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München - Die Bundesliga soll im Mai mit Geisterspielen fortgesetzt werden. Im Hintergrund ist längst der Kampf um die Plätze entfacht. SPORT1 kennt die Pläne der Liga.

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Das Derby zwischen Mönchengladbach und Köln ist als bislang einziges Geisterspiel in die Bundesliga-Geschichtsbücher eingegangen.

Wie SPORT1 erfuhr, gilt die Partie in DFL- und DFB-Kreisen mit Blick auf die weitere Austragung von Begegnungen ohne Fans allerdings als Negativbeispiel. Der Grund: Rund 600 Personen (darunter 250 Ordner und 200 Pressevertreter) waren am 11. März im Borussia-Park – zu viele!

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Hinzu kommt, dass sich hunderte Gladbach-Anhänger vorm Stadion trafen und den Derbysieg hinterher mit der Mannschaft feierten.

Das sei "nicht zielführend", heißt es aus DFL-Kreisen. Um die Fortsetzung des Spielbetriebs auch in Corona-Zeiten zu gewährleisten, müsse man mit Blick auf ein gegebenes Infektionsrisiko in allen Bereichen runterfahren und Zugeständnisse machen.

Bei der Borussia ist man sich indes darüber im Klaren, dass das erste Geisterspiel der Liga-Geschichte mit möglichen weiteren Geisterspielen nicht zu vergleichen ist. Mediendirektor Markus Aretz sagt zu SPORT1: „Wir hatten zu dieser Zeit noch andere Voraussetzungen. Damals waren Veranstaltungen mit bis zu 1000 Personen noch erlaubt. Entsprechend sind wir mit den Zutrittsregelungen verfahren. Zum Beispiel waren rund 300 Medienvertreter im Stadion, das wird in Zukunft sicher nicht mehr möglich sein. Mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen wird man in allen Bereichen auf ein Minimum reduzieren.“

Ziel von DFL und DFB: Maximal 300 Personen bei Geisterspiel

Klar ist: So wie in Mönchengladbach soll es zukünftig nicht laufen! Aus diesem Grund hat die DFL die 36 Profi-Klubs am Dienstag dazu beauftragt, eine Übersicht unter folgender Leitfrage zu erstellen: "Was braucht es wirklich für die Austragung eines Fußballspiels?"

Die DFL und der DFB arbeiten aktuell in enger Abstimmung mit den Behörden und Vereinen so genannte "Produktionskonzepte" für alle 36 Standorte aus. Nach SPORT1-Informationen ist das Bestreben, maximal 300 Personen pro Geisterspiel im Stadion zu haben.

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Weniger als 100 Personen sollen sich dabei in jeweils drei Stadionbereiche aufhalten dürfen. Dazu zählen Funktionäre und Betreuer aus den Vereinen, Kameraleute, Fotografen und Ordner im Innenraum, Journalisten, Scouts und Schiedsrichter-Beobachter auf der Tribüne, sowie Ordner für die Stadionsicherung und Mitarbeiter im TV-Compound in der sogenannten Stadionperipherie. Zum Vergleich: Während eines normalen Bundesligaspiels tummeln sich allein 200 bis 250 Personen im Innenraum. 

Einheitliche Regeln müssen nun für die 163 auszutragenden Geisterspiele der 1. und 2. Liga gefunden werden. Wer darf rein? Wer nicht? Der große SPORT1-Report:

Vereinsmitarbeiter

Rund 30 bis 35 Leute gehören zum engeren Profi-Stab einer Bundesliga-Mannschaft. Nach SPORT1-Informationen wird darüber nachgedacht, den Staff zu kürzen. Braucht es auch im Innenraum zwingend Zeugwarte, Busfahrer, Physiotherapeuten und mehrere Pressesprecher? Es gibt sogar die Überlegung, die Co-Trainer auf die Tribüne zu schicken und sie per Funk mit den Trainern zu verkabeln.

