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München - Nach dem Theater um Jürgen Klinsmann soll mit Bruno Labbadia Ruhe einkehren bei Hertha BSC. Ex-Kapitän Fabian Lustenberger hält das bei SPORT1 für eine gute Wahl.

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Turbulente Monate liegen hinter Hertha BSC.

Nach dem Theater um Jürgen Klinsmann übernahm zunächst dessen Assistent Alexander Nouri das Team. Doch auch er ist nicht mehr da. Bruno Labbadia leitet seit dem vergangenen Sonntag die Geschicke beim Hauptstadtklub. Fabian Lustenberger hat das alles aus der Ferne mitbekommen.

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Der 31-Jährige, der von 2007 bis 2019 bei Hertha spielte, zur Identifikationsfigur wurde und seit vergangenem Sommer bei den Young Boys Bern unter Vertrag steht, macht sich allerdings weiter Gedanken um seine Hertha. 

Im SPORT1-Interview spricht Lustenberger über die Alte Dame, Manager Michael Preetz, Labbadia - und lässt kein gutes Haar an Klinsmann.

SPORT1: Herr Lustenberger, wie geht es Ihnen in der Coronakrise?

Fabian Lustenberger: Ich bin soweit okay. Wir dürfen nicht auf dem Platz trainieren, sind alle zu Hause und trainieren dort nur individuell oder per Videochat mit dem ganzen Team. Es ist schon eine harte Zeit. Am Anfang war es noch ganz cool, aber jetzt ist es schwierig. Von mir aus kann es gerne wieder losgehen.

SPORT1: Sie haben zwölf Jahre für Hertha BSC gespielt. Das ist eine lange Zeit. Wie denken Sie zurück?

Lustenberger: Ich konnte das nicht planen, bin froh darüber, dass es so eine tolle Zeit war. Ich kam mit 19 Jahren nach Berlin, weil ich die Chance erhielt, als mich Lucien Favre wollte. Ich erinnere mich daran, dass von der ersten Kontaktaufnahme bis zur Unterschrift nur rund 14 Tage vergingen. Die Hertha war ein Abenteuer für mich. Ich bin damals das erste Mal von zu Hause weggegangen und wusste nicht, was mich erwartet. Ich wollte diesen Schritt unbedingt gehen, weil ich wusste, dass ich immer wieder zurück kann in die Schweiz. Ich habe die Entscheidung nicht bereut. Hertha und Berlin waren ein Jackpot für mich. Ich habe dort meine Frau kennen gelernt, und meine beiden Söhne kamen in Berlin zur Welt. Es war eine rundum perfekte Zeit.

Lustenberger: Abschied familiär bedingt

SPORT1: Hing Ihr Abschied 2019 auch mit der Trennung von Pal Dardai zusammen?

Lustenberger: Nein. Es war eine familiäre Entscheidung. Meine Familie war seit 2017 in der Schweiz, und es war natürlich schwer, sich so selten zu sehen. Ich hatte keine Lust mehr zu pendeln. Außerdem lief mein Vertrag bei Hertha aus. Dann kam das Angebot von den Young Boys aus Bern gerade recht. Somit kam vieles zusammen, es war für alle eine prima Sache, so dass es keine großen Verhandlungsrunden gab.

SPORT1: Sie sind heute eine Hertha-Ikone. Bei ihrem letzten Spiel im Olympiastadion gab es eine große Choreografie und bei Ihnen flossen Tränen.

Lustenberger: Ich erinnere mich gerne an diesen Tag. Das Gute daran war, dass ich seit Januar schon wusste, dass es ein letztes Spiel geben wird. Ich konnte viele Dinge wie den Umzug gut planen und musste nicht von heute auf morgen alles erledigen. Ich hatte auch viel Zeit, mir Gedanken zu machen, wie das letzte Spiel im Hertha-Trikot wohl werden wird. Als es dann soweit war, war es schon speziell, vor allem vor dem Anpfiff die Verabschiedung. Hinterher war ich vom Spiel aufgepusht, aber vorher war es komisch. Ich war froh, als es vorbei war. Es war mit Ausnahme des 1:5 (gegen Bayer Leverkusen, d. Red.) ein schöner Tag.

