Der Schuh, der das erste Bundesliga-Tor erzielte, steht vergoldet im Deutschen Fußball-Museum
Der Schuh, der das erste Bundesliga-Tor erzielte, steht vergoldet im Deutschen Fußball-Museum © Getty Images
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München - Timo Konietzka erzielte das erste Tor der Bundesliga-Geschichte im Spiel Werder Bremen gegen Borussia Dortmund. So viel ist sicher. Vieles bleibt jedoch bis heute unklar.

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In der Geschichte der Bundesliga sind bis vor dem 23. Spieltag 52866 Tore gefallen.

Kein Mensch kann sich an alle erinnern, selbst wenn er alt genug wäre. Nur die bedeutendsten, schönsten und kuriosesten verbleiben über den Tag im kollektiven Gedächtnis.

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Wenn sich aber nun jemand die Mühe machte, alle vorliegenden Bildmaterialien seit dem Ligastart am 24. August 1963 zu sichten, so könnte auch er nicht ehrlichen Gewissens sagen: Ich habe sie alle gesehen.

Denn gleich das erste Tor ist auf alle Zeit verschollen und bleibt ein ewiges Rätsel. Es fiel im Bremer Weser-Stadion bei der Partie des SV Werder gegen Borussia Dortmund, die am Samstag ihre 104. Auflage in der Bundesliga erleben wird (Bundesliga: Werder Bremen - Borussia Dortmund ab 15.30 Uhr im LIVETICKER).

Auch danach wird es sicher wieder Fragen geben und vielleicht so manches fachliche Rätsel, aber sicher nicht diese: Wann und wie fiel das 1:0 und wie hieß eigentlich der Torschütze?

Was heute undenkbar ist, war vor 57 Jahren Ausdruck der damaligen Medienwelt und des Stellenwerts des Fußballs. Es regte sich auch niemand groß darüber auf. Die im Juli 1962 gegründete Bundesliga unterstand noch dem DFB und hatte fast 40 Jahre keinen eigenen Interessenverband wie heute (die DFL) und so konnte es noch passieren, dass es zum Start im August 1963 nicht mal einen Fernsehvertrag gab.

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ZDF überträgt erst ab 50. Minute

Der wurde erst 1965 abgeschlossen, vorher konnten die Sender kommen und zeigen, was sie wollten. Geld floss nicht. Nach Auskunft des Deutschen Fußballarchivs in Köln, wo die DFL-Tochter Sportcast alle verfügbaren Spielberichte zentral aufbewahrt, standen am 1. Spieltag 1963 in sechs von acht Stadien Kameras.

Auch in Bremen, wo schließlich der Deutsche Meister spielte. Doch von dieser Partie gab es erst ab der zweiten Halbzeit Bilder im Aktuellen Sportstudio, das mit Gründung der Bundesliga vom ZDF ins Leben gerufen wurde. Die ARD-Sportschau am Samstag gab es zwar schon länger, sie zeigte aber erstmals am 3. April 1965 Bundesligaberichte am Spieltag.

Immerhin hatten der DFB und die beiden einzigen TV-Sender vereinbart, dass 24 Spiele - jeder zwölf - gezeigt werden durften. Am späten Abend. Aber welche, das stand nicht in den TV-Zeitschriften, um niemanden vom Stadionbesuch abzuhalten. Vom Spiel in Bremen sendete das ZDF (ab 21.20 Uhr) eine ungekürzte Aufzeichnung, die mit der 50. Minute begann.

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Das erste Tor der Bundesliga fiel aber schon in der allerersten Minute und kam nie im Fernsehen. Doch wo waren die Fotografen, als Borussia Dortmund vom Anstoß weg das Bremer Tor attackierte?

Eine gute Frage, deren Beantwortung nicht wirklich überzeugt. Als kicker-Redakteur Karl-Heinz Heimann am Sonntag danach feststellte, dass es vom ersten Tor gar kein Bild gab, begann er verzweifelt zu telefonieren. Verbürgt ist folgendes Telefonat zwischen ihm und dem Bremer Fotografen Pilzecker: "Warum haben Sie kein Bild vom 0:1 durch Konietzka geschickt?" Antwort: "Habe keines, ich saß hinterm Dortmunder Tor!" Heimann: "Kennen Sie einen Kollegen, der hinterm andern Tor war?" Pilzecker: "Da hat überhaupt niemand gearbeitet."

Das muss uns heute sehr verwundern. Warum rechnete kein Fotograf damit, dass der Deutsche Meister in Bremen kein Tor schießen würde? Außerdem gibt es ja Fotos von der Flanke Lothar Emmerichs auf Friedhelm Konietzka und es gibt das schon ikonenhafte Jubelfoto, als Emmerich mit ausgebreiteten Armen dem dpa-Fotografen Tell wohl fast in die Arme gelaufen ist. Das Bild ist offenkundig von der Seitenlinie geschossen worden. 1963 hat es keiner gedruckt, es fand sich erst zehn Jahre später in einer Fotokiste von Konietzkas Schwiegermutter in München.

