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Gelsenkirchen - Schalkes Talente-Entdecker Norbert Elgert spricht bei SPORT1 über die Altersgrenzen-Regel im Nachwuchs, das Geschäft mit Youngstern - und auch BVB-Juwel Moukoko.

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Die Liste an Fußball-Stars, die Norbert Elgert einst auf Schalke ausgebildet hat, ist lang: Mesut Özil, Sead Kolasinac, Leroy Sané, Julian Draxler, Thilo Kehrer, Joel Matip, um nur einige wenige zu nennen.

Seit 24 Jahren arbeitet der 63-Jährige nun schon als U19-Trainer beim FC Schalke 04. Für das Gespräch mit SPORT1 nahm sich Elgert rund eine Stunde Zeit.

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Im Interview spricht der Talente-Guru über die neue Altersgrenzen-Regel im Nachwuchs, das Geschäft mit Talenten und seine persönliche Motivation.

SPORT1: Herr Elgert, es sind für uns alle unsichere Zeiten. Sie arbeiten mit jungen Menschen zusammen, wie sehr sind Sie da aktuell auch als Psychologe gefragt?

Norbert Elgert: Unsere Spieler sind jetzt in der sechsten Woche zu Hause und jeder bekommt wöchentlich einen neuen, individuellen Trainingsplan. Natürlich fehlt den Jungs ihre große Leidenschaft. Deshalb haben wir jetzt eine noch größere Verantwortung. Ich telefoniere wöchentlich mit meinen Spielern. Sie haben alle ihre Ängste und Nöte. Ich bin immer für sie da, um ihnen seelische Rückendeckung zu geben.

SPORT1: Viele Experten gehen davon aus, dass Corona den Transfermarkt verändern wird. Die Ablösesummen könnten fallen. Wird die Ausbildung der Talente für die Bundesliga-Klubs jetzt noch wichtiger?

Elgert: Ich glaube schon, dass es große Veränderungen geben wird, natürlich auch finanziell. Ich bezweifele, dass es diese extremen Summen demnächst noch geben wird. Zum zweiten Teil der Frage sage ich ja. Es muss aber Sinn machen. Wir dürfen die Profi-Kader demnächst nicht einfach nur so mit Nachwuchsspielern auffüllen. Sie dürfen nur dann hoch, wenn sie auch wirklich in der Lage sind, der Profimannschaft zu helfen und dort eine positive Rolle zu spielen.

SPORT1: Worauf legen Sie bei der Nachwuchsarbeit besonders Wert?

Elgert: Ich verfolge den ganzheitlichen Ansatz. Ein Spieler muss den Ball beherrschen, das Spiel verstehen, eine hohe mentale Geschwindigkeit haben, sich permanent auf dem Spielfeld orientieren, um dadurch in der Lage zu sein, gute Entscheidungen unter Druck zu treffen. Darüber hinaus muss er trainierbar und belastbar sein. Denn was bringt dir das größte Talent, wenn du ständig verletzt bist? Talent ist die Grundvoraussetzung, aber Spieler müssen auch ein Talent haben, ihr Talent zu nutzen. Ganz wichtig ist für mich die mentale Stärke. Das heißt dann gut zu sein, wenn es darauf ankommt.

SPORT1: Woran machen Sie fest, dass ein Spieler mental bereit ist für die Bundesliga?

Elgert: Das kann man nicht anhand von Werten messen. Man muss sich in einen Spieler reinversetzen. Bei Julian Draxler hatte ich damals, als Felix Magath ihn zu den Profis hochgezogen hat, schon große Bedenken. Nicht wegen seines Talents und seiner Einstellung, sondern eher mit Blick auf die Frage: Ist er denn körperlich schon so weit, um zum Beispiel den Zirkel von Felix Magath zu überstehen? Erst als er anschließend zu mir sagte: „Trainer, kein Problem. Unsere Zirkel in der U19 sind ähnlich hart", wusste ich: Der Jule schafft das.

SPORT1: Die Altersgrenze wird nach einem DFL-Beschluss bald von 17 auf 16 Jahren gesenkt. Wie stehen Sie dazu?

Elgert: Ich glaube nicht, dass am Ende viele Spieler mit 16 Jahren schon stabil Bundesliga spielen werden. Grundsätzlich finde ich den Ansatz aber okay. Ich habe nichts dagegen, wenn ein Spieler so weit ist und in der U19 unterfordert ist und oben helfen kann. Wichtig ist auch, dass er mit dem Druck und dem ganzen Hype positiv umgehen kann. Aber wir dürfen dabei nichts überstürzen. Es ist bedeutend, dass der Spieler das nötige Fundament hat. Denn erst ein starkes Fundament gibt die nötige Stabilität. Die Persönlichkeit und der Charakter sind da wichtig. Er muss einerseits mit der Erwartungshaltung umgehen können und andererseits eine gewisse Bodenständigkeit in der nicht ganz so einfachen Profi-Welt haben.

