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Marco Neppe ist mit nur 33 Jahren Chefscout beim FC Bayern. Seinen rasanten Aufstieg verdankt er vielen Förderern, jeder Menge Fleiß und einem guten Auge für Talente.

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Manchmal alleine, manchmal in Begleitung macht sich Marco Neppe nach Heimspielen des FC Bayern nahezu regelmäßig auf den Weg in Richtung Mannschaftstrakt, vorbei an zahlreichen Medienvertretern. Das geschieht fast immer unbemerkt, denn der 33-Jährige ist keiner, der auffallen will.

Die erste Reihe meidet Neppe sowieso, denn er agiert im Hintergrund. Dies tut er dermaßen erfolgreich, dass er sich in kürzester Zeit zum Chefscout des deutschen Rekordmeisters hochgearbeitet hat. Der vertrauensvoll Hand in Hand mit Sportdirektor und Bald-Vorstand Hasan Salihamidzic zusammenarbeitet und das Vertrauen der Bayern-Bosse genießt. 

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Boldt: "Feststellen können, wie fußballbesessen er war"

Der Weg des gebürtigen Offenbachers ist ungewöhnlich. Als Fußballer schafft er es bis in die dritte Liga. 2007 erreicht er mit dem Wuppertaler SV sogar das Achtelfinale des DFB-Pokals, scheitert dann aber am FC Bayern – ausgerechnet. Neppe muss 90 Minuten zuschauen. Beim 2:5 trifft der aktuelle U17-Trainer des FCB, Miroslav Klose, doppelt für die Münchner. Oliver Kahn, designierter Vorstandsboss, steht als Kapitän im Tor.

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2011 lernt Jonas Boldt, damals Leiter der Scouting-Abteilung von Bayer 04 Leverkusen, Neppes Vater Jürgen kennen, einen Freund des heutigen Bayer-Geschäftsführers Rudi Völler. Dadurch kommt Boldt mit Sohn Marco in Kontakt.  

"Ich habe gleich in unserem ersten Gespräch feststellen können, wie fußballbesessen er war. Das hat mir imponiert", sagt Boldt, heute Sportvorstand beim Hamburger SV, im Gespräch mit SPORT1.

Neppe jobbt als Scout auf 450-Euro-Basis bei Leverkusen

Ebenfalls 2011 wechselt der Verteidiger Neppe zum VfL Osnabrück, wird dann aber von einer Schambeinentzündung ausgebremst. "Wie das so ist bei Verletzungen: Man hat viel Zeit nachzudenken, auch über die eigene Karriere. Ich habe mich gefragt, wo ich in fünf Jahren sein möchte", sagt Neppe in einem Interview mit dem Magazin der Spielergewerkschaft VDV

Wenig später beginnt er ein Studium der Wirtschaftspsychologie. 2013 wechselt Neppe zu Alemannia Aachen. Auch wegen der Nähe zu Leverkusen, denn dort arbeitet er nebenbei auf 450-Euro-Basis als Scout. "Wir hatten den Ansatz, eigene Scouts auszubilden, und in Marco habe ich großes Potential gesehen”, erinnert sich Boldt.

Aachen, Leverkusen und nebenbei noch im Studium. Neppe fährt dreigleisig, lässt sich aber nicht davon abhalten, sich immer tiefer in seine Scouting-Tätigkeit bei Bayer hineinzuarbeiten. Boldt nimmt ihn auf Reisen in die Niederlande, nach Belgien und innerhalb Deutschlands mit, holt sich immer wieder Feedback beim jungen Kollegen ein.

Neppe kickt weiter, sein Kunstschuss beim 1:0-Sieg gegen den KFC Uerdingen im Mai 2014  wird sogar für das Tor des Monats nominiert. Die Wahl gewinnt aber Claudio Pizarro, damals in Diensten des FC Bayern, ausgerechnet.

