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München - Mit Paderborn und Hannover stieg Andre Breitenreiter in die Bundesliga auf. Aktuell ist er ohne Job. Jetzt spricht der Förderer von Alex Nübel und Leroy Sané bei SPORT1.

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André Breitenreiter kann nur abwarten. Der 46-Jährige erlebt die Coronakrise wie viele seiner Trainer-Kollegen - zu Hause. Auch beruflich ist er in der Warteschleife, denn seit seiner Beurlaubung bei Hannover 96 im Januar 2019 ist er ohne Job. 

Zu seiner Zeit als Cheftrainer beim FC Schalke trainierte Breitenreiter unter anderem zwei Spieler, die in den vergangenen Monaten regelmäßig im Zusammenhang mit dem FC Bayern genannt wurden: Torwart Alexander Nübel, den er 2015 vom SC Paderborn zu den Königsblauen mitbrachte und der nun zum Rekordmeister wechselt. Auch zu Leroy Sane, der als Bayern-Zugang gehandelt wird, weiß Breitenreiter einiges zu erzählen.

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Im SPORT1-Interview spricht der Fußballlehrer über Nübel, Sane, das Transfergeschäft - und die aktuelle Lage durch das Coronavirus.

SPORT1: Herr Breitenreiter, wie erleben Sie derzeit persönlich die Coronakrise?

Andre Breitenreiter: Es ist eine Ausnahmesituation, die unsere Generation in dieser Form noch nicht erlebt hat. Es ist für alle Menschen sehr schwierig, wenn man sich nicht so frei bewegen kann, wie man es gerne möchte. Die Situation zeigt uns, dass Gesundheit über allem steht. Dafür müssen wir uns sehr verantwortungsvoll an die Regeln halten und zu Hause bleiben, damit unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird und ältere und gesundheitliche angeschlagene Menschen eine realistische Chance haben zu überleben.

SPORT1: Und wie fühlt es sich für Sie als derzeit vereinsloser Trainer an?

Breitenreiter: Fußball spielt aktuell keine große Rolle, weil unter anderem auch keine Spiele stattfinden. Die Zeit mit meiner Familie (Breitenreiter ist verheiratet, hat eine Tochter, 21 und einen Sohn, 17, Anm.d.Red.) genießt gerade oberste Priorität. Wir haben einen Hunde-Welpen aufgenommen, der die ganze Familie auf Trab hält und für willkommene Ablenkung sorgt.

SPORT1: Ist es gerade angenehm, in so einer Phase nicht dauernd am Handy zu sein, weil Berater und Co. etwas von Ihnen wollen?

Breitenreiter: Ich empfinde Telefonanrufe nicht als unangenehm, da das Teil meines Jobs ist. Von daher fühle ich mich nicht besser, weil weniger Leute anrufen. In der Winterpause bin ich im Rahmen der Bundesliga-Trainingslager zu einer Veranstaltung in Marbella für Trainer, Manager sowie Co-Trainer eingeladen gewesen, die gerade nicht im Job sind. Gemeinsam mit den Kollegen (z.B. Martin Bader oder Sandro Schwarz, Anm. d. Red.) haben wir uns Trainingseinheiten und Spiele der Bundesligisten und ausländischen Topklubs angeschaut, viele interessante Gespräche  geführt und abends dann auch noch gemeinsam gegessen. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Für so etwas bleibt sonst wenig Zeit.

SPORT1: Das Transfergeschäft leidet durch Corona sehr. Wie sehen Sie es?

Breitenreiter: Es wird für alle Vereine schwer abzusehen sein, wie es kurz- und mittelfristig weitergeht. Wie lange gibt es Geisterspiele und ab wann dann wieder mit Zuschauern? Vor allem für Zweit- und Drittligisten sind die Zuschauer-Einnahmen enorm wichtig, um nicht in finanzielle Not zu geraten. Das gilt auch für einige Erstligisten. Eins zeigt es aber ganz deutlich: Der heutige Fußball ist kommerziell, nahezu alle Klubs sind Wirtschaftsunternehmen und es belegt, dass ohne Geld nichts geht. Wenn Sponsoren- und Fernseheinnahmen wegbleiben, dann bekommen viele Vereine große Probleme und müssen vielleicht sogar Insolvenz anmelden. Insofern werden Transfers bei vielen größeren Klubs weiter stattfinden, aber die kleinen Klubs werden sich sorgen müssen, um zu überleben.

SPORT1: Es soll schon Pläne geben, wonach die restliche Saison in zwei Monaten durchgezogen werden soll. Die Spieler würden dann einkaserniert. Finden Sie das gut oder hätte man wie in Belgien die Saison abbrechen müssen?

Breitenreiter: Ich bin immer für den sportlichen Wettkampf und wünsche mir daher, dass wir die Saison beenden können. Aber Fußball ist eben auch nicht alles. Jeder sollte sich solidarisch zeigen und die getroffenen Entscheidungen akzeptieren.

