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Die BVB-Profis retteten Borussia Dortmund bereits zweimal mit einem Gehaltsverzicht. Bei SPORT1 erinnern sich Mirko Votava und David Odonkor an damals.

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Anfang der Woche lud die Geschäftsführung von Borussia Dortmund um Hans-Joachim Watzke die BVB-Spieler in den Signal Iduna Park ein, um in der Coronakrise einen Gehaltsverzicht zu verhandeln.

Es gilt zwar nicht wie in Bayern eine offizielle Ausgangssperre, doch das Kontaktverbot in Nordrhein-Westfalen kommt dem schon nahe. Zudem sollen bekanntermaßen jegliche sozialen Kontakte in Deutschland bestmöglich vermieden werden. Bars, Clubs, Restaurants und Läden sind geschlossen. Die Straßen und öffentliche Plätze verwaist, fast schon gespenstisch.

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Deshalb trafen sich die Dortmunder in der spielfreien Fußball-Zeit unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen in kleinen Gruppen im Presseraum des Stadions - wo man weit auseinander sitzen und sich trotzdem unterhalten konnte. Die Coronapandemie macht auch nicht vor den Fußball-Stars Halt.

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2020 ist eine Ausnahmesituation, die noch lange nicht überstanden ist, und keiner weiß, wie lange sie noch andauern wird. Damals allerdings, 1974 und 2003, brauchte es keine besonderen Maßnahmen wie heutzutage etwa die Quarantäne. Nichtsdestotrotz war die Lage beim BVB mehr als prekär. Die Schwarz-Gelben standen in beiden Jahren vor dem finanziellen Ruin.

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Votava: "Für mich selbstverständlich"

Mirko Votava erinnert sich bei SPORT1, wie BVB-Präsident Heinz Günther, ein Bergwerk-Direktor, 1974 die Spieler fast schon zum Gehaltsverzicht zwang. Der Wiederaufstieg aus der zweitklassigen Regionalliga West in die Bundesliga wurde verpasst und es fehlten 1,3 Millionen Mark.

"Es war für mich selbstverständlich, um das Ganze am Laufen zu halten", erklärt Votava, der von 1974 bis 1982 für Dortmund auflief. Doch nicht bei allen lief es so reibungslos. Manche BVB-Spieler wollten nicht auf ihre Gehälter verzichten und wurden schließlich nicht mehr aufgestellt.

Günther soll damals jeden einzeln ins Zimmer gerufen und einen Gehaltsverzicht gefordert haben, ansonsten gebe es keine Vertragsverlängerung. Doch nicht jeder hörte den Schuss. In der WAZ erklärte der damalige Torwart Jürgen Rynio: "Ich wollte nicht, dass die Borussia von der Bildfläche verschwand." Er verzichtete auf 30 Prozent seines Gehalts.

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Selbst Erzrivale Schalke hilft dem BVB

Zudem griff die Stadt der Borussia unter die Arme, Unternehmen aus der Region ebenfalls, selbst der Erzrivale Schalke 04 half und kam zu einem Benefizspiel ins neugebaute Westfalenstadion. Das Schlimmste konnte vermieden werden.

Für Votava ist ein Gehaltsverzicht "bei Corona mindestens genau so selbstverständlich" wie 1974. "Es geht uns alle an, bei vielen Menschen gibt es schon Gehaltskürzungen, wieso nicht auch bei den Profis, die sogar schon freiwillig zahlen wollen. Für mich eine gesellschaftliche Verpflichtung."

Dass es auch anders geht, bewiesen die BVB-Profis am vergangenen Montag, als Geschäftsführer Watzke den Spielern den Plan für den Gehaltsverzicht vorstellte. Denn bereits am Dienstag stimmten die Spieler zu und verzichteten auf 20 Prozent, wenn die Saison 2019/20 nicht mehr angepfiffen wird, auf zehn Prozent, wenn sie mit Geisterspielen zu Ende geht.

