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Dortmund - Nachwuchskoordinator Lars Ricken erklärt, wie der BVB im Werben um die Top-Talente punktet - und was Jürgen Klopp mit der Senkung der Altersgrenze zu tun hat.

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Einst war er selbst ein Riesentalent, mit seinem mittlerweile zum BVB-Jahrhunderttor gewählten Treffer im Champions-League-Finale 1997 machte sich Lars Ricken unsterblich.

Inzwischen ist der heute 43-Jährige Nachwuchskoordinator bei Borussia Dortmund.

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Im SPORT1-Interview spricht Ricken über die Talentförderung beim BVB, den knallharten Konkurrenzkampf um Europas Top-Juwele, und erklärt, wie Jürgen Klopp unfreiwillig die Senkung der Altersgrenze in der Bundesliga auf den Weg brachte.

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SPORT1: Herr Ricken, seit vier Wochen ist das Nachwuchsleistungszentrum von Borussia Dortmund aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Ist eine Öffnung in Sicht?

Lars Ricken: Es bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Für uns ist die Schule ein Indikator. Solange die nicht wieder angefangen hat, werden auch wir von den Gesundheitsbehörden kein Go kriegen. Wir warten, was von den Behörden und der Politik kommt.

So trainiert der BVB-Nachwuchs während Corona

SPORT1: Wie muss man sich Ihren aktuellen Tagesablauf vorstellen?

Ricken: Zurzeit bin ich in erster Linie wohl Troubleshooter. Mit 100 Mitarbeitern haben wir die größte Abteilung im Verein, dementsprechend steht gerade in solch einer Krisenzeit immer Arbeit an, aktuell überwiegend per Video-Konferenz. Wir wollen die frei gewordene Zeit nutzen, um uns konzeptionellen und strategischen Themen zu widmen, für die während der Saison nicht immer Zeit ist. Dazu habe ich zwei Kinder im Alter von zwei und drei Jahren, die, weil die Kitas geschlossen sind, bespaßt werden müssen. Das Gute ist: Ich komme endlich mal dazu, früh ins Bett zu gehen (lacht). Normalerweise ist das ja nicht möglich, weil sonst immer abends Spiele sind, die man sich gerne auch im Fernsehen anschaut.

SPORT1: Haben Sie den Nachwuchsspielern Hausaufgaben für das Homeoffice mitgegeben?

Ricken: Ich muss gerade in dieser Krisenzeit unseren Trainern ein großes Kompliment machen. Sie kümmern sich - in Absprache mit den Eltern - richtig gut um die Jungs. Die Spieler bekommen ein wöchentliches Athletikprogramm zugesendet. Bis 10 Uhr müssen sie Kräftigungs- und Stabilisationsübungen sowie Ausdauer-, Sprint- und Intervallläufe erledigt haben. Wir wollen, dass sie trotz der aktuellen Situation einen geregelten Tagesablauf haben und nicht bis mittags im Bett liegen. Über eine App müssen sie ihr Training als Beweis hochladen. Danach ist Zeit für schulische Aufgaben. Am Nachmittag gibt es über eine weitere App ein Video von uns, das können Spielszenen der eigenen Mannschaft oder der Profis sein, die sie analysieren müssen. In Form von Anmerkungen und Kommentaren können sie den Trainern zurückschreiben. Auch kommen technische Challenges nicht zu kurz. Ich muss gestehen: Es ist deprimierend für mich persönlich zu sehen, was unsere 14-Jährigen technisch drauf haben, woran ich zu meiner Zeit als Profi gescheitert wäre.

SPORT1: Zum Beispiel?

Ricken: Einer unserer Nachwuchsspieler hat kürzlich eine Toilettenpapierrolle 177 Mal hochgehalten. Ich habe es 10-mal geschafft ... Aber Spaß beiseite: Es ist toll, was unsere Trainer für die Spieler auf die Beine stellen. Sie beschäftigen die Jungs mit diesen Aufgaben pro Tag für etwa fünf Stunden. Das hat einen richtigen Mehrwert.

Ricken: Coronakrise kann Chance für Nachwuchs sein

SPORT1: Kann die Coronakrise auch eine Chance für den Nachwuchs sein?