SPORT1: Was tun Sie dafür, damit die Jungs auf dem Teppich bleiben?

Elgert: Wir Trainer und Ausbilder sind in diesem Punkt gefragt. Wir führen viele Einzelgespräche und sollten mehr als nur Vermittler von Technik, Taktik und Athletik sein, nämlich auch von traditionellen Werten. Demut ist wichtig. Das betone ich immer wieder. Ich sage den Jungs immer, dass ihr Talent und ihr Können sie in keinster Weise über anderen Menschen erhebt. Nur weil du schnell Millionen verdienst, heißt das nicht, dass dein Talent höher einzuschätzen ist als das beispielweise eines Handwerkers. Mir ist auch Respekt wichtig. Sagt ein Spieler zum Beispiel im Hotel zu den Angestellten "Danke" und "Bitte"? Sie sollen nach den Sternen greifen, aber dabei bitte immer mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben. Ich gebe Ihnen ein Beispiel.

SPORT1: Gerne.

Elgert: Wir erwarten zum Beispiel von unseren Spielern, dass die Kabine, die nach dem Training immer von Raumpflegerinnen gereinigt wird, schon einigermaßen besenrein ist. Das hat auch etwas mit Respekt zu tun.

SPORT1: Kritiker der neuen Altersregel sagen, dass die Gefahr besteht, die Talente zu früh zu verheizen. Wie sehen Sie das?

Elgert: Ein Bundesligatrainer ist kein Ausbilder. Er muss immer das nächste Spiel gewinnen. Wichtig ist im Hinblick auf diese Regel, dass wir verantwortungsvoll damit umgehen. Die Trainer sollen die Spieler nicht ausbremsen, aber sie dürfen auch nicht zu sehr auf das Gaspedal drücken. Wenn ich der Meinung bin, dass ein U19-Spieler für die Bundesliga bereit ist, dann melde ich mich beim Chef-Trainer. Wir sind stolz, dass bei uns auf Schalke in der Vergangenheit etwa 100 Spieler den Sprung nach ganz oben geschafft haben. Auch jetzt haben wir wieder mit Mercan, Boujellab, Kutucu und McKennie einige Eigengewächse bei den Profis. Malick Thiaw steht auf dem Sprung. Auch Can Bozdogan darf man nicht vergessen, der sich leider im Winter-Trainingslager der Profis verletzt hatte. Wir sind aber keine Quotenjäger.

SPORT1: Der erst 15-jährige Youssoufa Moukoko gilt als Maß aller Dinge im deutschen Nachwuchsfußball. Er spielt schon bei der U19 und soll demnächst bei den BVB-Profis mittrainieren. Wie bewerten Sie das?

Elgert: Ich kenne den Jungen nicht persönlich, sehe ihn nicht jeden Tag im Training. Aber ich gebe zu, dass er mich überrascht hat. Er hat seinen erfolgreichen Weg aus der U17 auch in der U19 nahtlos fortgesetzt. Auch wenn er gegen uns im Oktober, als wir 4:0 in Dortmund gewonnen haben, nicht getroffen hat, finde ich ihn herausragend. Er ist ein Instinktstürmer, der für einen Jungen in seinem Alter vor dem Tor unglaublich abgeklärt ist. Er verfügt über eine hohe Geschwindigkeit, und über eine sensationelle Torquote. Er ist für sein Alter tatsächlich außergewöhnlich gut.

SPORT1: Die Schalker Nachwuchsabteilung ist seit Jahren dafür bekannt, Top-Talente hervorzubringen. Stehen Sie heute noch mit Spielern wie Matip, Kolasinac, Kehrer, Sané, Draxler oder Özil in Kontakt?

Elgert: Mal mehr, mal weniger. Ich gratuliere den Jungs zum Geburtstag oder rufe mal an, wenn einer ein Tief hat, oder etwas Besonderes erreicht wie Joel Matip mit dem Gewinn der Champions League. Jetzt gerade war ich viel in Kontakt mit Sead Kolasinac, der an der Schulter verletzt war. Bei Lennart Czyborra, der den Sprung zu Atalanta Bergamo geschafft hat, habe ich mich erkundigt, wie es ihm im von Corona gebeutelten Italien geht. Ich bin da, wenn ich das Gefühl habe, dass mich meine Jungs brauchen. Ansonsten halte ich mich aber zurück. Ich möchte mich nicht in ihrem Erfolg sonnen.

SPORT1: Hat Sie Leroy Sané denn gefragt, was er im Sommer machen soll? Er könnte von Manchester City zu den Bayern wechseln.

