Werders Kaufmännischer Geschäftsführer Klaus Filbry ist aktuell nicht zu beneiden
Werders Kaufmännischer Geschäftsführer Klaus Filbry ist aktuell nicht zu beneiden © SPORT1-Grafik/Getty Images/Imago
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Bremen - Werder Bremen setzt die Coronakrise besonders mächtig zu. Der Klub kämpft an allen Fronten, er wird erstmals Schulden machen müssen. Eine Lösung der dringenden Probleme zeichnet sich aber nicht ab.

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Klaus Filbry ist bei Werder Bremen der Gestalter im Hintergrund, im Normalfall bekommt man vom 53-Jährigen nicht besonders viel mit.

Filbry ist in seiner Eigenschaft als Kaufmännischer Geschäftsführer der Herr der Zahlen bei Werder und überlässt den Gesichtern Frank Baumann und vor allen Dingen Florian Kohfeldt nur zu gerne den Vortritt. Nun ist aber seit einigen Wochen kaum noch etwas normal, also drängt es den ehemaligen Adidas-Chef immer öfter in die Öffentlichkeit.

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Am Freitag hatte Filbry wohl die schwerste Prüfung in seinen zehn Dienstjahren bei Werder Bremen zu bestehen. In einem Podcast zeichnete Filbry ein düsteres Bild des Traditionsklubs, die ausgegliederte Werder Bremen GmbH und Co.KG wird erstmals seit ihrer Gründung vor 17 Jahren Schulden machen müssen.

Im schlimmsten Fall verliere Werder bis zum Jahresende an die 40 bis 45 Millionen Euro, bekannte Filbry. Ein möglicher sportlicher Abstieg ist da noch nicht mal eingerechnet.

Werder mit monströsem Defizit

Aufgeschlüsselt wird das monströse Defizit in mögliche Rückzahlungen an TV-Sender und Sponsoren, an Dauer- und Tageskarteninhaber für die restlichen sechs Heimspiele dieser und womöglich dem kompletten Ausfall an Dauerkartenverkäufen für die kommende Saison.

Dazu kommt fehlendes Geld aus Sponsoring und Ticketing für Werders Logen sowie jene Leistungen für Partner und Sponsoren, die Werder ohne Live-Spiele nicht oder nur begrenzt wird einhalten können. Einzelne Sponsoren hätten die Zahlungen bereits eingefroren, Filbry bezifferte dies mit rund fünf Millionen Euro, die derzeit fehlen.

Mit den wegbrechenden Einkünften aus dem Hospitality-Bereich und der ungewissen Zukunft im Business-Bereich ergibt sich eine finstere Prognose. Dass Stadionpartner Wohninvest sein Engagement unter anderem in die eSports-Abteilung und Werders Nachwuchsleistungszentrum vor wenigen Tagen erweitert hat, ist angesichts der schieren Wucht der restlichen Zahlen auf kurzfristige Sicht allenfalls noch eine Randnotiz.

Wen verkaufen ohne Transfermarkt?

Werder muss seine Kredite erhöhen und bei der KfW ein zweistelliges Überbrückungsdarlehen beantragen, um die Liquidität wenigstens bis zum Herbst zu sichern. In der unvorhersehbaren Coronakrise drückt jetzt das für Bremer Verhältnisse durchaus forsche Vorgehen auf dem Transfermarkt deutlich durch.

In den letzten drei Jahren ist Werder mit deutlich über 20 Millionen Euro in Vorleistung gegangen, bis auf Thomas Delaney (für 20 Millionen Euro zu Borussia Dortmund) konnte Baumann für keinen anderen Spieler eine hohe Ablösesumme generieren. Demgegenüber standen aber einige stattliche Transfers, die in der Summe an der 60-Millionen-Euro-Marke kratzten.

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Bereits ohne den Corona-Lockdown war klar, dass Werder in diesem Sommer den einen oder anderen Leistungsträger würde verkaufen müssen. Milot Rashica, einst ebenfalls im Vorgriff geholt, sollte Werder mit angeblich festgeschriebenen 38 Millionen Euro Ablöse von allen finanziellen Zwängen vorerst befreien.

