Martin Demichelis ist seit Sommer 2019 Trainer der U19 des FC Bayern
Martin Demichelis ist seit Sommer 2019 Trainer der U19 des FC Bayern © imago
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München - Seit Sommer 2019 ist Martin Demichelis beim FC Bayern Teil des Cheftrainer-Gespanns der U19. Erstmals spricht er im Einzelinterview über seine neue Aufgabe.

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Wie vereinbart ruft Martin Demichelis zum vereinbarten Telefon-Interview an und entschuldigt sich vorab für sein Deutsch, dabei beherrscht er die Sprache nach über acht Jahren in Deutschland perfekt.

München, sagt der 39-Jährige, ist seine zweite Heimat geworden. Mit seiner Familie wohnt er im Nobel-Vorort Grünwald. Dankbar ist er für den Job, den ihm Sportdirektor Hasan Salihamidzic im vergangenen Sommer angeboten hat und den er direkt annahm.

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Demichelis trainiert seit dieser Saison die U19 des FC Bayern, bildet mit Danny Schwarz ein einzigartiges Cheftrainer-Duo. Seine Spieler wissen natürlich, dass er 51 Länderspiele für Argentinien vorweisen kann, 2014 das WM-Finale gegen Deutschland bestritt. Dass er in seiner Profilaufbahn (u.a. FC Bayern, Manchester City) insgesamt 481 Pflichtspiele absolvierte und etliche Titel gewann.

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Nur selten allerdings wird er darauf von seinen Spielern angesprochen. Warum, wie sein neues Leben als Trainer ist, welche Erfahrung er weitergeben kann und wem er den Sprung nach oben zutraut, darüber spricht Demichelis ausführlich in seinem ersten Einzelinterview als Jugendtrainer des FC Bayern.

SPORT1: Herr Demichelis, Sie werden Ende des Jahres 40 und erwecken den Eindruck, dass Sie immer noch als Profi auflaufen könnten.

Martin Demichelis: Tatsächlich habe ich meine Figur gut halten können, aber ich habe etwas Muskulatur an den Armen und Beinen verloren (lacht). Ich liebe den Sport und gehe viel laufen. Das ist vielleicht mein Fitnessgeheimnis. Davon abgesehen will ich ein gutes Vorbild für meine Jungs sein.

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SPORT1: Kurz zurück zur anstehenden 40.

Demichelis: Ja, verrückt. Ich fühle mich aber gut und habe ein tolles Leben mit meiner Frau und meinen drei Kindern. Wir fühlen uns total wohl in München, die Kinder gehen hier zur Schule und zuvor hatten wir auch ein schönes Leben in Spanien. Beruflich mache ich gerade eine tolle Erfahrung als Teil des Trainerteams bei der U19.

Martin Demichelis hält sich vorbildlich an die Corona-Vorschriften und führt das SPORT1-Interview mit Chefreporter Florian Plettenberg am Telefon
Martin Demichelis hält sich vorbildlich an die Corona-Vorschriften und führt das SPORT1-Interview mit Chefreporter Florian Plettenberg am Telefon © SPORT1

SPORT1: Wie fühlte es sich für Sie an, nach fast acht Jahren als Bayern-Profi zurückzukommen, um als Jugendtrainer zu arbeiten?

Demichelis: Ich habe immer gesagt, dass es eine große Ehre für mich als Argentinier ist, diesen Job beim FC Bayern zu haben. München ist meine zweite Heimat und ich kann einen Job erlernen, der meine Leidenschaft ist. Jetzt müssen wir aber leider pausieren. Davor waren wir wirklich auf einem sehr guten Weg.

SPORT1: Dann kam die Corona-Pause ...

Demichelis: Ja. Wir sind Erster und haben Verfolger VfB Stuttgart Anfang März 3:1 am Campus geschlagen. Bitter war das Ausscheiden im Achtelfinale der Youth League gegen Dinamo Zagreb. Ich bin trotzdem sehr stolz auf unsere Mannschaft. Die Corona-Krise hat unsere sehr gute Saison leider vorerst gestoppt.

SPORT1: Wie halten Sie Kontakt zu Ihren Spielern?

Demichelis: Im Trainerteam sind wir in engem Austausch. Den meisten Kontakt zu unseren Spielern hat derzeit Athletiktrainer Luca Schuster, auch per Video. Die Spieler haben Laufprogramme bekommen, die Daten werden mit GPS übertragen. Ihr Fitnessprogramm können sie aber individuell planen.

SPORT1: Recht ungewöhnlich ist, dass Sie zusammen mit Danny Schwarz ein erfolgreiches Cheftrainer-Duo bilden.

