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München - Bei Thiago Alcantara vom FC Bayern München liegen die Experten über Kreuz. Kann er nach seiner sich anbahnenden Verlängerung endlich alle überzeugen?

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Ist das Kunst? Oder kann das weg?

Diese Frage wird immer wieder gern leidenschaftlich diskutiert, nicht nur, wenn es um moderne Gemälde oder Arthouse-Filme geht. Auch im Fußball. Gerade im Fußball.

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Thiagos Vertragsverlängerung steht kurz bevor 

Immer wieder gibt es da unter Fans und Experten Kontroversen über bestimmte Spielertypen, in denen die einen Genies sehen, die anderen überschätzte Schönspieler.

Mesut Özil ist ein prominentes Beispiel. Toni Kroos war es mal, bevor er vom FC Bayern München zu Real Madrid ging. Thiago Alcantara ist es noch immer.

Seit sieben Jahren spielt der seit kurzem 29 Jahre alte Spanier im Mittelfeld der Münchener. Wo er sich unverzichtbar gemacht hat, sagen die einen. Wo er ein glorifizierter Mitläufer ist, sagen die anderen.

Im Sommer 2021 läuft Thiagos Vertrag aus, eine Verlängerung steht unmittelbar bevor. Aus aktuellem Anlass wird folglich gerade mit noch größerer Leidenschaft diskutiert: Ist Thiago Kunst – oder hätte er nicht eigentlich auch weggekonnt?

Meinungen über Thiago gehen auseinander

Ein Beispiel, wie weit die Meinungen auseinander gehen: Das internationale Sportportal The Athletic feierte Thiago vergangene Woche als "brillanten" Mittelfeld-Architekten, als "weltklasse mit und ohne Ball" und verknüpfte die Feststellung mit der Frage: "Wann lernt Deutschland Thiago zu lieben?"

Ein Anlass für die Frage: Die halbjährliche Leistungs-Rangliste des kicker, bei der Thiago nach der Hinrunde auf seiner Position nicht auftauchte. Und damit unter anderem hinter Daniel Baier vom FC Augsburg und Robert Andrich von Union Berlin einsortiert wurde.

Das Magazin bekräftigte die Einschätzung eben erst mit der Feststellung: "Der Edeltechniker bestätigte sein Ausnahmekönnen nie konstant."

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 "Das ist so eine Debatte, die kaum greifbar ist"

Wie kann ein und dieselbe Person so unterschiedlich bewertet werden? "Das ist so eine Debatte, die kaum greifbar ist", sagt der auf taktische Analysen des FC Bayern spezialisierte Blogger und Autor Justin Kraft ("Lahmsteiger") zu SPORT1.

Kraft, klar pro Thiago, vermutet eine gewisse kulturelle Barriere bei der Beurteilung von Spielertypen, deren Beitrag zur Mechanik des Spiels nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich ist. Und auch nicht in allen Statistiken nachlesbar.

Ein Beispiel: Thiago hat in der auf Eis liegenden Bundesliga-Saison keine einzige Torvorlage gegeben. Ein genauerer Blick in die Zahlen des Datendienstleisters Opta zeigt dann aber: Bei den vorletzten Pässen, den Zuspielen auf den Assistgeber, liegt Thiago in den Top-5-Ligen Europas ganz vorn (8 Stück, geteilter erster Platz unter anderem mit Sergio Busquets vom FC Barcelona).

Es gibt weitere solcher Zahlenvergleiche aus den Top-5-Ligen, die Thiagos Qualitäten unterstreichen.

Der Spanier ist alleiniger Spitzenreiter bei der Erfolgsquote der Dribblings in den vergangenen vier Spielzeiten seit 2016 (71 Prozent). Er hat die zweitmeisten Ballaktionen hinter Marco Verratti von Paris Saint-Germain (114). Der Mittelfeldspieler mit der drittbesten Passsicherheit hinter Kroos und Adrien Rabiot (91 Prozent). Auch seine Zweikampfquote ist auf Top-Niveau, auf einer Stufe mit Kroos (59 Prozent).

"Thiago ist das Gegenteil vom oft bedienten Klischee des 'Schönwetterspielers'", findet Kraft. Thiago gehe "sowohl mit dem Ball als auch gegen den Ball voran", sei entscheidender Takt- und Strukturgeber: "Er ist ein kompletter Mittelfeldspieler und der Hauptgrund dafür, dass viele Schwächen der Bayern in den letzten Jahren nahezu unsichtbar blieben."

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Thaigos Stärken kommen unter Flick zur Geltung

Aus Sicht seiner Befürworter ist Thiago den Ansprüchen von Pep Guardiola, dem Mann, der ihn einst vom gemeinsamen Ex-Klub Barca zum FC Bayern holte, voll gerecht geworden. Die Kritiker wiederum (nicht selten identisch mit Guardiolas Kritikern) halten Thiago oft dasselbe vor wie seinem Förderer Guardiola: Wo ist der internationale Titel mit Bayern, der das beweist?

Womöglich kommt es Thiago nun zugute, dass die Bayern inzwischen wieder auf einen Trainer bauen, in dessen System seine Stärken voll zur Geltung kommen (bei Carlo Ancelotti und Niko Kovac war das nicht immer der Fall).

Kovac-Nachfolger Hansi Flick sorgte zu Beginn seiner Amtszeit zwar für Aufsehen, indem er Thiago kurzzeitig zum Joker degradierte - was sich jedoch als Momentaufnahme entpuppte. Seit Dezember 2019 ist Thiago unumstrittener Pfeiler bei Flick, womit sich auch die Spekulationen über einen Verkauf erledigten.

Gut so, findet Bayern-Blogger Kraft: "Es gibt bestimmt auch Bayern-Fans, die in ihm den Schönspieler sehen, der nur glänzt, wenn alle glänzen. Aus meiner Sicht aber ist es umgekehrt: Wenn Thiago glänzt, glänzen alle."