Odonkor: "Habe die Krise voll mitbekommen"

2003 dagegen gab es vor allem viel Unverständnis und auch Diskussionen, wie David Odonkor SPORT1 erklärt: "Ich habe die Krise damals voll mitbekommen. Der Verein war einige Jahre zuvor noch an die Börse gegangen, hatte viel Geld eingenommen und Top-Spieler wie Marcio Amoroso, Jan Koller, Ewerthon oder Tomas Rosicky, die alle Top-Verdiener waren, in seinen Reihen. Deshalb haben wir uns damals schon gefragt, wieso der Verein plötzlich in so eine Schieflage geraten konnte. Das war für uns alle schwierig zu verstehen. Ich kam damals frisch aus der Jugend und hatte kaum etwas verdient. Von daher hat es mich damals nicht so sehr getroffen."

1997 gewannen die Schwarz-Gelben die Champions League. 2000 brachte der Börsengang 130 Millionen Euro ein. 2002 folgten die Meisterschaft und die Niederlage im UEFA-Pokalfinale. Es waren die fetten Jahre bei der Borussia. Und als die BVB-Spieler plötzlich kürzertreten sollten, fragten sich viele, wo das ganze Geld, die vielen Millionen waren.

2003 stand der BVB vor dem finanziellen Ruin

BVB-Legende Dede brachte es damals in der Sport Bild auf den Punkt: "Wenn meine Karriere beendet ist, finde ich als Ungelernter in Brasilien sowieso keinen anderen Job mehr. Also muss ich jetzt so viel verdienen, dass wir alle – meine Verwandten und ich – bis zu unserem Lebensende davon zehren können. Da kann ich nicht einfach zustimmen, wenn ich 20 Prozent weniger bekommen soll."

Nach zahlreichen hitzigen Diskussionen wurde den Dortmunder Spielern erst bewusst, wie prekär die Situation 2003 wirklich war. Dass die Existenz des Klubs auf dem Spiel stand. Dass der BVB vor dem finanziellen Kollaps stand und der Spielbetrieb hätte eingestellt werden müssen. Schließlich einigte man sich doch auf das Model des damaligen BVB-Managers Michael Meier, der 20 Prozent der Fixgehälter in erfolgsabhängige Prämien umwandelte.

Dortmunds Spieler verzichten in Coronakrise auf Gehalt

"Es war aber super, wie die Mannschaft dann mit der Situation umgegangen ist. Man hatte Verständnis und dem Verein in der schwierigen Lage geholfen. Jeder hatte erkannt, dass es ein Geben und Nehmen ist", erinnert sich Odonkor, der 2001/2002 als 18-Jähriger zur Dortmunder Meistermannschaft gehörte, bei SPORT1.

"Manager Meier kam damals auf uns zu und hat uns die Lage geschildert. Für uns Spieler war klar, dass wir helfen, damit der Verein weiterleben kann. Wir haben das solidarisch über die Bühne gebracht. So konnten wir den BVB retten und am Ende weiterhin vernünftig Fußballspielen."

Ein zweites Mal wurde also Schlimmstes vermieden und aufgrund der Spieler wurde der BVB erneut gerettet. Welche Konsequenzen die Coronakrise bei den Schwarz-Gelben hervorrufen wird, ist noch unklar, doch Odonkor findet den Gehaltsverzicht der heutigen BVB-Stars klasse.

"Ich finde gut, dass die Spieler auch jetzt in der Coronakrise helfen. Es sind schwere Zeiten, die wir alle durchmachen. Vor allem die Mitarbeiter im Verein", sagt Odonkor. "Der Karren fährt am Ende gegen die Wand, wenn du als Spieler nicht mitmachst. Du musst auch dein Gesicht wahren. Es ist klar, dass man in solch einer Lage hilft und Abstriche macht."

Marco Reus, Jadon Sancho und Co. gehen 2020 mit gutem Beispiel voran.