Demichelis: Danny liebt die Spiel-Philosophie von Pep Guardiola genauso wie ich. Im Verbund mit den Co-Trainern Stefan Buck und Christian Saba arbeiten wir wirklich sehr gut und sehr harmonisch zusammen und profitieren davon, dass wir die gleiche Spielidee haben.

"Ich liebe van Gaals Philosophie"

SPORT1: Wann stand für Sie fest, dass Sie Trainer werden wollten?

Demichelis: Ich habe in meiner Karriere als Sechser gespielt und in der Innenverteidigung. Auf diesen Positionen musst du ein Spiel lesen und antizipieren können. Du brauchst Orientierung und eine besondere Persönlichkeit, auch die Körpersprache ist wichtig. Als Spieler war ich auf dem Platz immer jemand, der helfen wollte, der geleitet hat. Für mich stand somit immer fest, dass ich Trainer sein wollte.

SPORT1: Manuel Pellegrini, Felix Magath, Ottmar Hitzfeld, Louis van Gaal, Sie trainierten unter vielen großen Trainern. Wer hat Sie am meisten geprägt?

Demichelis: Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, unter vielen guten Trainer spielen zu dürfen. Unter Pellegrini habe ich sieben Jahre trainiert. Er war ein sehr wichtiger Mann in meiner Karriere und natürlich habe ich viel von ihm gelernt. Seine Philosophie war der von Guardiola immer sehr ähnlich, er wollte immer Dominanz. Magath war ein harter Trainer. Von ihm habe ich gelernt, dass es ohne Disziplin keinen Erfolg gibt. Ottmar Hitzfeld hatte eine großartige Mannschaftsführung, er verlor nie die Ruhe, was für einen Trainer sehr wichtig ist. Von van Gaal lernte ich, wie wichtig Kontrolle, Passspiel und die Bewegung des Balls ist. In den anderthalb Jahren, in denen ich mit ihm zusammengearbeitet habe, gab es nicht eine Übung ohne Ball. Ich liebe diese Philosophie.

SPORT1: Als Profi galten Sie als meinungsstark, sind auch mal angeeckt und wurden 2008 von Ottmar Hitzfeld suspendiert. Was erlauben Sie heute Ihren Spielern?

Demichelis: Klar, ich war als Spieler temperamentvoll und hatte auch mal Meinungsverschiedenheiten mit meinen Trainern. Aber ich wollte immer nur der Mannschaft helfen. Am Anfang bei Hitzfeld sollte ich auf der Sechs spielen, das habe ich auch akzeptiert. Bei Magath war ich dann Stammspieler auf dieser Position. Dann kam Hitzfeld zurück und ich verlor vorerst meinen Stammplatz. Vor der Saison 2007/08 hatte ich das Gefühl, dass ich eine neue Herausforderung suchen möchte, aber Karl-Heinz Rummenigge hat gesagt, dass ich bleiben soll, was sich für mich auch ausgezahlt hat, denn fortan habe ich mit Lucio in der Innenverteidigung gespielt. Dann sollte ich im Frühjahr 2008 wieder auf die Sechs rücken, woraufhin es dann zu den Unstimmigkeiten mit Hitzfeld kam. So war das. Als ich Ottmar Hitzfeld das letzte Mal getroffen habe, gab es aber eine herzliche Umarmung.

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SPORT1: Eine schöne Anekdote.

Demichelis: Ich war mit 24, 25 halt emotionaler als heute (lacht). Ottmar Hitzfeld hat auf jeden Fall eine super Persönlichkeit. Ich liebe ihn.

SPORT1: Ihre Spieler sind zwischen 16 und 19 Jahren alt. Dürfen sie kritisch mit dem Trainer Demichelis umgehen?

Demichelis: Ich erwarte von ihnen vor allem Respekt. Bei mir haben auch schon Jungs an die Tür geklopft und gefragt, warum sie nicht spielen. Das akzeptiere ich, denn es zeigt, dass die Spieler nicht bequem sind. Ich als Trainer muss dann argumentieren, warum sie auf der Bank saßen oder nicht im Kader waren. So, wie es die Trainer damals auch bei mir taten.

SPORT1: Wie gehen Sie mit Spielern wie Oliver Batista-Meier um, der bei Ihnen spielen kann, sich in der U23 behaupten will und mit den Profis trainiert?

Demichelis: Wenn er von oben runterkam, habe ich mit ihm vor jedem Spiel gesprochen. Ich habe ihm gesagt, dass ich weiß, dass es besonders ist, oben zu trainieren, nicht in der U23 zu spielen und dann bei uns aufzulaufen. Ich habe ihm aber zu verstehen gegeben, dass er ein Vorbild sein muss. Im Bus, in der Kabine, vor, während und nach dem Spiel. Zuletzt hatte er bei uns eine überragende Einstellung. Wichtig ist – und das sage ich den Jungs immer wieder –, dass sie den Fußball genießen sollen.

