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Hennes Weisweiler gilt als einer der größten deutschen Trainer. Er führte Gladbach in die Spitze, machte Köln zum Meister. Auch 36 Jahre nach seinem Tod ist er omnipräsent.

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Es war im Sommer 1948, als sich in Köln ein schreckliches Gerücht verbreitete. Der Fußballer Hennes Weisweiler sei tot, hieß es.

Gestorben an einer Kopfverletzung, zugezogen in einer Partie seines 1. FC Köln gegen Rhenania Würselen. Doch schon bald kam Entwarnung: Weisweiler hatte sich zwar einen Schädelbasisbruch zugezogen, sein Leben war aber nicht in Gefahr.

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Er hatte mit dieser Verletzung übrigens noch weitergespielt. Weisweiler wollte die Niederlage abwenden und quälte sich über den Platz. Schließlich musste er vorzeitig runter und brach in der Kabine zusammen. Köln verlor durch ein Gegentor des späteren Bundestrainers Jupp Derwall mit 0:1. Der Klub verpasste den Aufstieg in die Oberliga West. Ein Tiefschlag.

Doch Weisweiler rappelte sich auf. Wenige Wochen nach seiner Horrorverletzung meldete er sich wieder fit und übernahm den Trainerposten bei den Kölnern. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere.

Weisweilers Titelsammlung ist groß: Viermal gewann er die Deutsche Meisterschaft, dreimal den DFB-Pokal. Hinzu kommen ein Triumph im UEFA-Cup, der Gewinn der nordamerikanischen Meisterschaft sowie das Double in der Schweiz.

Pate für den Kölner Geißbock

Geboren wurde der Erfolgstrainer am 5. Dezember 1919 als Hans Weisweiler. Doch in Köln nannten sie den Mann aus Lechenich liebevoll "Hennes". Weisweiler stand auch Pate für den Namen des Wappentiers. Als Zirkuschefin Carola Williams dem Klub einen Geißbock schenkte, hatten die Kölner ein neues Maskottchen – das fortan auf den Namen "Hennes" hörte.

Das zeigte, wie beliebt Weisweiler damals im Klub war. Dabei galt der Trainer nicht als umgänglicher Typ. Im Gegenteil. Er zoffte sich auch schon mal mit den Oberen: Nach einem Streit mit Vereinspräsident Franz Kremer zog es Weisweiler auf die andere Rheinseite – zu Viktoria Köln.

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1964 verließ der passionierte Skatspieler dann die Domstadt und läutete bei Borussia Mönchengladbach eine Ära ein. Er führte den Klub von der Regionalliga in die europäische Spitzenklasse.

Der Trainer förderte Talente wie Günter Netzer, Berti Vogts und Jupp Heynckes. "Hennes Weisweiler war die Figur. Er hat Borussia Mönchengladbach gemacht", sagt der aktuelle Vizepräsident Rainer Bonhof über seinen langjährigen Trainer.

Helmut Grashoff schien eine Ahnung zu haben, als er Weisweiler als Nachfolger für Fritz Langner holte. "Es war an der Zeit, Langner gegen etwas Geniales einzutauschen – gegen einen Trainer, der die volle Entfaltung der hoffnungsvollen Ansätze bewirken könnte", sagte Gladbachs damaliger Manager über seinen Coup. 

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Die Mannschaft spielte auf dem Bökelberg berauschenden Fußball. "Sind wir am Ball, spielen wir alle auf Angriff; umgekehrt spielen alle für die Abwehr, ist der Gegner in Ballbesitz", beschrieb Weisweiler den Gladbacher Stil in seinem Lehrbuch "Der Fußball".

Netzer als Kopf der "Fohlen-Elf"

Angeführt von Kapitän Netzer dominierte die "Fohlen-Elf" die Bundesliga – landete unter Weisweiler dreimal auf Platz eins. Mit seinem Star hatte der Trainer auch mal Differenzen: 23. Juni 1973, DFB-Pokal-Finale in Düsseldorf, Borussia Mönchengladbach traf auf den 1. FC Köln. Und Netzer? Saß draußen. Weisweiler führte konditionelle Probleme an. Vermutlich spielte auch Netzers bevorstehender Wechsel zu Real Madrid eine Rolle bei der Aufstellung.