Elgert: Ich habe tatsächlich einen sehr guten Kontakt zu Leroy und seiner Familie. Wenn er mich fragen würde, was er bisher nicht getan hat, dann würde ich sagen: Leroy, bei den Optionen kannst du keinen Fehler machen. Bei City und Pep Guardiola ist er ohnehin gut aufgehoben. Wenn er im Sommer wirklich zu den Bayern gehen sollte, dann macht er auch nichts falsch. Dort ist mit Hansi Flick, den ich menschlich und fachlich sehr schätze und der auch auf junge Spieler setzt, ein großartiger Trainer. Leroy hat jedenfalls verdammt gute Optionen.

SPORT1: Herr Elgert, was ist nach 24 Jahren im Jugendfußball eigentlich Ihre tägliche Motivation?

Elgert: Für mich macht meine Arbeit sehr viele Sinn. Was mich nach wie vor antreibt ist, jungen Menschen dabei zu helfen, ihre Ziele, Wünsche und Träume zu verwirklichen, aber auch Wert und Sinn in ihrem Leben zu finden.

SPORT1: Wie hart umkämpft ist das Geschäft um Talente wirklich?

Elgert: Ich verstehe den Kampf um die Talente, was aber nicht heißt, dass ich das alles gut finde. Wenn ein Berater zu den Eltern eines Kindes nach Hause kommt und sagt: Ich mache euren Jungen zum Profi. Ihr bekommt von mir 100.000 Euro, wenn ich euch ab jetzt beraten darf, dann ist das schon sehr bedenklich. Ich bin der festen Überzeugung, dass zu früh zu viel Geld Motivation töten kann. Wenn du als Lehrling schon alles hast, ohne viel geleistet zu haben, dann ist das sicherlich nicht gut für die weitere Entwicklung.

SPORT1: Was raten Sie Ihren Spielern?

Elgert: Als Spieler würde ich immer dahin gehen, wo ich am besten gefördert werde. Wo ich am ehesten und nachhaltigsten den nächsten Schritt machen kann. Und nicht dorthin, wo mir das meiste Geld angeboten wird.

SPORT1: Mit der Wiedereröffnung des Parkstadions sind künftig alle Nachwuchsteams auf dem Vereinsgelände vereint. Was bedeutet die Bündelung auf dem Gelände für die Schalker Jugendarbeit?

Elgert: Das war überfällig. Es wertet die Knappenschmiede noch einmal auf. Denn wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Wir brauchen aber keinen Luxus und keine goldenen Wasserhähne. Die besten Talentschmieden und Akademien waren alles andere als Luxuseinrichtungen. Es muss nicht alles vom Feinsten sein. Wenn du zu früh alles hast, wieso sollst du dich dann noch anstrengen?

SPORT1: Sie haben kürzlich selbst gesagt, dass der deutsche Nachwuchs nicht mehr zur Weltspitze gehört. Wieso ist das so?

Elgert: Wir haben in den letzten zehn Jahren sicherlich einiges falsch gemacht. Darauf bin ich auch detailliert in meinem Buch "Gib alles nur nie auf!" eingegangen. Wir haben es in manchen Punkten übertrieben. Der Fokus wurde zu sehr auf Matchplan, Spielidee, Daten, Fakten und Statistiken gelegt. Dabei sind Basics, wie zum Beispiel Technik, Spielverständnis und kognitive Fähigkeiten, etwas auf der Strecke geblieben. Auch glaube ich, dass wir im athletischen Bereich ab und an überzogen haben. Wir haben es den Top-Talenten auch häufig zu leicht gemacht und zu sehr deren Talent und Fähigkeiten statt Einsatz, Einstellung und Anstrengungsbereitschaft gelobt. Wir sind außerdem in der Zertifizierung unserer Leistungszentren wie wild den drei Sternen hinterhergehechelt, was zu einer starken Vereinheitlichung und Vermassung geführt hat.

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SPORT1: Was muss sich ändern, um wieder starke Jahrgänge hervorzubringen?

Elgert: Wir alle und auch der DFB haben gemeinsam erkannt, dass wir Individualität, Kreativität und Intuition nicht nur zulassen, sondern auch verstärkt wieder fördern müssen. Unsere Spieler dürfen keine Angst davor haben, Fehler zu machen, sie müssen sich trauen zu dribbeln und auch mal etwas Verrücktes machen dürfen.

SPORT1: Wird man Sie irgendwann als Bundesligatrainer an der Seitenlinie sehen?

Elgert: Es ist nicht mein Ziel, Bundesligatrainer zu sein. Sonst wäre ich das ja ohnehin schon längst gewesen. Die Chancen hatte ich sehr oft. Vor allem bei Schalke, aber auch wo anders. Es ist nicht ausgeschlossen, aber doch sehr unwahrscheinlich.