Ricken: Durchaus. Gerade das E-Learning sowohl im schulischen als auch im sportlichen Bereich erfordert ein hohes Maß an Zeitmanagement, Disziplin und Selbstorganisation. Das sind - weit über die aktuelle Krise hinaus - wichtige Skills. Ich sehe diese Krise aber auch als Chance für uns als NLZ. Zum Beispiel während der Finanzkrise des BVB 2005 haben einige Jugendspieler den Sprung geschafft. David Odonkor ging später für mehr als sechs Millionen Euro nach Sevilla, Nuri Sahin wechselte für zehn Millionen Euro nach Madrid. Das war damals viel Geld. Solche Transfers haben uns in jener Phase extrem geholfen. Damit haben wir die Basis geschaffen, dass der BVB diese tolle Entwicklung genommen hat. Gerade weiß niemand, wie die Transfermärkte sich entwickeln werden. Da kann es nicht schaden, gut ausgebildete Jungs in den eigenen Reihen zu wissen.

SPORT1: Welchen Top-Talenten trauen Sie aktuell den Sprung zu den Profis zu?

Ricken: Ich möchte keine Namen nennen, weil wir den Rucksack nicht voller machen wollen, als er ohnehin schon ist. Wir haben aber quer durch die Jahrgänge einige Top-Talente, die früher oder später den Sprung in den Profi-Kader schaffen können. So wie in jüngerer Vergangenheit Pulisic, Bruun Larsen, Passlack, Burnic, Mangala, Pieper, Kilian oder Serra - um nur einige zu nennen.

SPORT1: Für rund 20 Millionen Euro baut der BVB zurzeit den NLZ-Campus in Brackel um. Wie weit sind Sie damit?

Ricken: Vor Ausbruch der Corona-Krise galt: Im Sommer 2021 soll alles fertig sein. Wir bauen eine neue Geschäftsstelle Sport, ein Mediencenter, eine Kantine, einen neuen Athletik- und Rehabereich. Wir stellen uns damit gerade zeitgemäß auf. Es wird außerdem eine neue Fußballhalle mit Umkleidekabinen sowie eine Erweiterung der Plätze im Jugendhaus von 22 auf knapp 50 Spieler geben. Mit Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke haben wir große Fürsprecher, die natürlich den kurzfristigen maximalen sportlichen Erfolg im Auge haben müssen, aber gleichzeitig extrem großen Wert auf Nachhaltigkeit und Zukunftssicherung legen.

Harter Konkurrenzkampf im Werben um Talente

SPORT1: Gibt es Vorbilder in Sachen Jugendarbeit für den BVB?

Ricken: Wir befinden uns in einer knallharten europäischen Konkurrenzsituation, ganz klar. Es gibt viele Vereine, die richtig Geld ausgegeben haben. Manchester City hat zum Beispiel knapp 300 Millionen Euro für einen imposanten Bau ausgegeben. Da sind uns sicher gewisse Grenzen gesetzt. Die haben jetzt alles an einem Ort. Aber ich bin mir sicher: Wenn wir alles an einem Ort hätten - Stadion, Fanwelt, Fußballschule, Geschäftsstelle, Trainingsgelände - dann wäre das genauso imposant. Wir haben ein relativ kleines, aber höchst effizientes Leistungszentrum. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Gerade auch durch die UEFA Youth League kommt man viel in Europa rum und kann dort dann viele Anregungen und Ideen mitnehmen.

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SPORT1: Sie haben den Konkurrenzkampf angesprochen. Wie hart umkämpft ist das Geschäft um Top-Talente wirklich?

Ricken: Als ich anfing, gab es in erster Linie die Konkurrenz zwischen Dortmund und Schalke und den anderen Vereinen im Umkreis. Irgendwann kamen Hoffenheim, Leipzig oder Bayern dazu. Inzwischen befinden wir uns auf europäischer Ebene. Unsere Top-Spieler haben in der Regel auch Angebote aus dem Ausland.

SPORT1: Wie zum Beispiel Nnamdi Collins, dem Manchester City ein Mega-Handgeld geboten haben soll. Bei diesen Summen ist es doch schwierig, die Spieler auf dem Teppich zu halten, oder?

Ricken: In diesem Alter sollte es in der Tat nicht in erster Linie ums Geld gehen. Da setzen wir an. Wir wollen unsere Spieler nicht nur fußballerisch entwickeln, sondern auch dafür sorgen, dass sie den bestmöglichen Schulabschluss schaffen. Wir schicken unsere Spieler auch nicht auf Privatschulen. Auch sollen sie bitte keine BVB-Sachen in der Schule tragen. Sie sollen Kontakt zu anderen Schülern haben und nicht nur in ihrer BVB-Blase leben. Wenn ein Spieler Geburtstag feiert, und von zehn Gästen sieben aus der Schule kommen, dann ist das der richtige Weg.

