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Bei Werder Bremen geht es nur noch um den Klassenerhalt. Tobias Holtkamp erörtert die Gründe und skizziert die Auswirkungen, die die sportliche Talfahrt mit sich bringt.

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Hallo Bundesliga-Freunde,

da gibt es wohl kaum noch zwei Meinungen: Wenn Werder Bremen so weiterspielt wie bisher in dieser Saison, und man findet ehrlich gesagt nicht mehr so viele Gründe, in der Hinsicht an einen Umschwung zu glauben, dann verlassen sie am 16. Mai, irgendwann um 17.20 Uhr, ziemlich zurecht die Bundesliga, nach 39 Jahren ununterbrochener Zugehörigkeit.

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Was die Grün-Weißen, trotz eines vermeintlich gut besetzten Kaders, in der laufenden Spielzeit bieten, ist nicht ausreichend für die höchste deutsche Leistungsklasse, keine andere Mannschaft hat auf Strecke so wenig geboten, erst recht im Verhältnis zu den bestehenden Möglichkeiten, wie die Bremer.

Bremen hat den Abstiegskampf noch nicht verstanden

Es ist augenscheinlich, dass Werder Bremen knietief im typischen Wir-doch-nicht-Sumpf stecken, der schon andere Vereine zunächst langsam, dann aber tief nach unten gezogen hat. Ausgangspunkt oft: Eine aufwendig zusammengestellte Mannschaft, die vorbereitet und ausgerichtet wurde auf eine große, erfolgreiche Saison.

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Das Werder-Ziel war klar, Rückkehr nach Europa. Die Stimmung war gut, die Euphorie entfacht. Und die Mittel waren mutig bereitgestellt, Werder hat im Sommer investiert, in Spieler wie Niclas Füllkrug, Leonardo Bittencourt, Ömer Toprak oder Marco Friedl - obwohl kein Euro Transfereinnahmen erwirtschaftet wurde. Max Kruse hatte den Verein ablösefrei verlassen.

Kohfeldt verzweifelt an seinen Spielern

Die Bremer Spieler wirken mittlerweile wie erstarrt, wenn die Bundesliga-Spiele laufen. Die Aussicht, im Grunde nichts mehr gewinnen zu können, sondern nun unbedingt den größten Unfall der Vereinsgeschichte verhindern zu müssen, überfordert sie.

Trainer Florian Kohfeldt, so heißt es im Umfeld, sei oft vor allem fassungslos, wie wenig vom Besprochenen die Spieler in der Lage sind abzurufen. Er fahre ein Großteil der Anforderungen daher mittlerweile beinahe auf ein Mindestmaß zurück. 

Werder ist zurückgeschrumpft

Egal, wie es ausgeht: Werder Bremen hat schon jetzt viel verloren. Von Zielen wie Europa wird kaum ein Offizieller mehr sprechen in nächster Zeit. Eine Vision, gerade für potenzielle Partner oder spannende Neuverpflichtungen, können sie im Moment nicht bieten.

Der Verein ist zurückgeschrumpft auf das Maß der sympathischen Liga-Kleinen aus dem unteren Drittel. Eigentlich Abstiegskandidat, mit Glück und guten Entscheidungen mal Neunter oder Zehnter.

Für Bremen wird es Aufgabe genug, zukünftig mit Freiburg, Mainz und Augsburg zu konkurrieren. Den Ruf des interessanten Sprungbrett-Vereins haben sich andere verdient, Werders sportliche Alleinstellungsmerkmale sind nur noch schwer zu finden.

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Abstieg ein realistisches Szenario

Im Verein selbst gilt ein Abstieg seit der verdienten Heimniederlage gegen Union Berlin (0:2), der fünften in Folge, als realistisches Szenario - und wird, mit den drohenden Konsequenzen zum Beispiel in den Bereichen Budget oder Personal, relativ offen besprochen. Nur wenige sind noch voll optimistisch, dass die Mannschaft den Turnaround hinbekommt, zu viele Möglichkeiten blieben ungenutzt, zu oft folgte der großen Hoffnung vor dem Spiel, gerade gegen direkte Konkurrenten, pure Enttäuschung nach dem Spiel.

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So sportlich gerecht einer der untersten beiden Tabellenplätze im Mai vielleicht wäre: die Bundesliga hätte an einem Bremer Abstieg keine große Freude. Werder würde der Klasse fehlen, aktuell womöglich mehr denn je.

In Zeiten stetig zunehmender Fremdfinanzierungen, externer Investoren und lauter werdender Debatten über schwindende Chancengleichheit sind die Gegenbeispiele rar geworden. Bremen ist ein klassischer Traditionsverein, ein Gründungsmitglied der Bundesliga, das soziale Themen, gesellschaftliche Verantwortung und Gerechtigkeit lebt, glaubwürdig und auch abseits des Platzes. Eine Farbe, die im Fußballgeschäft immer blasser wird.

Allein: den Klassenerhalt sichern nach wie vor sportliche Werte. Zwölf Spiele bleiben den Bremern noch, ihren Super-GAU zu verhindern. Die Chancen stehen nicht gut.

Tobias Holtkamp, der Autor dieses Textes, war in der Chefredaktion von Sport Bild und Chefredakteur von transfermarkt.de. Heute berät er Sportler und Marken in ihrer inhaltlichen und strategischen Ausrichtung. Für SPORT1 schreibt Holtkamp als Chef-Kolumnist die wöchentliche "Bundesliga-Kolumne".