SPORT1: Kommen wir zu Alexander Nübel, den Sie einst vom SC Paderborn zum FC Schalke mitgenommen haben. Wie denken Sie daran zurück?

Breitenreiter: Ich habe Alex mit zu Schalke 04 genommen, weil ich von seiner sportlichen und menschlichen Qualität absolut überzeugt war. In Zusammenarbeit mit Ralf Fährmann (Ex-Schalke-Keeper, d. Red.) sollte Alex den nächsten Schritt in seiner persönlichen Entwicklung machen. Ich erinnere mich, dass sich damals einige Personen auf Schalke die Frage stellten, was wir mit dem zweiten Torwart aus Paderborn wollen. Keiner hatte ihn auf dem Zettel. Aber Alex hat sich in dieser Zeit zum U21-Torwart entwickelt, später zur Nummer 1 und schließlich auch noch zum Kapitän. Das war eine enorm schnelle Entwicklung, die so nicht vorhersehbar war. Aber ich habe gesehen, dass Alex sehr großes Potenzial besitzt, ein absoluter Top-Keeper zu werden, der eine große Karriere vor sich haben kann.

SPORT1: Haben Sie seine Entscheidung für den Wechsel zum FC Bayern verstanden?

Breitenreiter: Das kann man aus verschiedenen Perspektiven sehen. Die Bayern haben eine sehr clevere und intelligente Entscheidung getroffen, weil Alex zu den besten deutschen jungen Torhütern zählt und im Sommer ablösefrei ist. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich vor seiner Entscheidungsfindung auch an den damaligen Wechsel von Paderborn zu Schalke zurückerinnert hat, den auch nicht alle verstanden und für einen zu großen Schritt gehalten haben. Aber er hat sich auf Schalke herausragend entwickelt und etabliert und vielleicht kann er auch in der Zusammenarbeit mit Manuel Neuer den nächsten Schritt gehen. Soll ich Ihnen aber meine persönliche Meinung sagen?

SPORT1: Bitte...

Breitenreiter: An seiner Stelle wäre ich auf Schalke geblieben. Schalke ist ein großer Klub mit fantastischen Fans, bei dem er als Nummer 1 hätte weiter reifen können. Er ist in einem Alter, in dem er spielen muss. Wir werden sehen, wie oft er tatsächlich spielt. Manuel Neuer ist in den vergangenen Jahren hin und wieder mal verletzt ausgefallen, so dass Sven Ulreich zu vielen Einsätzen gekommen ist. Das wird Alex sicher in seine Entscheidung mit einbezogen haben.

SPORT1: Hansi Flick ist jetzt erstmal bis 2023 Bayern-Trainer. Er gilt als Befürworter Neuers, der in Vertragsverhandlungen steckt. Ist das ein Nachteil für Nübel?

Breitenreiter: Gar nicht. Alex spielt schon auf einem hohen Niveau. Ihm war sicher klar, dass Manuel Neuer seinen Vertrag verlängern wird. Bayern möchte in allen Wettbewerben konkurrieren und dafür benötigen sie zwei klasse Keeper. Zu verlässlichen Einsätzen wäre Alex sicher auf Schalke gekommen, aber auch in München wird er Gelegenheiten bekommen zu spielen.

SPORT1: Ein anderer Spieler, der unter Ihnen groß wurde, ist Leroy Sané. Erzählen Sie doch mal, wie er auf Schalke loslegte?

Breitenreiter: Als ich zu Schalke wechselte, ist Leroy in dem Jahr von der U19 endgültig in den Kader der Profis aufgestiegen, nachdem er im Jahr zuvor schon einige Einsätze für die erste Mannschaft bestritten hatte. Es war sehr schnell zu erkennen, welches außergewöhnliche Potenzial er besitzt. In dieser Saison nahm Leroy eine extrem gute Entwicklung, bei der es Spaß machte, ihn auf dem Weg zum Topspieler zu begleiten. Ich möchte hier deutlich zum Ausdruck bringen, dass Trainer Spieler begleiten und versuchen, ihnen so viel wie möglich mitzugeben. Aber entscheidend sind immer die Spieler selbst, wie viel sie annehmen, wie viel sie zuhören und wie sehr sie bereit sind, Dinge umzusetzen. Leroy hat immer sehr fleißig trainiert und an seinen Schwächen gearbeitet. Am Ende der Saison machte er den großen Sprung und wechselte zu Manchester City. Das war für Schalke die größte Transfer-Einnahme aller Zeiten und für mich eine tolle Bestätigung unserer Arbeit, Spieler besser zu machen.

SPORT1: Sané wurde in den vergangenen Monaten mit einem Wechsel zu den Bayern in Verbindung gebracht. Jetzt scheinen sich die Bosse gegen eine Verpflichtung entschieden zu haben. Was denken Sie?