Ricken erklärt: So überzeugt der BVB die Talente

SPORT1: Pulisic, Sancho, Haaland, um nur wenige zu nennen: Wieso entscheiden sich große Talente letztlich für den BVB?

Ricken: Das muss man im Zweifelsfall jeden einzelnen Spieler selbst fragen, aber aus meiner Sicht gibt es natürlich ein schlagendes Argument: Der BVB gibt jungen Spielern die Möglichkeit, auf hochwertige Einsatzzeiten zu kommen. Gerade in so jungen Jahren ist das mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen, aber das ist ein Pfund, mit dem wir glaubwürdig auftreten können. Gio Reyna kam natürlich auch aus den USA zu uns, weil er mit Christian Pulisic ein positives Beispiel vor Augen hatte. Unsere Philosophie ist eben, dass wir auf junge Spieler setzen. Angefangen bei Mats Hummels und Neven Subotic zieht sich das bis zum heutigen Tag durch. Wir haben uns da eine große, glaubwürdige Verlässlichkeit erworben.

Giovanni Reyna erzielte im DFB-Pokal bei Werder Bremen sein erstes Profi-Tor für den BVB
Giovanni Reyna erzielte im DFB-Pokal bei Werder Bremen sein erstes Profi-Tor für den BVB © Imago

SPORT1: Gio Reyna ist eine positive Überraschung in dieser Saison. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?

Ricken: Wir haben ihm glasklar zugetraut, irgendwann im Signal Iduna Park zu spielen - sonst hätten wir ihn auch nicht verpflichtet. Das spricht übrigens für die Arbeit unserer Scouts, die ihn in den USA, wo es eine unfassbare Anzahl an Spielern gibt, gesehen und in ihm noch nicht ausgereizte Möglichkeiten entdeckt haben. Uns war klar: Sobald Gio bei Lucien Favre vorspielt, werden wir ihn nicht mehr bei der U19 sehen (lacht).

Wie Klopp die Senkung der Altersgrenze auf den Weg brachte

SPORT1: Die Altersgrenze innerhalb der Bundesliga wurde per Beschluss von 17 auf 16 Jahren abgesetzt. Der BVB war einer der Befürworter.

Ricken: Wir waren nicht nur Befürworter, sondern auch Initiator. Wir hatten unter Jürgen Klopp mal die Situation, dass wir mit den Profis in Spanien im Trainingslager waren, als sich einige Spieler verletzt hatten. Nebenan trainierte die U17-Nationalmannschaft mit Felix Passlack und Dzenis Burnic, die wir dann als Ersatz für die verletzten Spieler zu den Profis geholt haben. Kloppo war begeistert und hätte die am liebsten direkt in der Bundesliga gebracht. Aber die damals gültige Regelung schob der Idee einen Riegel vor. Das hätte uns bei Youssoufa Moukoko auch passieren können. Er hat in den vergangenen drei Jahren knapp 130 Tore geschossen. Dem Jungen musst du zumindest die Möglichkeit geben, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen. Hinzu kommt, dass ausländische Ligen bislang einen Wettbewerbsvorteil hatten. Das kann nicht im Sinne des deutschen Fußballs sein, wenn wir Youssoufa zum Beispiel nach England verleihen würden, damit er diesen nächsten Schritt geht.

SPORT1: Kritiker sagen, dass die Gefahr besteht, die Talente zu verheizen. Wie sehen Sie das?

Ricken: Ich kann die Skepsis verstehen. Natürlich haben wir als Verein eine große Verantwortung. Wir können nicht einfach blind jemanden reinwerfen. Es geht auch nicht darum, durch frühe Einsätze den Marktwert eines Talents zu erhöhen. Für mich ist klar, dass es sich hierbei um absolute Ausnahmefälle handelt. In den nächsten Jahren, glaube ich, gibt es nicht mal eine Handvoll Spieler, die infrage kommen.

SPORT1: Die angesprochenen Passlack und Burnic galten als Riesentalente und sind aktuell an Sittard und Dresden verliehen. Wie verfolgen Sie die Entwicklung der BVB-Eigengewächse?

Ricken: Man mag bei ihnen vielleicht das Gefühl haben, dass es gerade nicht optimal läuft. Aber es gibt für Fußballer nicht nur diesen einen Weg. Die Jungs haben genügend Widerstandsfähigkeit und können sich durch schwierige Situationen durchbeißen. Ich traue ihnen das absolut zu und glaube, dass sie womöglich gerade aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Jahre zu noch besseren Fußballern geworden sind, als sie es bei uns in der U19 waren.