Nach der Saison 2013/14 beendet Neppe seine fußballerische Laufbahn. Denn Michael Reschke, bis dato Manager von Bayer Leverkusen und Boldts Förderer und Mentor, ist Neppes Entwicklung nicht entgangen.

Reschke nimmt Neppe mit zum FC Bayern

Reschke wechselt im Juli 2014 als Technischer Direktor zum FC Bayern und entscheidet sich dafür, Neppe mitzunehmen. 

"Ich habe damals ein Machtwort gesprochen und ihm gesagt, dass ich es nicht respektiere, wenn er etwas anderes macht, als mit mir zum FC Bayern zu gehen", sagt Reschke im Gespräch mit SPORT1.

Jonas Boldt entdeckte Marco Neppe während seiner Zeit in Leverkusen
Jonas Boldt entdeckte Marco Neppe während seiner Zeit in Leverkusen © Getty Images

Boldt sagt: "Die Perspektive, die ihm Michael Reschke beim FC Bayern geboten hat, konnte ich ihm seinerzeit in Leverkusen nicht geben. Die Reschke-Schule in München hat ihn nochmal nach vorne gebracht."

Pep Guardiola, Bayern-Trainer von 2013 bis 2016, nimmt die Entwicklung von Neppe auch wahr, lernt ihn kennen und schätzen. 

"Ich bin noch regelmäßig in Manchester und besuche Pep Guardiola. Dabei fragt er immer: 'Was macht Marco, wie geht es ihm?'", erzählt Reschke. "Obwohl Marco zur Pep-Zeit in München ja noch sehr jung und praktisch Berufseinsteiger war, hat er sich die Aufmerksamkeit von Pep verdient, weil seine sportlichen Einschätzungen einfach gut sind. Solch einen Stellenwert bei Pep zu erlangen, ist nicht einfach."

Neppe beteiligt an Transfers von Kimmich, Gnabry und Co.

In München baut Neppe sein Spieler-Netzwerk aus. Er empfiehlt Reschke Renato Sanches, der 2016 nach München wechselt, sich aber nicht durchsetzt. Intensiv beteiligt ist er an den Erfolgs-Transfers von Joshua Kimmich (2015), Serge Gnabry und Niklas Süle (2017) sowie Leon Goretzka (2018). "Ich weiß von diesen Spielern, dass sie Marco als Dialogpartner sehr schätzen", sagt Reschke.

Drei Jahre lang arbeitet Neppe als Scout beim FC Bayern, ehe er 2017 zum Leiter der Scouting-Abteilung befördert wird. Kurz nachdem Reschke die Bayern vorzeitig verlassen hat und Sportvorstand beim VfB Stuttgart wird.

"Als ich nach Stuttgart gewechselt bin, hätte ich Marco sehr gerne mitgenommen. Ich hatte damals noch ein Jahr Vertrag beim FCB. Rummenigge und Hoeneß haben mir meine Freigabe nur unter Erfüllung einiger Bedingungen erteilt. Ganz entscheidend dabei war, dass ich Marco Neppe kein VfB-Angebot mache und er somit beim FCB bleibt."

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Salihamidzic und Neppe arbeiten an Havertz-Transfer

Dass er aufsteigen konnte, hängt auch mit Salihamidzic zusammen, der zur Saison 2017/18 Sportdirektor der Münchner wird und an Reschke-Zögling Neppe festhält. Beide bilden fortan ein kongeniales Duo, und Neppe besticht weiterhin mit einem guten Händchen. 

Die Entdeckung von Alphonso Davies wird ihm in der Branche zugesprochen, in die Gespräche mit Alexander Nübel ist er involviert. Aktuell arbeitet er mit Salihamidzic an der Verpflichtung von Kai Havertz. Neppe ist zudem Vorbereiter etlicher Transfers im Bayern-Nachwuchs. Etwa dem des 17-jährigen Top-Talents Jamal Musiala, der vergangenen Sommer vom FC Chelsea kam.

