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Leipzig hat die Form der Hinrunde konserviert. Unter Trainer Nagelsmann nähert sich RB dem Spielstil von Liverpool. Der Meistertitel scheint nicht unmöglich.

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Als die Bayern, Gladbach und der BVB am Samstagabend um halb acht den Zwischenstand aus Leipzig erfuhren, dürften die Verfolger des Spitzenreiter hellhörig geworden sein.

0:1 waren die Sachsen zu diesem Zeitpunkt gegen Union Berlin hinten - lag da gleich zum Auftakt der Rückrunde ein Leipziger Patzer in der Luft?

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45 Minuten und drei RB-Tore später ließ sich diese Frage mit einem klaren "Nein" beantworten. Die Schwächephase dauerte genau eine Halbzeit, übrigens wie schon im letzten Vorrundenspiel gegen Augsburg.

DFB-Pokal-Achtelfinale Eintracht Frankfurt  - RB leipzig am 4. Februar ab 18.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1

"Ich sollte mich mal fragen, ob ich die Halbzeitansprache vor das Spiel lege", schmunzelte RB-Cheftrainer Julian Nagelsmann im ZDF, nachdem seine Elf den FCA und Union in der zweiten Hälfte klar dominierte.

RB als Spezialist in Aufholjagden 

Die Quintessenz nach dem 18 Spieltag lautet: Die Meisterschaft dürfte in dieser Saison nur über Leipzig gehen. Erlebt RB in der Rückrunde keinen Einbruch (wie etwa der BVB in der Vorsaison), wird es für die Verfolger im Kampf um die Schale schwer. (Service: Bundesliga-Tabelle)

Dass die Nagelsmann-Elf in der Lage ist, einen Rückstand zu drehen, ist einer ihrer größten Trümpfe. In der laufenden Bundesligasaison holte man schon zwölf Punkte nach Rückstand - mehr als alle anderen Teams.

Hinzu kommt eine neue Komponente im RB-Repertoire, die der neue Chefcoach seinem Team erfolgreich implementiert hat: das Spiel mit dem Ball.

"Das sieht schon gut aus, denn Leipzig schießt sehr viele Tore", sagt der frühere Mainz-Verteidiger Guido Schäfer bei SPORT1. Der 55-Jährige arbeitet als Chefreporter der Leipziger Volkszeitung und ist Experte bei RB Leipzig. "Timo Werner kommt dadurch in ganz andere Situationen und hat viel mehr vorbereitende Handlungen und Abschlussmöglichkeiten."

Dabei wagt Schäfer sogar einen Vergleich mit dem FC Liverpool, aktueller Dominator der Premier League. "Die Idee, dass man möglichst schnell den Ball haben möchte, ist bei Jürgen Klopp genauso ausgeprägt wie bei Julian Nagelsmann. Und beide sind auch fähig, gegen tiefstehende Gegner etwas mit dem Ball anzufangen."

Schäfer: "Nagelsmann ist ein Bessermacher"

Tief in der Leipzig-DNA steckt aber auch noch das Umschaltspiel, das den Klub jahrelang auszeichnete. In der aktuellen Spielzeit erzielte RB sechs Tore nach Kontern, was alleiniger Höchstwert in der Liga bedeutet. Auch in diesem Punkt fühlt man sich an die Reds erinnert, hat die Klopp-Elf doch mit fünf Kontertoren eine ähnliche Ausbeute aufzuweisen.

Nach einem halben Jahr auf der RB-Trainerbank hat Schäfer sein Urteil über den RB-Coach gefällt: "Man muss schon sagen, dass Nagelsmann ein Bessermacher ist."

Tatsächlich sind die Leipziger - wie der FC Liverpool auch - in Sachen Torgefährlichkeit schon fast auf Rekordkurs unterwegs. Mehr als die 51 Treffer nach 18 Ligaspielen hatte zuletzt Werder Bremen 1985/86 auf dem Konto (53). In den letzten neun Partien traf RB immer mindestens drei Mal und löste damit den bisherigen Rekordhalter FC Bayern ab.

