort allein im Training herrscht, wird mir helfen, mich weiterzuentwickeln", erklärt Grill seine Entscheidung im Gespräch mit SPORT1. "Es ist eine persönliche Sache, wie gut man mit so einer Situation umgehen kann. Es kommt auch darauf an, wann man dann spielen darf und wann nicht. Ich werde schauen, wie es sich entwickelt."

Seine Entscheidung, mit der von Nübel zu vergleichen, wäre nicht richtig, findet Grill: "Bei Alex Nübel ist der Schritt ein anderer, weil er innerhalb der Bundesliga wechselt und nicht wie ich von der 3. Liga in die 1. Liga. Außerdem ist er bereits drei Jahre älter als ich. Sicher gibt es gewisse Parallelen, aber jeder Wechsel ist individuell zu beurteilen."

Beide Torhüter nehmen jedenfalls erstmal den harten Platz auf der Bank in Kauf - freiwillig. Wie auch schon Sven Ulreich, der 2015 vom VfB Stuttgart zum FC Bayern wechselte und von Anfang an mit dem Platz hinter Neuer zufrieden war. Und Tobias Sippel, der sich im selben Jahr nach 17 Jahren beim 1. FC Kaiserslautern Borussia Mönchengladbach anschloss und dort seitdem die Nummer 2 hinter Yann Sommer ist.

"Hradecky bewundere ich sehr"

Grill freut sich auf die Zeit im neuen Klub. "Lukas Hradecky bewundere ich sehr, und die Zusammenarbeit mit ihm wird mich bestimmt nach vorne bringen. Auch in der BayArena auf dem Rasen mich warm zu halten und vielleicht Einsätze zu bekommen, wird für mich etwas ganz Besonderes sein."

Die Frage, die sich mancher Fan wie auch bei Nübel stellt: Was ist Grills Antrieb?

"Persönlicher Ehrgeiz ist klar, ich will so schnell wie möglich spielen. Das ist für Lukas auch klar. Im Endeffekt liegt es an mir, wie gut ich es im Training umsetze, wie gut ich es in einem Testspiel zeigen kann", sagt er. Es gehöre auch immer ein bisschen Glück dazu. "Das wird schwer genug, denn Lukas ist nicht umsonst einer der besten Torhüter der Liga. Er machte es all die Jahre sehr gut. Es war von vorn herein klar, dass er der erste Mann im Kasten ist."

Die Situation des zweiten Mannes hätte Grill nicht bei jedem Erstligisten angenommen, verrät er. "Es ist eine Frage, wie es mit den Verantwortlichen passt, wie da die Sympathie ist und wie die Gegebenheiten sind. Und natürlich ist die sportliche Perspektive ausschlaggebend." In Leverkusen passe dies "alles" und er habe dort zudem mit David Thiel "einen wirklich guten Torwarttrainer, mit dem ich mich weiterentwickeln kann. Ich habe mich aufgrund dessen auch nur mit Leverkusen beschäftigt."

Rückendeckung von Kuntz und Ziegler

Angst seinen Platz in der U21-Nationalmannschaft zu gefährden, hat Grill nicht.

"Ich habe mit Stefan Kuntz (U21-Nationaltrainer, d. Red.) über meine Situation gesprochen und er hat mich darin bestärkt, diesen Schritt zu gehen. Die regelmäßigen Spiele fallen natürlich erst mal weg, dennoch bin ich überzeugt, in der Nationalmannschaft weiter meinen Weg gehen zu können."

Das ist auch Marc Ziegler. "Lennart ist ein sehr talentierter Torhüter, der schon jetzt viele Eigenschaften eines modernen Keepers mitbringt und noch über viel Potenzial verfügt. Er hat 2016 mit dem DFB an seinem ersten internationalen Turnier teilgenommen - der U17-EM in Aserbaidschan, damals noch als zweiter Keeper. Seitdem hat er besonders ehrgeizig an sich gearbeitet und sich permanent weiterentwickelt", sagt der DFB-Torwartkoordinator (früher unter anderem VfB Stuttgart, Borussia DortmundSPORT1.

"Das konnten wir unter anderem bei den Nationalmannschaften und beim Elite-Torwart-Camp erleben, bei dem wir ein paar Tage lang die besten Torhüter-Talente Deutschlands zusammenholen und positionsspezifisch weiterentwickeln", fügte Ziegler hinzu.

Null bis fünf Spiele

Ähnlich wie Nübel wird auch Grill genau abgewogen haben, wie die Chancen stehen. Nach SPORT1-Informationen geht die Grill-Seite von null bis fünf Spielen im ersten Jahr aus. "Ich bin erst 21 und habe bereist 50 Profi-Spiele hinter mir", betont der FCK-Keeper selbstbewusst. "Ich möchte nicht überheblich klingen, aber für mich ist das kein Risiko und ich fühle mich der Aufgabe gewachsen." Sein Ziel war es immer, in der Bundesliga zu spielen. "Ich habe kein negatives Bauchgefühl und für mich ist es absolut die richtige Entscheidung."

Trotz seines jungen Alters hat Grill schon viel Erfahrung im Herrenbereich in der 3. Liga sammeln und sich somit als Stammkeeper bei den Roten Teufeln etablieren können. "Diese Spielpraxis hat ihm dazu verholfen, seinem Traum, irgendwann einmal Bundesliga-Keeper zu werden, näher zu kommen", meint Ziegler.

Und weiter: "Hans-Jörg Butt, René Adler, Bernd Leno - viele deutsche Torhüter konnten sich in Leverkusen hervorragend weiterentwickeln. Lennart wird von Lukas Hradecky viel lernen können und seine nächsten Schritte machen - dabei sollte er das Thema der Spielpraxis nicht aus den Augen verlieren."

Leno wagte 2018 den Schritt von Leverkusen in die Premier League zum FC Arsenal. "Ich würde mich nicht beschweren, wenn es bei mir genau so läuft wie bei ihm", meint Grill und lacht. "Ich orientiere mich schon etwas an Bernd, Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass es genauso klappen kann. Es liegt immer an einem selbst."

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"Gerry hat sich für mich gefreut"

Auch wenn er nicht mehr sein Torwarttrainer ist, hat Grill seinen Entschluss mit Gerry Ehrmann besprochen, der ihn einst beim FCK zu den Profis holte. Die vergangenen Wochen arbeitete Ehrmann nicht mehr mit Grill zusammen, nachdem dem 61-Jährigen am 6. März vom Verein wegen nicht zu tolerierender Vorkommnisse fristlos gekündigt worden war.

"Gerry hat sich für mich gefreut und mir auch zu diesem Schritt geraten", berichtet Grill. "Es ist eigentlich genau das passiert, was er mir vor vier Jahren, als ich nach Lautern gekommen bin, prophezeit hat."

Damals habe Ehrmann zu ihm gesagt 'jetzt spielst du erst mal einige Zeit bei den Amateuren, dann bei den Profis und dann wechselst du in die Bundesliga'.

Und genau so ist es auch gekommen. "Das ist geil", freut sich Grill. "Der Kontakt zu Gerry wird weiter bestehen bleiben. Ich bin ihm sehr dankbar für alles."