SPORT1: Lucien Favre war Ihr erster Trainer in Berlin. Wie haben Sie ihn damals wahrgenommen? Kritiker sagen, er sei ein schwieriger Typ.

Lustenberger: Ich hatte in den vergangenen Jahren ab und zu Kontakt zu ihm. Ich habe ihn als Fußballfachmann wahrgenommen. Favre ist ein hervorragender Trainer, der genau weiß, was er will. Klar gehören die Emotionen dazu, aber man sollte nicht immer zu viel Wert darauf legen. Favre war mein bester Trainer bei der Hertha. Er hat schon auch gezeigt, dass er emotional sein kann. Fachlich ist er ein Großer, das hat er bei jeder seiner Stationen bewiesen. Favre hat immer viel aus seinen Teams rausgeholt.

Herthas Richtung "absolut in Ordnung"

SPORT1: Die aktuelle turbulente Hertha-Saison begann damit, dass im Sommer 2019 die Trennung von Pal Dardai verkündet wurde. Haben Sie das verstanden?

Lustenberger: Es war eine Entscheidung der Verantwortlichen. Pal war viereinhalb Jahre Hertha-Trainer. Das ist heutzutage eine ziemlich lange Zeit und verdient Respekt. Im Nachhinein ist man immer schlauer und weiß jetzt, dass es mit Ante nicht geklappt hat. Pal hatte eine erfolgreiche Zeit in Berlin und arbeitet nun wieder im Jugendbereich für den Klub. Im Fußballgeschäft ist es nicht unnormal einen Trainer zu wechseln, auch wenn es gut läuft. Das hat man in Mönchengladbach auch gemacht, vor dieser Saison kam Marco Rose.

SPORT1: Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit Michael Preetz beschreiben?

Lustenberger: Er hat drei Mal meinen Vertrag verlängert. Das zeigt schon, dass zwischen uns alles okay war. Ich habe gerne mit ihm zusammengearbeitet. Hertha kam auch dank ihm nach zwei Abstiegen wieder auf Kurs und hat sich weiterentwickelt. Es wurde einmal knapp die Europa League verpasst und ein Mal war Hertha dabei. Die Richtung war absolut in Ordnung, leider gab es in dieser Runde einen Dämpfer. Ich gehe aber davon aus, dass der Klub mit den Möglichkeiten einen Schritt nach vorne machen wird, so dass er international wieder mal mitmischen kann.

SPORT1: War Preetz ein harter Verhandlungspartner?

Lustenberger: (lacht) Nein. Das musste er bei mir auch gar nicht sein. Beide Seiten wussten stets, was sie wollen. Es gab immer das Interesse, den Vertrag zu verlängern. Das war nie eine große Sache, die sich über Wochen hinausgezögert hat. Ich war bei den Verhandlungen auch nie dabei, das hat immer mein Berater mit Herrn Preetz gemacht. Es war eine Win-win-Situation.

Durch Klinsmann hat Hertha "sehr gelitten"

SPORT1: Hertha wollte schon oft den nächsten Schritt gehen, doch dieser wurde dann verpasst. Preetz wurde da auch oft kritisiert. Wie beurteilen Sie seine Arbeit in der Vergangenheit?

Lustenberger: Natürlich hat er nicht immer alles richtig gemacht, aber die Zeit unter Dardai war überaus erfolgreich. Das ist auch das Werk von Preetz. Viereinhalb Jahre - das war schon stark. Preetz hat Dardai einst installiert und auf ihn gesetzt. Von außen wird oft Unruhe reingetragen. Preetz liebt diesen Verein, hat ihn stabilisiert und ist zu recht das Gesicht des Klubs. Ich würde mir wünschen, dass es in den nächsten Jahren weitere Schritte nach vorne geben kann. Es gibt viele gute junge Spieler. Und da ist sicherlich einiges möglich.

SPORT1: Wie haben Sie im Winter das Theater um Jürgen Klinsmann mitbekommen?

Lustenberger: Da hat Hertha sehr gelitten. Aber nur deshalb, weil Klinsmann so einen Abgang hinlegte. Preetz und die anderen Verantwortlichen hätten nicht viel anders machen können. Wenn der Trainer von heute auf morgen sagt 'Das war's und tschüss' und dann noch bei Facebook nachlegt, dann hast du als Verein kaum Einfluss darauf. Da fühlten sich alle schlecht. Das war eine schwierige Zeit und für das Image von Hertha nicht förderlich. Aber es wurden die richtigen Schlüsse daraus gezogen.

