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Corona setzt Schalke 04 heftig zu. Bei weiterhin ausbleibenden TV-Zahlungen droht sogar die Zahlungsunfähigkeit. Wie konnte das passieren? Der SPORT1-Report.

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Corona versetzt den FC Schalke 04 in Alarmstimmung! Die Ersten bei Königsblau, die die Krise zu spüren bekamen, sind die Zweitliga-Basketballer. Ihre Abteilung wird dichtgemacht. Schalke will sich die Lizenz nicht mehr leisten. Finanzchef Peter Peters machte deutlich: "Wir konzentrieren uns aufs Kerngeschäft: auf Fußball."  

Doch auch hier sind harte Einschnitte zu erwarten. Der Druck ist groß: Der Kicker sieht schon die Gefahr einer Insolvenz. Peters dementiert die Meldung. Aber die Fakten sprechen gegen ihn. 

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Laut Konzernbericht 2019, der im März veröffentlicht wurde, hat Schalke Verbindlichkeiten (Kreditinstitute, stille Gesellschafter etc.) in Höhe von 198 Millionen Euro. 83,1 Millionen davon haben laut Klubangaben nur eine Restlaufzeit von bis zu einem Jahr und müssen zurückgezahlt werden.

Schalke plante mit enormem Fehlbetrag - vor Corona!  

Der Konzern machte ein Minus von 26,1 Millionen Euro - trotz eines Umsatzes von 275 Millionen Euro. Für 2020 erwartet der Klub nach eigenen Angaben ebenfalls einen Fehlbetrag in zweistelliger Millionenhöhe – und Corona ist da noch gar nicht mit eingerechnet!  

Peters: "Natürlich mache ich mir auch Sorgen. Wir haben es ein Stück weit falsch eingeschätzt. Wir haben gedacht, wir haben eine schöne Catering-Gesellschaft, wir haben digitale Medien und andere Geschäftsfelder. Aber auf einmal stellen wir fest: Wenn der Fußball nicht mehr da ist, dann bleibt uns wenig, vielleicht auch nichts." 

Vorige Woche sprach schon Marketingchef Alexander Jobst von einer Situation, die "sehr kritisch" und gar "existenzbedrohend" sei.  

Schalke zählt zu den Top 15 in Europa

Klar ist: Wird weiterhin nicht Fußball gespielt, steuert der Verein auch wegen ausbleibender TV-Gelder auf die Zahlungsunfähigkeit zu. Der Pott-Klub wartet zwingend auf die vierte und letzte TV-Rate. Dabei geht es um rund 16 Millionen Euro. 

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Mit 158.000 Mitgliedern stellt Schalke den fünftgrößten Verein der Welt. Der Klub, dessen Wert in der KPMG-Studie "Football Clubs' Valuation: The European Elite 2019" auf 770 Millionen Euro taxiert wurde, zählt zu den Top 15 in Europa (noch vor Inter Mailand und dem SSC Neapel).  

Warum aber kämpfen die Königsblauen derart ums Überleben? SPORT1 nennt die Problemfelder der letzten Jahre: 

Riesenapparat 

Mehr als 600 Mitarbeiter sind auf Schalke fest angestellt. Zählt man Helfer und Aushilfskräfte dazu, kommt man auf über 1900 Mitarbeiter. 2019 gab der Klub stattliche 123,8 Millionen Euro für Löhne und Gehälter aus.

Peters kündigte an: "Alles, was wir nicht mehr benötigen, beauftragen wir nicht mehr" - beispielsweise die gesamten Dienstleister rund um den Klub. "Auch mit Spielerberatern sprechen wir."  

Mega-Gehälter 

Königsblau zahlt über Jahre hinweg fürstliche Gehälter. Allein die verliehenen Ralf Fährmann (Bergen), Nabil Bentaleb (Newcastle), Sebastian Rudy (Hoffenheim) und Mark Uth (Köln) sollen zusammen fast 20 Millionen Euro im Jahr verdienen. Fast zwei Drittel der gesamten Konzerngehälter fließen in den Lizenzspielerkader. 

Auch deshalb verzichten Spieler und Führungskräfte auf 30 Prozent ihres Gehalts, wovon 15 Prozent gestundet werden (SPORT1 berichtete darüber exklusiv). Bis 30. Juni sollen so rund 10 Millionen Euro gespart werden. 

Sportchef Jochen Schneider, der mit den Altlasten seiner Vorgänger zu kämpfen hat, ist als starker Mann und Krisenmanager gefragt. Mega-Gehälter müssen der Vergangenheit angehören, Spielerverpflichtungen behutsam mit Weitsicht getätigt werden. Peters beschreibt es so: "Neuverpflichtungen ohne Geld - auf diese Antwort von Jochen Schneider freue ich mich jetzt schon." 

Großmannssucht 

In der Vergangenheit klafften Anspruch und Wirklichkeit auf Schalke immer wieder auseinander. Hinter vorgehaltener Hand wird in der Branche erzählt, dass der Aufsichtsrat bei der einen oder anderen möglichen Spielerverpflichtung den Daumen gesenkt hat, weil der Name nicht klangvoll genug erschien.

Diese Großmannssucht hat sich spätestens mit den Verpflichtungen von Cheftrainer David Wagner und Schneider geändert, die nüchtern und realistisch arbeiten. Klar ist aber auch: Auf Schalke lässt man sich - so wie im Falle der Degradierung von Alexander Nübel - immer wieder vom emotionalen Umfeld treiben.  