Zählt man den Profistab, das Medienteam, das Sponsoring- und Marketing-Team sowie den Stadion- und Catering-Betrieb dazu, kommt man allein bei Borussia Mönchengladbach nach Vereinsangaben auf 500 bis 600 Mitarbeiter pro Partie - bei Topspielen sogar mehr. Gladbach-Sprecher Aretz: "Bei Spielen ohne Zuschauer lässt sich das sicher stark reduzieren, wenn nötig bis zu einer Zahl von 50 bis 60 Mitarbeitern."

Funktionäre

Sportdirektoren gehören zum Profi-Kader und werden als fester Bestandteil angesehen. Diskutiert wird allerdings, ob auch Vorstandsmitglieder oder Präsidenten Zutritt zu Geisterspielen bekommen sollen. Bei Gladbach gegen Köln waren beispielsweise zwei Präsidenten-Logen geöffnet. An die Klub-Bosse Rolf Königs (Gladbach) und Werner Wolf (Köln) wurden je 20 Tickets vergeben. 

SPORT1 fragte bei Borussia Mönchengladbach nach: Würde der Vorstand und das Präsidium freiwillig auf Stadionbesuche verzichten, um den Spielbetrieb bei Geisterspielen zu gewährleisten? Die Antwort: "Natürlich!" Borussia Dortmund und der FC Bayern wollten sich auf Nachfrage vorerst nicht äußern.

Leverkusen-Sportdirektor Simon Rolfes: "Wir spielen zurzeit alle Szenarien durch. Dabei behandeln wir natürlich auch die Frage, wen wir für die Austragung eines Geisterspiels wirklich brauchen. Zu dieser Analyse gehört eben auch, genau diese Überlegungen anzustellen: Wie viele Personen in unserem Umfeld sind wirklich notwendig für die Austragung eines Fußballspiels? Welche Dinge lassen sich wie umsetzen? Wir machen uns als Verein zurzeit auch darüber Gedanken."

Scouts

Zwischen 30 und 60 Scouts sind in der Regel bei Bundesliga-Spielen im Stadion. Laut DFL-Spielordnung ist der Heimverein sogar verpflichtet, "im Rahmen der zur Verfügung stehenden Kapazitäten (…) eine Spielbeobachtungskarte gegen Vorlage eines entsprechenden DFL-Ausweises an hauptamtliche Scouts, Manager oder Trainer der anderen Lizenzclubs zu geben".

Sie sollen allerdings keinen Zutritt zu Geisterspielen bekommen. Die Kaderplaner einiger Bundesligisten schlagen deshalb bereits Alarm. Tenor: Man könne nicht nach Talenten spähen und der Arbeit damit nicht ordentlich nachgehen. Der Chefscout eines Bundesligisten sagt: "Ich gehe nicht davon aus, dass wir reindürfen. Final geklärt ist das aber noch nicht."

Schiedsrichter

Auch Geisterspiele werden unter normalen Wettbewerbsbedingungen gespielt. Heißt: Das Schiedsrichter-Team - inklusive 4. Offizieller - wird als wesentlicher Bestandteil eines Bundesligaspiels angesehen. Einzig: Auf die Schiri-Beobachter (immer ein DFB-Delegierter pro Match) könnte verzichtet werden.

Den Video Assistant Referee (VAR) in Köln soll es dagegen auch bei Geisterspielen weiterhin geben.

Balljungen

In der Spielordnung der DFL steht unter Paragraf 4 "Durchführung des Spiels": "Darüber hinaus sind nach der FIFA-Anweisung um das Spielfeld herum acht Balljungen zu platzieren, denen ebenfalls je ein Ball zu übergeben ist." Balljungen werden als wesentlicher Bestandteil des Spiels gesehen. Sie soll es auch bei Geisterspielen geben. Doch auch hier ist eine Personal-Reduzierung angedacht. Im Gespräch: Vier Balljungen, die an jeder Ecke des Spielfelds verteilt werden.

Einlaufkinder

Die Einlaufkids soll es vorerst nicht mehr geben. Das war auch schon beim ersten Geisterspiel zwischen Gladbach und Köln der Fall. Auch in den DFB-Pokal-Viertelfinals verzichtete die Klubs zuletzt auf die "Kids“.