SPORT1: Waren Sie überrascht, wie offensiv Klinsmann vorgegangen ist?

Lustenberger: Ja. Nachdem er dann auch noch alles öffentlich in einer Zeitschrift machte, kam es mir komisch vor. Ich war da froh, dass ich bereits in der Schweiz war und mein Name in der Abrechnung nicht auftauchte. Ich hätte auch keinen Mehrwert gehabt. (lacht, Klinsmann kritisierte einige Hertha-Profis, sie hätten keinen Mehrwert mehr gehabt, d. Red.). Wichtig ist, wie der Klub aus diesem Tal hervorgegangen ist.

SPORT1: Wie beurteilen Sie dir Reaktion von Preetz auf Klinsmanns Abgang?

Lustenberger: Nicht nur er, sondern alle im Verein haben Größe gezeigt und gesagt, dass so ein Verhalten nicht geht. Preetz hat sich klar vor das Team gestellt und ein ganz starkes Zeichen gesetzt. Ich fand den Auftritt zusammen mit dem Präsidenten (Werner Gegenbauer, d. Red.) ganz stark. Das kam gut an im Umfeld.

SPORT1: Unter Klinsmann sollte Hertha zum Big City Club werden. Das klang erstmal toll. Hätte man da vorsichtiger sein sollen?

Lustenberger: Grundsätzlich ist es nicht schlecht, wenn man als Klub Ambitionen hat und groß werden will. Zuerst dachten viele ja auch, dass das unter Klinsmann gelingen kann. Die Idee mit dem Big City Club war gut. Aber wenn alles beim ersten Widerstand über den Haufen geworfen wird, dann ist das nicht nachhaltig.

"Labbadia kann Spieler besser machen"

SPORT1: Am Montag wurde Bruno Labbadia früher vorgestellt als geplant. Ist er für die Hertha der Richtige?

Lustenberger: Das ist eine richtig gute Entscheidung. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihn gleich nach Klinsmann zu verpflichten. Doch man wollte es mit Alexander Nouri probieren und hätte es mit ihm durchgezogen, wenn die Coronakrise nicht dazwischen gekommen wäre. Jetzt kann man mit Labbadia eine neue Vorbereitung starten. Er ist ein Trainer, der das Geschäft kennt und weiß, was er macht. Er hat genügend Erfahrung, hat nachgewiesen, dass er erfolgreich gearbeitet hat.

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SPORT1: Labbadia hat immer noch das Retter-Image. Wird er diesen Stempel noch los?

Lustenberger: Labbadia war mal ein Feuerwehrmann, aber das ist er längst nicht mehr. Das Beispiel Wolfsburg zeigte doch perfekt, was in ihm steckt. Er hat den Klub vor dem Abstieg gerettet und ihn dann nach Europa geführt. Besser geht es nicht. Er kann Spieler besser machen und ein Team nach vorne bringen. Er hat eine klare Ansprache, hörte ich, und wird Ruhe reinbringen. Das Gesamtpaket passt. 

SPORT1: Wurde bei der Hertha in der Vergangenheit zu oft zu schnell groß gedacht?

Lustenberger: Die beiden Abstiege haben den Klub schon geerdet und da fehlte es nicht an Demut. Der Verein hat sich dann auch wieder etabliert unter Dardai. Der nächste Schritt wäre schon der gewesen, dass man es schafft, sich zwei, drei Jahre am Stück für Europa zu qualifizieren. So ganz aus dem Nichts kamen die Ambitionen nicht.

SPORT1: Rund 224 Millionen Euro wurden 2019 von Lars Windhorst mitgebracht. Was ist für Hertha in Zukunft drin?

Lustenberger: Natürlich ist viel Geld da. Aber man weiß auch, dass so etwas nicht 100 Prozent funktioniert, wenn Geld reingepumpt wird. Es braucht etwas Zeit, es muss etwas heranwachsen. Mit Labbadia ist einer da, der die nötigen Prozent aus der Truppe rauskitzeln kann. Ich drücke die Daumen.