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Nach den eskalierenden Fan-Protesten am Wochenende stellt sich die Frage: Wie geht die Bundesliga damit um? Ein Ultra-Experte skizziert ein düsteres Szenario.

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Es schien ein eher gewöhnlicher Samstagnachmittag zu werden an diesem 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Der FC Bayern hatte bei 1899 Hoffenheim schnell Nägel mit Köpfen gemacht, auch die Verfolger Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach lagen auf Siegkurs. 

Als Leon Goretzka in der 62. Minute zum 6:0 der Bayern traf, schien nur noch die Höhe des Erfolges offen. Doch fünf Minuten später sollte nichts mehr sein wie zuvor. Schmähbanner im Fanblock der Bayern gegen Hoffenheims Geldgeber und Mehrheitseigner Dietmar Hopp, Spielunterbrechung, drohender Abbruch, aufgeregte Spieler und Verantwortliche der Bayern vor den eigenen Anhängern - und schließlich ein so noch nicht dagewesener Nichtangriffspakt beider Mannschaften als Zeichen der Solidarität. 

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Dieser 24. Spieltag dürfte als Zäsur in die Geschichte der Bundesliga eingehen. Klubübergreifend ist der deutsche Profifußball von Fan-Chaoten in den Würgegriff genommen worden – und muss nun zeigen, ob und wie er sich ihm entwinden kann.

Rummenigge gibt Richtung vor

Unmittelbar nach dem Geschehen in Hoffenheim legte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Marschroute im Umgang mit den Ultras – zumindest für den Rekordmeister – fest. 

"Wir werden mit aller Entschiedenheit und mit allen Möglichkeiten, die es gibt, gegen diese Leute, die wir dingfest machen können, juristisch vorgehen", sagte Rummenigge und fügte hinzu: "Jeder Einzelne, der gefilmt worden ist und sich als Täter geoutet hat, ist beim FC Bayern nicht mehr erwünscht und wird kein Spiel mehr von uns sehen."

Rummenigge versprach: "Ich werde mich nicht mehr wegducken. Auch auf die Gefahr hin, dass ich irgendwann mal mit Leibwächtern durch die Gegend laufe." Zugleich forderte er die anderen Klubs auf, "Flagge zu zeigen. Es muss Schluss sein damit. Wir müssen mutig dagegen vorgehen und uns nicht nur wegducken."

Bei den Bayern wird sich eine Arbeitsgruppe am Montag mit den Vorkommnissen beschäftigen. Der Ausschluss einer kompletten Gruppierung wie der Ultra-Gruppe Schickeria gilt aber als ausgeschlossen. Zumal die Schickeria kein offizieller Fanclub der Bayern ist. Zudem fiel die Gruppe auch schon positiv auf, etwa durch positive Aktionen gegen Antisemitismus und Rassismus.

Bayern als Vorreiter 

Die SPORT1-Experten Stefan Effenberg und Mario Basler sehen die Bayern nun als "Vorreiter" beim rigorosen Durchgreifen gegen Ultras. Zugleich forderte Basler im CHECK24 Doppelpass schärfere Einlasskontrollen, damit verunglimpfende Banner künftig nicht mehr so leicht in die Stadien gelangen können. Es ist schon verwunderlich, dass die Fans ihre Banner - selbst noch am Sonntag beim Spiel zwischen Union Berlin gegen den VfL Wolfsburg – an den Ordnern vorbei schleusen konnten, obwohl im Vorfeld Kenntnis über eine geplante übergreifende Aktion bestand. 

Unterdessen dürften sich die Verantwortlichen der Klubs einig sein, gegen Fans bei ähnlichen Vorkommnissen wie an diesem Wochenende künftig schärfer vorzugehen. Konsens besteht ebenso in dem Punkt, dass auch strafrechtliche Mittel konsequent ausgeschöpft werden.

Bruchhagen warnt vor Spielabbrüchen 

Die heikle Frage ist: Wie reagieren die Mannschaften und auch Schiedsrichter in Zukunft in entsprechenden Situationen. 

Schalke 04 hat seit Sonntag eine klare Meinung dazu. In einer schriftlichen Mitteilung des Vorstands auf der Klubwebsite hieß es, dass die Mannschaft bei Schmähplakaten, diffamierenden Äußerungen und persönlichen Beleidigungen das Feld in der heimischen Arena "ungeachtet der Spieldauer, des Resultats oder etwaiger Konsequenzen" verlassen wird. Pikant: Nach dem Pokal-Viertelfinale am Dienstag gegen die Bayern trifft Schalke in der Liga am Samstag auf Hoffenheim.

Ähnlich wie die Schalker sieht es Christian Streich. "Wenn es so weiter geht, stehe ich zu 100 Prozent dahinter, dass einfach ein Spiel beendet wird und man geht nach Hause", sagte Freiburgs Trainer.

Der frühere Top-Manager Heribert Bruchhagen warnte indes eindringlich vor diesen Schritten. "Das kann keine Lösung sein", sagte Bruchhagen im CHECK24 Doppelpass. Nicht nur Bruchhagen sieht einer möglichen Wettbewerbsverzerrung und Spielmanipulationen Tür und Tor geöffnet. Zum Beispiel dass Fans einer im Rückstand liegenden Mannschaft einen Spielabbruch durch Schmähplakate künftig provozieren.

Ultra-Experte: "Zwei Züge, die aufeinander zurasen"

Der freie Journalist Christoph Ruf, der sich als Buchautor eingehend mit der Ultra-Szene beschäftigt, sieht aktuell keinen schnellen Ausweg aus der Misere. "So wie ich die Verbände in den letzten Jahren erlebt habe, können sie eigentlich nicht zurückrudern. Ohne Gesichts-Verlust ist das natürlich nicht möglich. Das bedeutet, dass sie jedes Mal, wenn es zu Schmähungen kommt, das Spiel unterbrechen werden", sagte Ruf im Gespräch mit SPORT1.

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Auf der anderen Seite glaubt Ruf, dass die Ultras, die mit ihrer Aktion am Wochenende gegen Kollektivstrafen – konkret gegen eine Verbannung von BVB-Fans bei zwei Auswärtsspielen in Hoffenheim – protestierten, "jetzt auch nicht aufhören werden."

Ruf zeichnet eher ein Schreckensszenario: "Wir haben da jetzt quasi zwei Züge, die aufeinander zurasen. Das wird richtig unerfreulich an den nächsten Spieltagen."