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Dortmund und München - BVB-Boss Hans-Joachim Watzke porträtiert Jürgen Klopp in seinem Buch in leuchtenden Farben - und leistet damit der Diskussion um Lucien Favre Vorschub.

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Seit bald zwei Jahrtausenden kennt die Menschheit den Spruch, dass es zum Ziel einer Reise verschiedene Wege gibt.

"Denn auch wenn Einer nach Athen reisen wolle, so könne er dahin segeln oder gehen", wusste bereits der römische Kaiser Julian. Mehr noch: Entscheidet sich ein Reisender für den Fußweg, kann er "als Wanderer die Heerstrassen benutzen oder die Fusssteige und Richtwege". Als Schiffer wiederum könne er "die Küsten entlang fahren oder wie Nestor das Meer durchschneiden".

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Man tritt wohl weder Lucien Favre, dem aktuellen Trainer von Borussia Dortmund, noch dem früheren BVB-Coach Jürgen Klopp zu nahe, wenn man wertneutral feststellt: Als Trainer sind sie auf sehr unterschiedlichen Wegen nach Athen unterwegs. Favre: Mehr der stille und kundige Küsten-Navigator. Klopp: Eher der Typ Meerdurchschneider.

Prinzipiell ist das erstmal kein Problem. Die Frage ist nur: Ist es auch dann kein Problem mehr, wenn der aktuelle Expeditionsleiter immer wieder zu hören bekommt, dass es auf dem anderen Weg viel, viel schöner war?

Watzke lobt Ex-Coach Klopp hymnisch

"So ein Verhältnis, wie ich es mit Jürgen über sieben Jahre beim BVB hatte, das hat es vorher nicht gegeben. Und so ein Verhältnis wird es wahrscheinlich auch nie wieder geben."

Diese Sätze hat Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in sein Buch "Echte Liebe - ein Leben mit dem BVB" geschrieben. Diese Sätze wurden am Montag in der Bild vorab veröffentlicht - neben vielen anderen Elogen auf den alten Weggefährten und guten Freund, der nun den FC Liverpool in der Premier League coacht. Watzke hält unter anderem auch fest, dass es ein "Fehler" gewesen sein könnte, dass er nicht versucht hat, Klopp zum Bleiben zu überreden, als der sich 2015 zum Weggang aus Dortmund entschloss.

Am Donnerstag wird das von Watzke zusammen mit dem Journalisten Michael Horeni verfasste Buch im BVB-Stadion vorgestellt - zusammen mit Ex-Coach Klopp.

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Nun ist so eine Buchveröffentlichung kein kurzfristig geplantes Projekt. Gezielte böse Absicht ist es einerseits also nicht, dass Watzkes sehnsuchtsvolle Klopp-Sätze genau jetzt das Licht der Öffentlichkeit erblicken - inmitten eines durchwachsenen sportlichen Herbsts, der die Diskussion um Favre neu angefacht hat. Andererseits: Völlig unbewusst sollte Watzke das Risiko nicht gewesen sein, dass er mit seinen Sätzen nun genau diese Diskussion weiter schürt.

Debatte verfolgt Favre seit BVB-Deal 2018

Es ist ja auch keine brandneue Debatte: Seit Favre 2018 beim BVB unterschrieben hat, verfolgt ihn die Frage, ob der eher kauzige Schweizer Taktik-Tüftler in Dortmund wirklich der richtige Mann am richtigen Ort ist.

"Jürgen Klopp war in der Lage, eine ganze Stadt anzuzünden, Favre kann nicht mal ein Streichholz anzünden", brachte Ex-Profi Ansgar Brinkmann schon im Herbst 2018 bei SPORT1 die Position der Skeptiker auf den Punkt.

Die Diskussion beruhigte sich immer dann, wenn es sportlich gut lief und sie flammte immer wieder auf, wenn nicht. So wie jetzt, wo Dortmund nach drei verpassten Siegen in Folge auf Tabellenplatz 8 abgerutscht ist.

Watzkes Worte schütten nun unweigerlich Wasser auf die Mühlen dieser Diskussion, sie bedienen die Sehnsüchte der Klopp-Fans und nicht mal sehr indirekt die allgegenwärtigen Vorwürfe der Kritiker des aktuellen Coachs: Favre ist kein Menschenfischer. Favre ist kein Motivator, der den Erfolgshunger vorlebt. Favre ist kein Klopp.

Irritationen um Meister-Vorgabe

Den Dortmunder Verantwortlichen war das alles seit jeher wohlbekannt und die Situation wäre auch eine andere, wenn sie selbst stärker den Eindruck erwecken würden, vom alternativen Weg des Lucien Favre völlig überzeugt zu sein. 

Im vergangenen Juni hielt Watzke zwar fest, dass Favre die Dortmunder Erwartungen "zu 100 Prozent erfüllt" hätte. Wie hoch genau diese Erwartungen waren, verschwieg er dabei allerdings elegant. Zu mehr als einer einjährigen Verlängerung von Favres Vertrag bis 2021 mochte sich der Klub jedenfalls nicht durchringen.

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Auch in dieser Saison gab es früh erste Irritationen: Watzke und Manager Michael Zorc propagierten offensiv die Meisterschaft als Ziel für die laufende Spielzeit. Favre scheint diesen Kurs nur widerwillig mitzutragen. "Wir müssen aufpassen, was wir sagen. Ich sage das seit Langem", hielt er nach der 1:3-Pleite bei Union Berlin fest, später relativierte er, dass er zwar auch Meister werden, aber "nicht jede Woche darüber sprechen" wolle.

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Akut wackelt Favres Stuhl nicht

Das alles heißt nicht, dass Favres Stuhl bereits wackelt: Die Dortmunder Verantwortlichen reagierten zuletzt stark verschnupft, als Gerüchte über ein angebliches Interesse des BVB an Bremens Florian Kohfeldt in einer Presserunde aufgebracht wurden - und wiesen diese energisch zurück.

Auch sonst arbeiteten sie in der Kommunikation mit den Medien zuletzt offensiv gegen den Eindruck an, dass Favres Zukunft zur Debatte steht. Man kann der BVB-Führung also nicht vorwerfen, dass ihr nicht bewusst ist, dass sie ihren Coach stärken müssen.

Nun ist das Gespür für praktische Notwendigkeit das eine, volle Überzeugung das andere. Im Vergleich zu den leuchtenden Farben, in denen Watzke Klopp porträtiert, kann Favre nur verblassen.