Ständige Trainer- und Managerwechsel 

Wenn sich Schalke auf etwas verlassen konnte, dann auf die Diskontinuität auf der Führungsebene. Seit September 2011 gab es elf Trainerwechsel auf Schalke. Die Coaches seither: Felix Magath, Ralf Rangnick, Jens Keller, Roberto Di Matteo, André Breitenreiter, Markus Weinzierl, Domenico Tedesco und David Wagner.

Seppo Eichkorn und Huub Stevens mussten zwei Mal als Interimstrainer einspringen. In der sportlichen Leitung hatten in diesem Zeitraum Felix Magath, Horst Heldt, Christian Heidel und jetzt Schneider das Sagen. 

Topspieler gingen ablösefrei 

Schalke hat es in der Vergangenheit immer wieder versäumt, Top-Spieler zu Geld zu machen. Positive Beispiele sind allerdings Leroy Sané (laut transfermarkt.de für rund 51 Mio. zu ManCity), Julian Draxler (für 43 Mio. nach Wolfsburg) oder Thilo Kehrer (für 37 Mio. nach Paris).

Doch in Max Meyer (Crystal Palace), Leon Goretzka (Bayern), Sead Kolasinac (Arsenal), Eric Maxim Choupo-Moting (Stoke City), Roman Neustädter (Fenerbahce) und Joel Matip (Liverpool) wurden zahlreiche Top-Spieler ablösefrei abgegeben.

In diesem Sommer verlässt Alexander Nübel den Verein für lau in Richtung München. Kaan Ayhan - in Düsseldorf zur Stammkraft und zum türkischen Nationalspieler gereift – wurde 2016 für eine halbe Million quasi verschenkt. 2011 gab man den heutigen Barca-Star Ivan Rakitic für nur 2,5 Millionen Euro an den FC Sevilla ab. 

Ganz anders sieht das beim verhassten Rivalen aus. Der BVB holt Spieler für relativ wenig Geld und verkauft sie dann für Mega-Summen - wie bei Pierre-Emerick Aubameyang, Christian Pulisic oder Ousmane Dembélé sowie künftig wohl auch bei Jadon Sancho und Erling Haaland.  

Falsche Investitionspolitik 

In den vergangenen drei Spielzeiten hat Schalke laut transfermarkt.de ein Transfer-Minus von 66,1 Millionen Euro erwirtschaftet – erschreckend! Der Klub richtete über Jahre hinweg seine Investitionspolitik auf die regelmäßige Champions-League-Teilnahme aus und lebte immer wieder über seine Verhältnisse.

2019/2020 gab Schalke 26 Millionen Euro für Spieler aus und nahm nur 17,65 ein. 2018/2019 strich S04 46,15 Millionen Euro für Transfers ein und gab 61,7 Millionen Euro aus. 2017/2018 gab es allein ein Transfer-Minus von 42,2 Millionen Euro - 49,3 Millionen Euro an Ausgaben standen nur 7,1 Millionen Euro an Einnahmen gegenüber. 

Spieler wurden oft für viel Geld gekauft und für wenig abgegeben. Beispiele dafür sind die Flops Yevhen Konoplyanka (kam 2017 für 12,5 Millionen Euro aus Sevilla und wurde für 1,5 Millionen Euro nach Donezk abgegeben) und Breel Embolo (kam 2016 für die vereinsinterne Rekord-Summe von rund 26 Millionen Euro und ging für 10 Millionen Euro nach Gladbach). Nabil Bentaleb (kam 2017 für 19 Millionen Euro von Tottenham) sowie Sebastian Rudy (kam 2018 für 16 Millionen von den Bayern) wird man kaum für den Einkaufspreis abgeben. 

Keine Ausgliederung 

Schalke 04 ist derzeit einer von nur noch fünf eingetragenen Vereinen in der Bundesliga neben Union Berlin, Freiburg, Mainz und Düsseldorf. Der Verein weist gerne auf das "werthaltige Alleinstellungsmerkmal" in der von Investoren getriebenen Branche hin. Ein romantischer Gedanke, von dem man sich aber vor allem in der Krise wohl oder übel lösen muss.  

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Ohne eine Ausgliederung kommt ein Mega-Klub wie Schalke nur schwer voran. Das Thema wird sicher auch auf der nächsten Mitgliederversammlung heiß diskutiert. SPORT1-Experte Olaf Thon findet: "Die Mitglieder siedeln es ganz hoch an, dass Schalke seinen Prinzipien treu geblieben ist. Ich bin zuversichtlich, dass der Verein dass auch ohne Ausgliederung schafft."

Peters sagt: "Die Diskussion hat von außen an Fahrt aufgenommen. Schalke 04 hat die Rechtsform des eingetragenen Vereins. Es gibt zwei große Wege einer Finanzierung: Der eine Weg ist das Fremdkapital, wenn wir also zur Bank laufen. Aber die Eigenkapitalfinanzierung - diese Möglichkeit hat ein eingetragener Verein nicht. Mit den Gremien werden wir das erörtern, ob wir das weiter vollkommen ausschließen wollen. Wir haben die Aufgabe, den Verein durch die Krise zu führen - aber auch danach wieder erfolgreich zu gestalten. Wir müssen viel hinterfragen. Das ist ein Stück Gesundung."

Den Ernst der Lage haben sie auf Schalke längst erkannt und deshalb bereits mehrere Maßnahmen getroffen wie Gehaltsverzicht der Profis, Steuerstundungen, Kurzarbeit oder Abmeldung der Basketballer. Ob das reicht?  

Jobst appelliert: "Kein Fan, kein Mitglied, kein Sponsor will bei einem Verein sein, der keine Zukunft hat."  

Und Peters sagt abschließend: "In jeder Krise steckt eine Chance. Keiner weiß es genau, aber es wird sich einiges verändern. Die, die es am ehesten begreifen, werden einen Vorsprung haben."