SPORT1: Kann Batista-Meier den Sprung zu den Profis schaffen?

Demichelis: Oliver ist ein super Junge und ein großes Talent. Wichtig ist für mich, dass sich die gesamte Mannschaft super entwickelt hat. Ob es einer nach ganz oben schafft, ist ohnehin schwer vorauszusagen. Der Fußball ist unberechenbar und mit 17, 18, 19 haben sie alle noch sehr viel Zeit. Am Bayern-Campus haben wir viele Talente, die jeden Tag besser werden.

SPORT1: Lassen Sie uns bitte noch über Bright Arrey-Mbi sprechen, der Ende März 17 wurde, aber schon mit 16 Stammspieler in ihrem Team war.

Demichelis: Danny und ich vertrauen ihm sehr, aber auch unserem Kapitän Flavius Daniliuc. Beide haben in der Innenverteidigung bislang sehr gut zusammengespielt. Aber klar, Mbi hat es trotz des Altersunterschieds überragend gemacht, auch in der Youth League. Er ist ein großes Talent, das auch körperlich schon sehr weit ist, aber er ist noch ein Junge, geht noch zur Schule und muss noch viel lernen. In seiner Entwicklung wird man ihm Fehler erlauben müssen, das ist ganz wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass er irgendwann seine Möglichkeiten in der ersten Mannschaft bekommen wird.

"Klose wird eines Tages Profitrainer sein"

SPORT1: Sie standen an der Seite von Lionel Messi im WM-Finale 2014, haben unzählige Titel gewonnen. Werden Sie von ihren Spielern auf Ihre Karriere angesprochen?

Demichelis: Nein, dafür haben sie zu viel Respekt. Ich mag es auch nicht so sehr, von mir zu erzählen. Ab und zu muss ich aber mal mit einer Erfahrungs-Geschichte um die Ecke kommen und erklären, wie es damals bei mir war. Was ich ihnen immer mitgebe, ist, dass ich Fehler auf dem Platz akzeptiere. Die Reaktion nach dem Fehler ist aber das Allerwichtigste. Das habe ich aus meiner Laufbahn mitgenommen.

SPORT1: Haben Sie eigentlich Kontakt zu Messi?

Demichelis: Nein, derzeit nicht. Er ist dreifacher Familienvater und bekommt so viele Nachrichten jeden Tag, da muss ich ihn nicht auch noch stören. Wir haben uns das letzte Mal 2017 auf seiner Hochzeit getroffen, danach nicht mehr.

SPORT1: Danny Schwarz wird ab Juni den Fußball-Lehrer-Lehrgang absolvieren. Wie geht es für Sie im Sommer weiter?

Demichelis: Er wird in Hennef Präsenztage haben, aber wir werden weiter als Team eng zusammenarbeiten, das wird gut klappen.

SPORT1: Was sind Ihre Ziele als Trainer?

Demichelis: Ich bin ein Teamplayer und ich bin bei der U19, um zu lernen und meine Erfahrungen zu machen. Ich habe noch Zeit, um mich zu entwickeln, aber es ist mein Ziel, eines Tages Profitrainer zu sein. Jetzt will ich schnell lernen, um dann irgendwann bereit zu sein.

SPORT1: Wie ist Ihr Austausch mit U17-Trainer Miroslav Klose?

Demichelis: Wir kennen uns schon so lange und hatten schon als Mitspieler eine gute Beziehung, jetzt auch als Trainer. Wir haben manchmal verschiedene Ideen, aber das muss auch so sein. Er war Stürmer, ich Verteidiger. Er ist Deutscher, ich Argentinier. Wir lernen beide voneinander. Miro ist ein guter und intelligenter Mann, der eines Tages auch Profitrainer sein wird.

SPORT1: Zu guter Letzt Herr Demichelis, wie kam es eigentlich dazu, dass Sie im vergangenen Sommer so kurzfristig Trainer der U19 wurden?

Demichelis: Vor dieser Entscheidung war ich als Bayern-Legende unterwegs. Ein Job, mit dem ich total zufrieden war. Bei diesen Terminen habe ich auch oft Uli Hoeneß, Rummenigge und Brazzo (Hasan Salihamidzic, d. Red.) getroffen und wir haben natürlich über Fußball gesprochen. Vielleicht waren sie nach all den Gesprächen überzeugt, dass ich für den Trainerjob geeignet bin. Ich war dann mit Sponsor Allianz in China und danach rief mich Brazzo an und hat mich gefragt, ob ich für diesen Job bereit bin. Ich habe sofort "Ja" gesagt. Ich musste darüber auch nicht mehr nachdenken, denn ich liebe dieses Mia san mia. Ich liebe es, ein Teil der Bayern-Familie zu sein.