Polizei

Die Polizei wird nicht wie gewohnt im Stadion Präsenz zeigen - im Gegenteil! Generell wird man in abgesteckter Form bis gar nicht vor Ort sein, weil ein Geisterspiel eine "Privatveranstaltung" des Heim-Vereins ist, sagte ein Sprecher der Münchner Polizei. "Inwieweit der Einsatz der Polizei vor Ort im Stadion mangels Zuschauern von Nöten sein muss, bleibt vorerst offen."

Bereits im März haben einige Fan-Gruppierungen – darunter die "Südtribüne Dortmund" (BVB) und die "Schickeria" (FCB) - zur Vernunft aufgerufen, nicht bei den Geisterspielen zu erscheinen.

Nach dem Geisterderby-Sieg gegen Köln feierten hunderte Fohlen-Fans vor dem Stadion. Das wird es in Mönchengladbach künftig nicht mehr geben. Der Klub hat bereits den direkten Dialog mit den Fans gesucht und die sensible Thematik angesprochen.

Pressevertreter

Laut DFL-Spielordnung werden Pressekarten "im Einvernehmen mit dem örtlichen Sport-Presse-Verein ausgegeben. Die Höchstzahl beträgt bei Heimspielen der Bundesliga 100 und der 2. Bundesliga 50." Auch hier denken DFL und Vereine über eine Reduzierung nach. Nicht ausgeschlossen, dass - wenn überhaupt - nur Rechteinhaber und ein paar ausgewählte Medien Zugang erhalten.

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"Das wäre ein krasser Verstoß gegen die Freiheit der Berichterstattung und durch nichts zu rechtfertigen", sagt Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), im Gespräch mit SPORT1. Überalls klare Forderung: "Wenn der Ball wieder rollt, egal ob mit oder ohne Publikum, müssen Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit zur Berichterstattung bekommen - ohne Wenn und Aber!"

Auch die Anzahl an Fotografen soll minimiert werden. Im Innenraum finden sich in der Regel 20 bis 30 Fotografen ein. Denkbar, dass es maximal fünf Fotografen geben wird.  

Doping-Kontrolleure

An einem Bundesligaspieltag prüft die Nationale Doping-Agentur (NADA) bei drei von neun Begegnungen. In der Halbzeit werden jeweils zwei Spieler gelost, die nach dem Schlusspfiff von zwei Begleitpersonen ("Chaperons“) abgeholt und in einen Dopingraum geführt werden. Wird es auch bei Geisterspielen Doping-Kontrollen geben? Die NADA bezieht auf SPORT1-Nachfrage via Mail Stellung. Man stehe in regelmäßigem Kontakt mit DFB und DFL.

"Die Situation der Fußballspiele ohne Zuschauer ist nicht neu, daher hat die NADA bereits für die durchgeführten "Geisterspiele" Anfang März entsprechende Szenarien entwickelt, um weiterhin Dopingkontrollen bei Fußballspielen durchzuführen", schreibt Pressesprecherin Eva Bunthoff. "Dabei steht die Gesundheit aller an erster Stelle. Entsprechende Vorkehrungsmaßnahmen sind dabei berücksichtigt und werden fortlaufend an die aktuelle Situation angepasst."

Berater

Auch die Spielervermittler, die die Leistungen ihrer Klienten für gewöhnlich im Stadion verfolgen, werden keinen Zugang zu Geisterspielen bekommen. Völlig okay, wie Berater-Chef Dr. Gregor Reiter findet: "Es geht darum, die Saison irgendwie zu Ende zu spielen. Wir Berater stellen die Forderung, bei Geisterspielen dabei zu sein, auch gar nicht. Es gibt viel wichtigere Menschen in einem Stadion als uns Berater."

Es gibt weitere Berufsgruppen, die die DFL momentan in der Ausarbeitung ihres Grundkonzepts berücksichtigt. Dazu gehören unter anderem Catering-, Reinigungs-, Sicherheits- und Rettungsdienste, das Kreisverwaltungsreferat sowie Vertreter der Behörden. Bis zur nächsten DFL-Versammlung am 17. April soll ein bundesweites Sicherheitskonzept vorliegen, das für alle 36 Standorte passt.

Klar ist: Der Kampf um die Plätze bei Geisterspielen hat hinter den Kulissen begonnen!