Konietzka trifft Sekunden nach dem Anpfiff

Denn auch 1973, anlässlich des Bundesliga-Jubiläums, ging der kicker wieder auf die Suche nach einem Foto vom ersten Tor. Vorher hatte das schon Konietzka getan und einiges an Geld geboten für den historischen Schnappschuss, den es nie gab. So aber kam er an das Dokument vom ersten Torjubel – immerhin.

Dass kein Fotograf hinter dem Tor saß und ablichten konnte, wie Konietzka eindrückte, dafür gibt es eine nachvollziehbare Erklärung. Während in den sieben anderen Stadien pünktlich um 17 Uhr angepfiffen wurde - die klassische Anstoßzeit 15.30 Uhr wurde erst 1968 eingeführt - erfolgte der Anstoß im Weser-Stadion zwei Minuten früher. Auch das war damals noch möglich. Es ging los, wenn der Schiedsrichter es wollte und nicht, wenn die Werbung fertig war. Das WM-Finale von Bern begann 1954 sogar sieben Minuten zu früh.

So eilig hatte es Schiedsrichter Alfred Ott dann doch nicht, aber dem kleinen Vorsprung von zwei Minuten verdankt Konietzka das Glück, erster Bundesliga-Torschütze gewesen zu sein. Wann genau aber traf er?

Der damalige Bild-Redakteur Jürgen Eilers saß auf der Tribüne und beteuerte noch 50 Jahre später, es wäre nach 51 Sekunden gefallen, "das habe ich mit der Uhr gestoppt." Andere Angaben sprechen von 35 oder 58 Sekunden, Konietzka selbst schwankte zwischen 30 und 35 Sekunden.

Da er aber keine Uhr auf dem Platz tragen durfte - das hat sich nicht geändert - darf das als optimistische Schätzung abgetan werden. Finden wir uns also damit ab, dass sich weder ein Bild finden noch der genaue Zeitpunkt ermitteln lässt. Aber wie fiel es denn nun eigentlich, das Premierentor?

Vorlage von Emmerich oder Brungs?

Wer sich auf die Presse von damals verlässt, ist verlassen. Bild schrieb nur blumig: "Timos Tor war nicht gerade eine Pflaume zu nennen." Trotzdem kommen wir hier nicht an der Feststellung vorbei, dass die ersten Pflaumen madig sind. Der sonst so akribische kicker schilderte den Treffer überhaupt nicht, nahm nur Konietzka als Schützen in der Statistik auf. Immerhin.

Das 1968 mit ihm fusionierende Sportmagazin schrieb: "Gleich nach dem Anstoß wanderte der Ball in Borussias Reihen nach draußen zu Wosab, dann zu Brungs und Konietzka und in der 1. Minute hieß es schon 1:0 für Borussia."

Drei Namen, aber kein Emmerich, der doch so schön in die Kamera jubelt. Doch Jürgen Eilers bezeugt, dass die flache Hereingabe von Emmerich kam und - viel wichtiger noch - Konietzka beschwor es bis zu seinem Freitod 2012 auch.

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O-Ton Konietzka: "Aki Schmidt spielte den Ball zu Franz Brungs, der spielte raus auf Linksaußen zu Lothar Emmerich, der lief zur Torlinie und flankte. Ich brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten, und der Ball war drin, nur 35 Sekunden nach dem Anpfiff! Gut, es gibt schönere Tore. Ein Hammer aus 30 Metern wäre mir auch lieber gewesen. Aber drin ist drin, sage ich."

Wenn auch der letzte Beweis fehlt, sprechen die Indizien hier stark für Linksaußen "Emma". Nachteilig an der Version ist allerdings, dass Aki Schmidt gar nicht spielte…

Friedhelm Konietzka erzielt erstes Bundesliga-Tor

Und wie hieß nun eigentlich der Torschütze? Konietzka natürlich, das war stets unumstritten. Aber sein Vorname war es nicht. Getauft wurde er anno 1938 als Friedhelm, war aber für alle nur der "Timo", seit er sich eine Bürstenfrisur zulegte, die dem sowjetischen General Timoschenko (1895-1970) ähnelte. Offiziell ließ er seinen Vornamen erst 1985 in Timo ändern.

Das erste Bundesligator schoss er also noch als Friedhelm Konietzka, auch wenn ihn keiner mehr so nannte. Sein zweites fiel übrigens ebenfalls an diesem Tag in Bremen, in der letzten Minute. Er eröffnete und beendete also den Torreigen im Weser-Stadion. Genutzt aber hat es nichts, denn der BVB verlor mit 2:3.

Erst in der Rückschau gewann sein Tor an Wert, so wie die ganze Bundesliga. Bei jedem Jubiläum kam das Interesse an dem rätselhaften Tor wieder auf, 2003 haben es die Beteiligten sogar im Weser-Stadion nachgestellt und Eisenfuß Lorenz gab Konietzka so wie damals noch mal einen mit.

Den Schuh, mit dem er traf, hat er sich später vergolden lassen. "Dieses Tor hat mein Leben geprägt. Ich habe in meiner Karriere viele schönere Tore geschossen, aber dieses in Bremen hat mir am meisten genutzt", sagte Konietzka, als er längst am Vierwaldstätter See lebte und erfuhr, dass es ihn unvergessen machte.