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München - Auch beim FC Bayern haftet Hansi Flick lange das Etikett des zurückhaltenden Trainers an. Doch die Demut ist gewichen - und Flick emanzipiert sich von den Bossen.

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So schnell können sich öffentliche Wahrnehmung und das Erscheinungsbild von Menschen manchmal verändern: Hansi Flick galt bisher als ein Charakter, der sich nicht unbedingt in den Vordergrund drängte.

Ein stiller und zurückhaltender Typ vielmehr – was die fachliche Wertschätzung seiner Person und Arbeit als Fußballlehrer nie infrage stellte.

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Aber dennoch: Was Wesen und Auftreten anging, haftete dem Trainer des FC Bayern bis vor kurzem noch das Etikett an, lieber im Schatten als im Rampenlicht agieren zu wollen. Selbst mit dem hierzulande wohl bedeutsamsten Trainer-Job ausgestattet, flogen Flick und sein Wirkungsgrad zunächst noch immer ein Stück unter dem Radar.

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Der Nachfolger des entlassenen Niko Kovac, mehr oder weniger automatisch in die Bresche gerutscht denn gesprungen, fiel vor allem dadurch auf, seine unlängst noch darniederliegende Mannschaft intern wieder aufzubauen und starkzureden. Markige Aussagen nach außen suchte man vergeblich.

Flick schließt Rückkehr als Co-Trainer aus

Im Gegenteil: Wochenlang gab Flick als loyaler Interimsangestellter weiterhin den Leisetreter. "Ich habe immer gesagt, dass ich einer bin, der nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft lebt, sondern jetzt hier", erklärte er mehr als einmal und lächelte Nachfragen zu seiner Zukunft bescheiden weg.

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Doch seitdem die Bayern dem einstigen Assistenten von Joachim Löw bei der Nationalmannschaft und späteren DFB-Sportdirektor die Garantie auf Weiterbeschäftigung über Weihnachten hinweg bis zum Saisonende gaben, ist Flicks Wandlung unverkennbar.

Zum Jahreswechsel schloss er eine Rückkehr auf seinen vorherigen Co-Trainer-Posten beim Rekordmeister erstmals kategorisch aus.

Langfristig Bayern-Trainer zu bleiben, ist nach SPORT1-Informationen dagegen mehr denn je Flicks großer Traum – und bei dessen Verwirklichung schreckt er auch nicht mehr vor öffentlichen Forderungen zurück.

Effenberg versteht Konfrontation mit Salihamidzic

Mehr noch: Der Trainer nimmt dabei auch die direkte Konfrontation mit seinen Vorgesetzten in Kauf. Unmittelbar vor der Abreise aus dem Trainingslager in Katar verlangte Flick in einem Interview der Süddeutschen Zeitung mindestens zwei Neuzugänge – und provozierte damit eine Reaktion von Hasan Salihamidzic.

"Ich war davon überrascht, was Hansi gesagt hat. Ich bin einfach kein Freund von medialer Kaderplanung, weil wir uns eh die ganze Zeit austauschen", machte Bayerns Sportdirektor keinen Hehl daraus, dass ihm Flicks Vorgehen missfiel. 

Für Stefan Effenberg hingegen ist das Vorpreschen des sich zusehends von den Klub-Bossen emanzipierenden Trainers vollauf berechtigt.

"Bayern ist in einer sehr kritischen Situation, sonst hätte Hansi Flick auch nicht derart klar formuliert, dass man unbedingt Verstärkung brauche", sagte der SPORT1-Experte im CHECK24 Doppelpass. "Er baut in gewisser Weise schon vor, falls die Saison nicht positiv verlaufen sollte. Flicks Forderung ist also ein Ausrufezeichen."

Kimmich unterstützt Flicks Forderung

Ein Ausrufezeichen, das Flick bei SPORT1 gleich noch einmal setzte: "Wir haben alle hohe Ziele und müssen eine Basis schaffen, um diese Ziele erreichen zu können. Die Verletzungssituation ist nicht berauschend, die Winter-Periode ist dazu da, um gewisse Dinge etwas zu regulieren."

Seine Spieler würden das "auch nicht anders sehen". Joshua Kimmich unterstützte Flicks Forderung nach der 2:5-Pleite im Testspiel beim 1. FC Nürnberg, befand den aktuellen Kader angesichts der Verletztenmisere als "zu dünn besetzt". 

Dass neben Flicks Selbstbewusstsein auch sein Standing deutlich gewachsen ist, dokumentierte nun auch noch einmal Salihamidzic selbst, indem er die Suche nach einem neuen Trainer für aktuell eingestellt erklärte. "Natürlich", antwortete er in der Bild am Sonntag auf eine entsprechende Frage: "Wir haben doch gerade erst mit Hansi ein halbes Jahr verlängert, und es ist ganz klar, dass wir unsere ganze Kraft verwenden, um ihn zu unterstützen."

Heynckes: Flick kann "Epoche prägen"

Jupp Heynckes hatte die Bedeutsamkeit von Flick, dem nach SPORT1-Informationen mehrere Anfragen aus dem Ausland vorliegen, bereits vor Wochen betont. "Der FC Bayern", schrieb der frühere Münchner Triple-Coach in einer kicker-Kolumne, "besitzt nun die große Chance, über einen längeren Zeitraum einen Trainer zu haben, der eine Epoche prägen kann."

In seinem Jahresrückblick an die Bayern-Fans schwärmte auch Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge: "Wir sind sehr zufrieden mit seiner Arbeit, wir empfinden die spielerische Entwicklung unserer Mannschaft unter ihm als hervorragend und auch die Ergebnisse stimmen wieder. Zudem gefällt uns sein Auftreten sehr gut."

Vorausgesetzt der Rückrundenstart in der Bundesliga glückt, dürfte das Flicks neue Forschheit nur noch verstärken.