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München - Jürgen Klinsmann kündigt als Hertha-Cheftrainer und kehrt in den Aufsichtsrat zurück. Wer wird neuer Hertha-Trainer? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Jürgen Klinsmann ist bei Hertha BSC Geschichte. Der völlig überraschende Rücktritt am Dienstagmorgen sorgte nicht nur in Berlin für ein echtes Beben.

Der frühere Bundestrainer zieht sich mit sofortiger Wirkung in den Aufsichtsrat zurück, das Traineramt übernimmt vorerst Co-Trainer Alexander Nouri.

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SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen und Antworten zum Hertha-Hammer:

Warum ist Klinsmann als Hertha-Trainer zurückgetreten?

Offenbar kam es zum Bruch mit dem Berliner Führungspersonal, etwa mit Manager Michael Preetz. Klinsmann bemängelte in seinem Rücktritts-Statement auf Facebook mangelndes Vertrauen der handelnden Personen. Klinsmann fühlte sich bei den Gesprächen über eine Vertragsverlängerung hingehalten, seine Zukunft über den Sommer hinaus war unklar.

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Nach SPORT1-Informationen beanspruchte er für die Zukunft sämtliche Kompetenzen im sportlichen Bereich und eine sehr ordentliche Bezahlung. Dies akzeptierte Hertha nicht, Klinsmann warf darauf beleidigt hin und begründete den Rücktritt mit mangelndem Vertrauen der handelnden Personen.

Im Gespräch mit der Bild meinte Klinsmann: "Es gab einfach verschiedene Denkweisen und vor allem verschiedene Kulturen. Und verschiedene Arten der Herangehensweise." Insgesamt habe er "ein Himmelfahrtskommando übernommen und habe nur in einem Spiel schlechter abgeschnitten als gehofft".

Kann Klinsmann Preetz entlassen?

Klinsmann zieht sich in den Aufsichtsrat zurück, in den er Anfang November auf Betreiben des neuen Investors Lars Windhorst eingetreten war. Dort dürfte er sich vorerst rar machen.

Es wird aber spannend zu beobachten sein, wie der Geldgeber auf den Rückzug seines Vertrauten reagiert und welche möglichen Folgen der Schritt für die Arbeit von Manager Preetz haben wird. In seiner künftigen Rolle wird Klinsmann nämlich genau diese überwachen. Konflikte scheinen programmiert.

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Als eines von neun Aufsichtsratsmitgliedern der ausgegliederten KGaA (Kommanditgesellschaft auf Aktien) kann Klinsmann einen Geschäftsführer, wie es Preetz ist, jedoch nicht entlassen - auch, wenn eine Mehrheit gegen ihn wäre. Vier der neun Aufsichtsratsplätze werden von Vertrauten Windhorsts gestellt, darunter auch der von Klinsmann.

Das Gremium hat eher bürokratische Aufgaben und kümmert sich nicht um das Tagesgeschäft wie aktuelle Transfers oder Trainerentlassungen.

Kam der Rücktritt überraschend?

Ja! Klinsmann sprach noch am späten Montagnachmittag in einem Live-Chat mit Fans, sagte dabei, dass man in den zehn Wochen seiner Amtszeit "viel bewegt" habe und "auf dem richtigen Weg" sei. Nichts deutete auf einen Rücktritt hin, auch die Vereinsführung sah offenbar keine Anzeichen dafür. "Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden", teilte Preetz am Dienstag mit. 

Klinsmann soll laut Bild zunächst seinen Trainerstab und die Betreuer informiert haben, danach die Spieler und zuletzt Manager Preetz und über seinen Facebook-Account auch die Öffentlichkeit.

Investor Windhorst erfuhr schon am Montag von der Entscheidung, informierte aber die Verantwortlichen nicht. "Ich bedauere diesen Schritt von Jürgen Klinsmann sehr", erklärte der Unternehmer der Bild.

Wer folgt auf Klinsmann?

Zunächst wird der bisherige Co-Trainer Alexander Nouri mit dem aktuellen Trainerteam um Markus Feldhoff das Training übernehmen. Ob der Klinsmann-Vertraute eine langfristige Option ist, bleibt abzuwarten. Nach SPORT1-Informationen soll das Duo Nouri/Feldhoff aber zunächst eine Chance bekommen.

