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Mainz - Achim Beierlorzer gibt bei SPORT1 Einblicke in die Trainingsarbeit bei Mainz 05 - und verrät, warum er beim Bundesliga-Neustart mit "kuriosen Dingen" rechnet.

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Ob die Bundesliga den Spielbetrieb ab dem 9. Mai wieder aufnehmen kann, bleibt weiter ungewiss. Wie DFL-Geschäftsführer Christian Seifert aber auf der gestrigen Pressekonferenz bekanntgab, ist das Ziel weiterhin, die aktuelle Saison bis zum 30. Juni zu beenden.

Vorerst müssen sich aber auch Mainz 05 und Trainer Achim Beierlorzer weiter gedulden - und das, wo sein Team mit nur einer Niederlage aus den vergangenen fünf Spielen gerade wieder in die Spur gefunden hatte.

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Im Interview mit SPORT1 spricht Beierlorzer über die Coronakrise, die aktuelle Trainingssituation und seine Ziele für die restliche Saison.

SPORT1: Herr Beierlorzer, können Sie der Coronakrise auch etwas Positives abgewinnen?

Achim Beierlorzer: Jeder hat in seinem Bekanntenkreis den einen oder anderen Fall, der nicht positiv ist, der seinen Job verloren hat, der einen Gastronomiebetrieb eröffnet hat, den er gleich wieder schließen musste. Da ist wenig Positives zu sehen. Das einzig Positive daran ist, dass man gestärkt aus solchen Situationen herauskommt und dass man alternative Lösungsvorschläge sieht. Ich sehe viele Menschen, die nun um die Ecke denken und versuchen, das Bestmögliche aus dieser Situation zu machen.

SPORT1: Haben Sie irgendetwas Neues ausprobiert und Dinge im Haushalt übernommen?

Beierlorzer: Als wir drei Wochen im Homeoffice waren, habe ich mich absolut in das Familienleben integriert, nicht nur die Gartenarbeit gemacht, sondern auch mal nach dem Essen abgespült. Ich verbessere mein Englisch täglich über eine App, wo man neue Vokabeln lernt und alte wiederholt. Man hat schon mehr Zeit. Das wird sich aber wieder ändern. Deshalb müssen wir jetzt diese Phase nutzen.

SPORT1: Können Sie trotz der Abstandsregelung mit Ihren Spielern über Dinge außerhalb des Fußballs reden?

Beierlorzer: Das geht kaum, da wir die Kontaktzeit absolut minimieren. Die Spieler kommen 15 Minuten vor dem Training und gehen, ohne zu duschen. Wir haben mit der Videoanalyse ein Stärkenprofil der Spieler entwickelt. Wir haben inzwischen begonnen, mit großer Distanz nach dem Training mit einzelnen Spielern vor einer Videoleinwand zu sitzen und einige fußballerische Dinge zu besprechen. Das sind auch Momente, in denen man mit den Spielern auch über andere Dinge spricht, beispielsweise wie es ihnen geht. Aber auf dem Trainingsplatz ist die Kontaktzeit so gering, dass es wenig Zeit gibt, über solche Sachen zu sprechen.

Beierlorzer: "Wir brauchen mindestens zwei Wochen"

SPORT1: Inwieweit können Sie aktuell im Training Spielsituationen einstudieren?