Breitenreiter: Wenn man die Möglichkeit hat, Leroy Sané zu verpflichten, dann muss das für jeden Verein ein Thema sein. Er hat einfach herausragende Qualitäten in puncto Technik, Geschwindigkeit und Torabschluss. Er kann den Unterschied ausmachen, kann Spiele durch eine Einzelaktion entscheiden. So viele gibt es davon nicht. Leroy passt in jede Mannschaft der Welt. Leider hat er sich im vergangenen Sommer sehr schwer verletzt, was ihn ein Stück zurückgeworfen hat. Diese Zeit der Reha hat ihn aber bestimmt reifer gemacht und wird ihn in seiner Persönlichkeit stärken, nachdem es für ihn in den vergangenen Jahren nur steil bergauf ging. Leroy wird noch stärker zurückkommen.

SPORT1: Sollte er zu Bayern kommen oder bei Man City bleiben?

Breitenreiter: Leroy wurde auf Schalke deutscher A-Nationalspieler. Bei ManCity lernte Leroy dann das Zusammenspiel und den Umgang mit anderen Weltklassespielern, von denen er sicherlich sehr viel gelernt hat. Leroy wird seine Entscheidung bestimmt davon abhängig machen, bei welchem Klub er erfolgreich Titel sammeln kann und nicht, bei welchem Klub er sich weiterentwickeln kann. Leroy hat nachgewiesen, dass er ein Top-Spieler ist. Bayern wäre definitiv kein Rückschritt nach ManCity, wenn auch die Rahmenbedingungen bei den Citizens, die ich selbst begutachtet habe, überirdisch sind.

SPORT1: Auch Timo Werner wird immer wieder mit den Bayern in Verbindung gebracht. Wer passt besser zu Bayern: Sané oder Werner?

Breitenreiter: (lacht) Beide passen sehr gut zu den Bayern, verfügen über eine enorme Geschwindigkeit, und gehören zu den besten deutschen Offensivspielern. Der Fußball wird immer schneller und athletischer, weswegen man insbesondere Spielertypen mit den Charaktereigenschaften von Werner oder Sané für die Offensive benötigt. Ich möchte keinen Spieler für die Bayern favorisieren. Beide Spieler würden die Bayern besser machen.

SPORT1: Haben Sie Angst, dass Sie nach längerer Zeit ohne Job nach der Coronakrise erstmal raus sind aus dem Geschäft?

Breitenreiter: Nein. Ich bin seit 2013 Trainer im Profi-Bereich und habe auf meinen bisherigen Stationen schöne Erfahrungen gesammelt und einige Erfolge eingefahren, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Ich habe Geduld und möchte für mich die richtige Entscheidung treffen, wenn es soweit ist. Seit meiner Freistellung bei Hannover 96 gab es einige Anfragen und Angebote aus dem Ausland sowie aus der 1. und 2. Liga. Normalerweise wäre ich unter anderen privaten Umständen auch wieder als Trainer tätig. Da aber leider meine Mutter im vergangenen Sommer verstorben ist, benötigte unser Demenz kranker Vater jegliche Unterstützung meiner beiden Brüder und von mir, so dass ich für mich entschieden habe, alles abzusagen, bis sich die Situation normalisiert.

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SPORT1: Eine schwere Zeit für die Familie, oder?

Breitenreiter: Da vergisst du den Fußball. Wir mussten unseren Vater, dem ich sehr viel zu verdanken habe, in einem Pflegeheim unterbringen. Es war mir als Familienmensch wichtiger, ihn in der Eingewöhnungszeit zu begleiten als einen neuen Klub zu übernehmen. Seit Dezember hat sich die Situation normalisiert. Seitdem bin ich auch wieder bereit und verspüre große Lust, eine Mannschaft zu coachen. Natürlich verzögert sich aufgrund von Corona das nächste Engagement. Aber ich bin kein Trainer, der auf dem Sofa sitzt und einem Kollegen demnächst wieder Misserfolg wünscht. Das macht man nicht, und das habe ich auch nicht nötig. Dafür habe ich mit meinen Teams zu erfolgreich gearbeitet. Ich bin entspannt und freue mich auf die nächste Herausforderung, die kommen wird.

SPORT1: Wäre auch das Ausland reizvoll?

Breitenreiter: Auf jeden Fall, aber Deutschland wird immer erste Wahl bleiben. Zu Saisonbeginn war ich mehrmals mit meinem Co-Trainer Volkan Bulut in England und Frankreich. Wir haben uns die Premier League, die Championship und auch die Ligue1 angeschaut, um persönliche Eindrücke vor Ort zu sammeln und Atmosphären aufzusaugen. Parallel koordiniert man zudem Termine, um sich mit handelnden Personen auszutauschen. Mein Ziel war es, mich im internationalen Fußball weiterzubilden und die Ligen noch besser kennen zu lernen. Dafür waren die Reisen sehr wertvoll.