Die Verlängerung begann. Und Netzer stand auf dem Platz. Nach einer Selbsteinwechslung. Ohne Absprache mit Weisweiler. Der Spielmacher schrieb dann Fußballgeschichte, indem er mit einem Traumtor den 2:1-Sieg besorgte. Danach trennten sich die Wege der beiden Querköpfe.

Weisweiler holte auch ohne Netzer Erfolge mit den Gladbachern. Er gewann einen internationalen Titel, besiegte 1975 im Finale um den UEFA-Cup Twente Enschede. Nach diesem Coup kündigte der Trainer seinen Abschied an. Er wechselte zum FC Barcelona. Vom beschaulichen Niederrhein in die katalanische Weltstadt.

Auseinandersetzung mit Johann Cruyff

In Barcelona geriet Weisweiler mit dem nächsten Ausnahme-Fußballer aneinander. Mit Johan Cruyff. Als der Niederländer mal einen Gegentreffer verschuldete, nahm ihn der Trainer vorzeitig vom Platz.  

Einen hämischen Kommentar gab es obendrauf. "Auswärts ist er nie über die Mittellinie gekommen", sagte Weisweiler über Cruyff. Der Spieler gewann den Machtkampf. Weisweiler musste Barcelona nach nur acht Monaten wieder verlassen.

Der Trainer fand aber bald einen neuen Klub, besser gesagt: Er fand zurück zur alten Liebe. Der 1. FC Köln sicherte sich nach Verhandlungen in Präsident Peter Weiands Haus auf Ibiza die Zusage des umworbenen Trainers.

Bei den FC-Fans löste die Rückkehr große Euphorie aus. Mehr als 10.000 Zuschauer verfolgten das erste Training unter dem Rückkehrer. "Gebt mir zwei Jahre, um Meister zu werden", sagte Weisweiler. Er behielt Recht.

Double ohne Overath

Weisweiler brachte den Erfolg zurück nach Köln. Er holte den DFB-Pokalsieg 1977. Im Jahr darauf gab es den größten Triumph der Vereinsgeschichte. Das Team holte das Double aus Deutscher Meisterschaft und Pokalsieg. Kölns langjähriger Kapitän Wolfgang Overath war schon nicht mehr dabei. Nach einem Machtkampf mit Weisweiler hatte der 1974er-Weltmeister seine Karriere beendet.

Der Trainer ließ sich indes auf dem Rathaus-Balkon feiern. Weisweiler hatte nun alles erreicht. Wobei: Ein großer Traum blieb ihm versagt. Der Rheinländer hatte sich Hoffnungen auf den Posten des Bundestrainers gemacht. Er hätte somit in einer Reihe seines Lehrmeisters Sepp Herberger stehen können. Als junger Mann brachte es Weisweiler zwar zum Assistenztrainer beim DFB, die Chefrolle nahm er nie ein.

Im Vereinsfußball kamen weitere Erfolge hinzu. Cosmos New York holte 1980 die nordamerikanische Meisterschaft mit Spieler Franz Beckenbauer und Trainer Hennes Weisweiler. Weiter ging es in die Schweiz: Auch dem Grashopper Club Zürich bläute der Trainer seinen offensiven Spielstil ein. Am Ende der Saison 1982/1983 stand das Double.

Weisweiler wollte die Karriere ausklingen lassen, seine Memoiren schreiben. Doch dazu kam es nicht mehr. Drei Wochen nach dem Pokalsieg verstarb Weisweiler im Alter von 63 Jahren an einem Herzinfarkt. Die Fußballwelt trauerte am 5. Juli 1983 um einen ihrer größten Trainer.

Ehre wie Adenauer und Höffner

Zur Trauerfeier kamen Stars aus der ganzen Welt. Weisweilers Leichnam wurde im Kölner Dom aufgebahrt. Diese Art der letzten Ehre erhielten ansonsten nur Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer sowie der Erzbischof Joseph Kardinal Höffner.

Weisweiler ist auch 36 Jahre nach seinem Tod im Fußball präsent. Der DFB hat seine Trainerakademie nach ihm benannt. Die Geschäftsstelle von Borussia Mönchengladbach liegt an der Hennes-Weisweiler-Allee. Und in Köln fällt der Vorname vor jedem Heimspiel. Wenn das Maskottchen Hennes IX. ins Stadion einläuft.