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München - Erhält die Bundesliga zur Fortsetzung des Spielbetriebs eine Ausnahme von den Corona-Regeln? Eine Aussage von Hannover-Boss Martin Kind sorgt für Zündstoff.

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Der Fußball sei "volkswirtschaftlich unbedeutend", sagte Martin Kind, Unternehmer und Vorstandsvorsitzender des Zweitligisten Hannover 96 am Donnerstagabend, "aber er hat natürlich für die Seele eine besondere Bedeutung".

Eine derart besondere Bedeutung, dass für den Profifußball in der Coronakrise andere Regeln gelten als für die restliche Bevölkerung? Die weiteren Ausführungen des 96-Bosses in der ZDF-Sendung "Markus Lanz" ließen vermuten, dass Deutschlands Fußballgrößen genau darauf hinarbeiten.

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Mit Blick auf einen möglichen Neustart der Bundesligen im Mai verriet Kind, dass es "die Überlegung gibt: Wenn ein Spieler infiziert wird, dann wird nur der Spieler noch aus der Mannschaft genommen und durch einen anderen Spieler ersetzt."

Kind: "Ein Weg, um die Spiele austragen zu können"

Er könne zwar nicht abschließend beurteilen, "ob sich dieses Verfahren so bestätigen wird", es sei jedoch "ein Weg, um die Spiele wirklich austragen zu können - und ich denke, dass das auch begründet sein kann".

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Der kühne Plan noch einmal zusammengefasst: Sollte sich ein Bundesliga-Profi nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit dem Coronavirus infizieren, soll - anders als bisher üblich und wegen diverser Coronafälle bereits bei einigen Vereinen praktiziert - in der Folge nicht mehr das gesamte Umfeld mit allen Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt werden, sondern nur noch der betroffene Spieler aus dem Verkehr gezogen werden.

Auch der DFB hatte am Donnerstag bereits über eine solche Sonderregel informiert und diskutiert, die mit Tests bei allen Spielern und Schiedsrichtern am Tag vor einem Spiel verbunden sein sollte.

Es wäre ein Vorgehen, das allen bislang von offizieller Seite verordneten Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie und dem verzweifelten Versuch, mögliche Infektionsketten einzudämmen, grundlegend widerspräche.

DFL erklärt Arbeit der Bundesliga-Taskforce

Der MDR hatte bereits am 2. April von derartigen Überlegungen einer medizinischen Taskforce zur Vorbereitung der Wiederaufnahme des Spielbetriebs berichtet.

Damals sagte ein Sprecher der Deutschen Fußball Liga lediglich: "Die Taskforce hat ihre Arbeit aufgenommen, es liegen aber noch keine Ergebnisse vor. Der Fußball wird immer alle behördlichen Vorgaben einhalten."

Werden die Vorgaben nun aber speziell für die Bundesliga angepasst?

"Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es weder Beschlüsse noch Vorfestlegungen. Dass es unterschiedliche Denkansätze gibt, liegt in der Natur der Sache", heißt es in einer aktuellen DFL-Stellungnahme zu SPORT1 vom Freitagvormittag.

Es würden "wie in anderen Organisationen und Unternehmen unter anderem auch wahrscheinliche Szenarien der nächsten Wochen zu Grunde gelegt. Diese berücksichtigen zum Beispiel eine deutliche Steigerung der für die gesamte Gesellschaft zur Verfügung stehenden Test-Kapazitäten, einschließlich Antikörper-Tests, sowie mögliche Veränderungen in Bezug auf die behördlichen Quarantäne-Vorgaben."

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"Einschränkung der Freiheiten der Fußballer"

Die DFL geht also offenbar davon aus, dass sich die Vorzeichen für den Umgang mit dem Coronavirus in den kommenden Wochen grundlegend ändern - nicht nur für den Profifußball, sondern auch für andere Branchen.

Gleichzeitig verspricht der Ligaverband in seiner Stellungnahme zu SPORT1: "Die Taskforce wird die enge Abstimmung mit externen Experten und staatlichen Stellen suchen, um gemeinsame Lösungsansätze im gesellschaftlichen Konsens zu finden."

Für den Bundestagsabgeordneten und Gesundheitswissenschaftler Karl Lauterbach (SPD) ist das Vorhaben jedoch zum Scheitern verurteilt. Er hält auch die angedachten Geisterspiele für gefährlich, weil man sich schon durch normales Sprechen und Atmen mit dem Virus infizieren könne.

"Fußball wäre theoretisch nur denkbar, wenn die Spieler ein paar Tage vor dem Spiel getestet und dann bis zum Spielbeginn isoliert würden, damit sie sich nicht gegenseitig infizieren", sagte der Mediziner dem Spiegel - und stellte klar: "Hat sich ein Spieler angesteckt, müssen er und alle Mannschaftskollegen in Quarantäne."

In Lauterbachs Augen wäre eine Fortsetzung der Bundesliga "nur mit einem sehr, sehr hohen medizinischen und logistischen Aufwand machbar - und einer massiven Einschränkung der Lebensqualität und der Freiheiten der Fußballer".

Bundesliga schon wieder ab dem 2. Mai?

Alldem zum Trotz sieht die aktuelle Planung der DFL laut 96-Boss Kind - eine Zustimmung der Politik und der zuständigen Gesundheitsämter vorausgesetzt - vor, "dass wir am 2. Mai beginnen, mit einer Englischen Woche. Dann können wir bis zum 30. Juni die Saison noch beenden."

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Alternativ könnte ab dem 9. Mai wieder gespielt werden und die Saison mit dann zwei Englischen Wochen ebenfalls bis Ende Juni über die Bühne gebracht werden. "Das wäre das Idealszenario", betonte Kind.

Seit einigen Tagen trainieren die Bundesliga-Klubs wieder auf ihrem jeweiligen Vereinsgelände, bisher allerdings nur in Kleingruppen und unter strenger Einhaltung der Hygienevorschriften.

Die nächste DFL-Mitgliederversammlung ist für den 17. April angesetzt, dann wird aller Voraussicht nach auch eine Entscheidung über die Fortsetzung der Bundesligen mit Geisterspielen ab Anfang Mai fallen.

Der weitgehende Shutdown des öffentlichen Lebens ist von der Bundesregierung aktuell bis 19. April verordnet. Nach Ostern soll über mögliche Lockerungen entschieden werden. Von dieser Entscheidung dürfte auch die Zukunft des Profifußballs abhängen.

Thomas Müller: "Müssen uns einordnen"

"Wir müssen uns ins Gesamtgefüge einordnen", meinte Bayern-Star Thomas Müller am Donnerstag, "aber ich weiß jetzt nicht, ob der Fußball eine Sonderstellung hat oder ob es nur so beleuchtet wird". Aus seiner Sicht versuchten alle Beteiligten, sich "an das zu halten, was von oben vorgegeben wird".

Der Weltmeister von 2014, der seinen Vertrag bei den Münchnern kürzlich bis 2023 verlängert hat, befürwortet jedoch ausdrücklich, dass die vermeintliche Sonderrolle des Fußballs genau unter die Lupe genommen wird.

"Etwas kritisch zu hinterfragen ist ein Element, das wir nicht verlieren dürfen", forderte Müller und ergänzte: "Jeder muss sein Geschäft machen."

Seines ist es aktuell, sich auf einen möglichen Re-Start der Bundesliga Anfang Mai vorzubereiten. Unter welchen Bedingungen auch immer dieser dann über die Bühne gehen könnte.