Der Sturm und Drang lässt sich auch aus den Aktionen auf dem Rasen ablesen: In acht der vergangenen zehn Ligaspiele sprinteten die RB-Spieler mehr als der Gegner (231:222 gegen Union). Übrigens gibt es auch in diesem Bereich Parallelen zum FC Liverpool, das beim 2:0 gegen Manchester United am Sonntag ebenfalls deutlich sprintstärker als der Gegner war (114:99, aufgrund unterschiedlicher Definitionen in BL und PL sind die Zahlen nicht eins zu eins vergleichbar).

Sowohl Nagelsmann als auch Klopp spielen üblicherweise mit drei Zentrumsspielern im Mittelfeld und offensiv ausgerichteten Außenverteidigern. So war Nordi Mukiele gegen Union auf der rechten Seite an vier Schüssen direkt beteiligt, während sein Liverpooler Pendant Trent Alexander-Arnold sogar die zweitmeisten Torvorlagen in dieser Premier-League-Saison sammelte (9).

Nagelsmann auf Klopps Spuren - aber BVB als mahnendes Beispiel

Der derzeitige Vier-Punkte-Vorsprung auf die Bayern ist statistisch schon beinahe eine Meister-Garantie - wäre da nicht der letztjährige Einbruch des BVB als mahnendes Beispiel. Seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995/96 reichte nur in der Vorsaison so ein großer Vorsprung nach 18 Spielen am Ende nicht für den Titel.

Wohl wissend, dass der Rekordmeister aus München die nächste Aufholjagd plant, will Nagelsmann von einer offensiv ausgesprochenen Zielvorgabe derzeit nichts wissen. Erst bei einem (noch) größeren Vorsprung auf die Verfolger werde er ins Grübeln kommen. "Wenn wir noch eine interessantere Tabellensituation haben, dann kann es sein, dass wir mal davon sprechen", sagt der Coach.

Die derzeitige Leichtigkeit, die dem BVB in der Vorsaison nach der Winterpause flöten ging, soll möglichst lange bewahrt werden. "Wir haben einige Typen wie Mukiele oder Nkunku in der Mannschaft, die machen sich nicht allzu viele Gedanken darüber, ob wir Erster oder Dritter sind", verrät Nagelsmann. "Die wollen halt gewinnen. Das sollten wir einfach auch so machen."

Spiel in München "der Knackpunkt"

Und noch etwas macht dem Coach Hoffnung: Im Vergleich mit den Bayern hatten die Sachsen bislang das bessere Nervenkostüm: So verspielten die Münchner schon satte neun Zähler nach eigenen Führungen (unter anderem beim 1:1 in Leipzig), während RB diesbezüglich nur zwei Punkte abgab.

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Wenn am 9. Februar das Rückspiel in der Allianz Arena ansteht, könnte bereits eine Vorentscheidung im Titelkampf fallen - das weiß auch Thomas Müller. "Das Spiel gegen Leipzig wird ein Knackpunkt", sagt der Bayern-Stürmer. "Gewinnen wir da, sind wir voll im Geschäft. Falls das Szenario eintreten sollte, dass wir verlieren, wird es natürlich schwierig."

Vielleicht kommt dann auch wieder ein weiterer Vorteil der "Nagelsmänner" zum Tragen: Sie punkten auch, wenn sie unterlegen sind (wie beim 3:3 in Dortmund und 1:1 gegen Bayern).

So oder so: Nagelsmann glaubt, dass sein Team noch zulegen muss, wenn es nach sieben Meisterschaften der Bayern einen neuen Titelträger geben soll: "Um Meister zu werden, müssen wir mehr als die 37 Punkte aus der Hinrunde holen." Zuzutrauen ist Leipzig das - nicht zuletzt, weil ein Fußballspiel zwei Halbzeiten hat.