"Das sind beides erfahrene Trainer. Wir sind in einer schweren Situation und es zählen nur die Punkte, alles andere ist scheißegal", sagte Per Skjelbred nach dem Dienstagstraining, als Nouri mit den Hertha-Profis einen Kreis bildete und ihnen die neue Situation erklärte. Laut dem Norweger habe das Gespräch mit Klinsmann nur zehn Minuten gedauert.

Der gebürtige Berliner und ehemalige Bayern-Coach Niko Kovac steht nach SID-Informationen nicht zur Verfügung. Bruno Labbadia und Roger Schmidt gelten bei den Wettanbietern als Favoriten.

Nach SPORT1-Informationen gibt es zwischen Labbadia und der Hertha (noch) keinen Kontakt, Schmidt möchte erst im Sommer wieder einen Klub übernehmen.

Was bleibt von Klinsmann?

Chaos. Klinsmann trat als Reformer auf, er propagierte offensiv Windhorsts Vision vom "Big City Club", der mittelfristig um Titel spielen will. Dafür stellte er bei Hertha vieles auf den Kopf.

Altgediente Spieler wie Salomon Kalou oder Kapitän Vedad Ibisevic spielten plötzlich keine Rolle, andere traten die Flucht an. Dafür investierte Klinsmann im Winter knapp 80 Millionen Euro in neue Spieler. In der Mannschaft sorgte das augenscheinlich für Unruhe und Unmut. 

Stürmerhoffnung Matheus Cunha schoss Brasiliens U23 zu Olympia und wird den Mann, der ihn nach Berlin holte, an seinem ersten Tag beim neuen Arbeitgeber am Mittwoch nicht antreffen. Ähnliches gilt für Sommer-Neuzugang Lucas Tousart, der hauptsächlich wegen Klinsmanns Visionen Olympique Lyon für 25 Millionen Euro den Rücken kehrt.

Ein Klinsmann-Gegner ist jetzt wieder zurück bei der Hertha: Torwart-Trainer Zsolt Petry, der kurz nach Klinsmanns Amtsantritt durch Andreas Köpke ersetzt worden war, kehrt von der U17 der Berliner zurück und betreut ab sofort wieder die Keeper der ersten Mannschaft, wie der Verein am Mittwoch mitteilte.

Petry hatte dem früheren Berliner Talent Jonathan Klinsmann (jetzt FC St. Gallen) in der Vergangenheit fehlende Einstellung vorgeworfen.

Wie fällt Klinsmanns sportliche Bilanz aus? 

Das Intermezzo auf der Berliner Bank dauerte nur 76 Tage. In neun Ligaspielen holte die Hertha unter seiner Leitung zwölf Punkte, im DFB-Pokal endete der Traum vom Finale im eigenen Stadion im Achtelfinale trotz 2:0-Führung gegen Schalke 04 (2:3 n.V.).

Klinsmann gelang es, das unter seinem Vorgänger Ante Covic verunsicherte Team defensiv zu stabilisieren. Offensiv machte Hertha unter dem einstigen Weltklassestürmer aber keinerlei Fortschritte, stattdessen spielte Hertha BSC unansehnlichen Mauer-Fußball. Nicht erst nach dem 1:3 am Wochenende gegen Mainz 05 hagelte es Kritik.

Nur ein Tor in den letzten vier Heimspielen konterkarierte die Vision vom attraktiven Hauptstadt-Klub.

Was wird aus Manager Michael Preetz?

Preetz darf sich zunächst als Sieger fühlen. Dass es mit den beiden Protagonisten auf Dauer nicht gutgehen würde, war zu befürchten. Schon die Installation des früheren Bundestrainers war Preetz und Präsident Werner Gegenbauer ein Dorn im Auge, der frühere Stürmer sieht Hertha als Ausbildungsklub und vertritt den Klub-Slogan: "Die Zukunft gehört dir."

Wahrscheinlich wird der langjährige Manager darum bemüht sein, in nächster Zeit Ruhe in den Verein zu bringen. Vollmundige Ankündigungen vom "Big City Club" und vom Einzug in die Champions League wird es von Herthas sportlicher Leitung zunächst wohl nicht mehr geben.