Beierlorzer: Nach dem vorläufigen Abbruch nach dem Spiel gegen Köln haben wir die Spieler mit athletischen Programmen versorgt. Das ist die "Notversorgung", damit man auf einem gewissen sportlichen Niveau bleibt. Seit zwei Wochen sind wir im Training auf dem Platz und mit Ball. Ballgewöhnung, Passaktionen und Torschussformen - das sind schon Aspekte, wo man nah an ein Spiel herankommt. Wir haben am Mittwoch und am letzten Samstag versucht, den Spielcharakter zu simulieren, ohne dass wir uns berühren. Es gibt natürlich keine Zweikämpfe und keinen Kontakt. Aber von der Belastung her wissen wir, wie viele Sprints, Tempoläufe und Abstoppbewegungen ein Spiel hat. Das versuchen wir zu imitieren, auch volumenmäßig. Wir sind zehn Kilometer im Training unterwegs gewesen, am Mittwoch hatten wir intensive Läufe. Wir machen alles spielerisch, alles mit Spielsituationen wie Torabschluss, Flanken, Passsituationen, Spiel auf kleine Tore. Aber der richtige Fußball lässt sich natürlich nicht imitieren. Da geht es um Zweikämpfe und darum, sich durchzusetzen.

SPORT1: Wie viel Zeit benötigt eine Mannschaft, um wieder auf Wettbewerbsniveau zu kommen?

Beierlorzer: Wir werden definitiv nicht über einen idealen Zeitpunkt sprechen können. Es wird nicht wie eine Vorbereitung im Sommer sein, die man frei planen und wo man Testspiele einbeziehen kann. Ich habe gesagt, wir brauchen mindestens zwei Wochen, um das Verletzungsrisiko für die Spieler auszuschließen. Dass man den Kontaktsport Fußball, so wie wir ihn kennen, auch wieder im Training durchführen kann. Das ist das absolute Mindestzeitmaß, um die Spieler ordentlich auf die Spiele vorzubereiten, welche dann auch eine Anpassung bringen. Einen idealen Fall wird es eh nicht geben, aber wir müssen das Optimum aus dieser Situation machen.

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Corona: "So etwas haben wir alle noch nicht erlebt"

SPORT1: Erwarten Sie verrückte Spielausgänge?

Beierlorzer: Es muss ja vor dem Spiel getestet werden. Wenn man sich in die Situation hineinversetzt, was alles passieren könnte, dann kann und wird es kuriose Situationen geben. Es ist insgesamt eine kuriose Situation, dass eine Pandemie die Welt in Atem hält, die das wirtschaftliche und unser normales Leben völlig aussetzt. So etwas haben wir alle noch nicht erlebt. Wenn man sich überlegt, dass der Schulunterricht in Deutschland noch nicht flächendeckend fortgesetzt wurde. Mein Sohn darf sich ab Montag wieder auf sein Abitur vorbereiten, das 20 Tage später geschrieben werden soll. Deshalb werden, sollte gespielt werden, kuriose Dinge passieren, die noch nicht abzusehen sind.

SPORT1: Wie viel Feinjustierung beim Torschusstraining haben Ihre Spieler verloren? Ist die Streuweite größer geworden?

Beierlorzer: Das geht, weil wir das von Beginn an mit reingenommen haben, was täglich in verschiedenen, auch kleineren Formen auf dem Programm steht. Damit sind wir zufrieden gewesen. Bemerkenswert war die Passqualität am ersten Trainingstag nach drei, vier Wochen nur zuhause und Lauftraining ohne Ball. Da mussten wir die Augen ein wenig zudrücken. Da muss man sich wieder einjustieren und die Spannung aufbauen, was wir inzwischen wieder erreicht haben.

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SPORT1: Beim Re-Start wird mindestens zwei Monate lang kein Spiel absolviert worden sein. Mainz 05 hat vier Punkte Vorsprung vor dem 16. Platz. Haben Sie wegen der aktuellen Situation den Fokus auf die sportliche Konstellation verloren?

Beierlorzer: Das habe ich gar nicht verloren. Natürlich, im Homeoffice, wenn man nur athletisch trainiert und erst mal keine Chance auf Fußball da ist, denkt man nicht so häufig über Konstellationen nach. Wir haben noch neun Spiele und nach oben nur einen Punkt, auch da können wir den einen oder anderen einholen. Das ist unser Ziel, möglichst weit weg von den Rängen ganz unten zu landen. Das verliert man als Trainer nicht.