Auch für Spieler wie Davy Klaassen, Jiri Pavlenka, Ludwig Augustinsson oder Maximilian Eggestein könnte Werder gesprächsbereit sein. Nur: Derzeit zeichnet sich noch nicht ab, ob es überhaupt einen Transfermarkt geben wird. Und ohne Markt kein Verkauf.

"Wir wissen nicht, ob und wann der Transfermarkt wieder anzieht. Auch für dieses Szenario müssen wir uns vorbereiten", erklärte Filbry. Also rücken Leihspieler wieder in den Fokus, Romano Schmid kehrt wie Manuel Mbom zurück zu Werder, andere könnten folgen.

Gedankenspiele mit Investoren

Käme Werder dank Geisterspielen und allem, was an Sponsorengeldern dann wenigstens teilweise fließt noch glimpflich davon, stünden trotzdem noch rund 20 Millionen Euro Verlust in der Bilanz. Zwar hat die DFL vorerst allen Bundesligaklubs vorerst die Lizenz für die kommenden Spielzeit erteilt. Manche Klubs müssten allerdings "bis Mitte Juni Bedingungen erfüllen, um im Falle der sportlichen Qualifikation die Spielberechtigung zu erhalten, oder erhielten die Lizenz unter Auflagen".

Der Gang zur KfW sei für Werder daher alternativlos, wie Filbry bekräftigt: "Wir sind aus sportlichen und wirtschaftlichen Gründen verpflichtet, den Fortbestand des Fußballs zu erhalten und auch des Unternehmens und des Vereins Werder Bremen."

Daher prüft Werder nun auch wieder die Option, mit einem Investor zusammenzuarbeiten. Wegen der 50+1-Regelung ist das zwar ein ungeheuer schwieriges Unterfangen, schließlich fände sich derzeit "niemand, der bereit ist, als Minderheitsgesellschafter einzutreten".

Grundsätzlich wird Werder, das bisher seine Unabhängigkeit immer stolz und gut sichtbar vor sich her trug, aber auch in diese Richtung denken müssen. Es gilt immerhin auch, 180 direkte Arbeitsplätze zu schützen. Deshalb hofft der Klub nun auf die Unterstützung der Logenkunden sowie Dauer- und Tageskartenbesitzer. Die Fans könnten für die bereits bezahlten Tickets auf die Rückerstattung des Kaufpreises insistieren, Werder würde dies für die sechs ausstehenden Heimspiele rund sieben Millionen Euro kosten.

Lemke kritisiert Vereinsvorgehen

Andere Klubs gehen einen ähnlichen Weg und sehen sich dabei auch harscher Kritik ausgesetzt. "Das ist das falsche Signal, es ist unangemessen!", konterte Ex-Manager Willi Lemke am Sonntag in der TV-Sendung buten un binnen.

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"Bevor ich einen Studenten oder Rentner bitte, die zwölf oder 15 oder 20 Euro zurückzugeben, damit wir den Laden weiter halten können, würde ich erstmal bei denen anfangen, die das ganz ganz große Geld verdienen." Gemeint sind die Spieler. Die verzichten angeblich auf Geld. In welcher Höhe und in welchem Zeitrahmen sie das tun, ob sie komplett verzichten oder dem Klub die einbehaltenen Gelder nur stunden - das hat Werder nicht kommuniziert.

Wie so vieles steht und fällt alles mit einer Wiederaufnahme der Saison. Wie jeder andere Klub auch schwebt Werder im luftleeren Raum, es gibt keinen Ankerpunkt, auf dem man weitere Schritte aufbauen könnte. Einige Klubs können diese Situation immer noch recht bequem aushalten, andere nicht. Und wieder andere kämpfen tatsächlich um ihre Existenz. Vermutlich gehört Werder Bremen zur letzten Gruppe.