Sein Geheimnis? "Es kommt vor, dass ich mir Spiele, die ich live gesehen habe, nochmal auf Video anschaue. Man will nicht nur wissen, was passiert ist, man will es verstehen: Welche Intention hatte der Spieler? Welche weiteren Optionen wären möglich gewesen? Weshalb wählte er dieses Freilaufverhalten? Solche Fragen und Aspekte hat man im Hinterkopf, wenn man sich an das eigene Spiel zurückerinnert", erklärt Neppe. 

Reschke fasst es so zusammen: "Marco verfügt über eine interessante, vielseitige Palette an Qualitäten. Er paart hohe Fachkompetenz, eine schlüssige Überzeugungsrhetorik, enormen Fleiß und Handlungsüberzeugung.  Im Dialog mit möglichen Neuzugängen ist er gewiss ein sehr guter Partner von Hasan." Der 62-Jährige fügt sogar hinzu: "Ich bin überzeugt, dass  er zu einem Sportdirektor in der Bundesliga reifen kann."

Reschke: Neppe hoch geschätzt

Tatsächlich trauen ihm einige Wegbereiter einen solchen Karrieresprung zu. Nicht zuletzt, weil er ein gutes Auge hat, im Spieler- und Trainermarkt sehr gut vernetzt ist und auch inhaltlich überzeugt. Ihm wird nachgesagt im persönlichen Gespräch gut vorbereitetet und akribisch zu sein, passende Argumentationen vorzubringen.

Er sei hartnäckig, wenn ein Spieler nicht direkt anbeißt, und habe als ehemaliger Spieler ein gutes Gefühl dafür, wer ins Mannschaftsgefüge passt und wer nicht. Neppe allerdings bleibt bodenständig und öffentlich zurückhaltend, hat intern aber enormen Einfluss als Transfer-Vorbereiter.

"In den Transferaktivitäten der Bayern spielt Marco eine wichtige Rolle – und zwar zu Recht. Die finalen Entscheidungen treffen natürlich Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß, Hasan Salihamidzic, neuerdings wohl auch Oliver Kahn, Hansi Flick und im wirtschaftlichen Bereich Jan-Christian Dreesen", sagt Reschke. "Aber wichtige, komplexe Personalien müssen qualifiziert vorbereitet werden. In diesem Analysebereich ist Marco sehr gut und gewiss bei vielen Transfers auch Ideengeber."

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Neppe bald Sportdirektor?

Zusammen mit Salihamidzic hat Neppe in den vergangenen Jahren nicht nur etliche Transfers über die Bühne gebracht. Die europäischen Topligen und andere interessante Märkte wie die Niederlande oder Österreich sind mittlerweile mit mindestens einem Scout besetzt, darunter Top-Späher wie Laurent Busser.

Als Chefscout von Leverkusen war der Franzose im Januar 2018 nach München gewechselt. Neppe hat bei diesem Personal-Wechsel entscheidend mitgewirkt, sehr zum Bedauern von Boldt, der das französische Super-Auge ziehen lassen musste. Anfang 2020 hat es den deutschen Scout Florian Zahn vom FC Chelsea nach München gezogen.

Keine unwesentlichen Details, die sich Neppe öffentlich aber nie zuschreiben würde. "Marco fährt beim FC Bayern öffentlich unter dem Radar und das ist für Ihn völlig okay. Viel wichtiger als die mediale Wahrnehmung ist sowieso, dass er sich echten Respekt bei Rummenigge, Hoeneß, Salihamidzic, den jeweiligen FCB-Trainern und vielen Spielern erarbeitet hat. Das gelingt nur durch Qualität und Persönlichkeit."

Boldt sagt: "Das Unscheinbare ist seine Stärke. Typen wie er tun der Bundesliga gut. Sie profilieren sich nicht, sondern liefern ab."

Verläuft Neppes Karriere weiterhin derart steil, dürfte sich das unbemerkte Vorbeischleichen an den Medien bald erledigt haben.