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München - René Jacobi fand: Der Koloss DFB braucht Konkurrenz - also hat er sie gegründet. Bei SPORT1 erzählt er, wie der CoF den deutschen Fußball verändern soll.

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Von rund 260 Bundestags-Delegierten wurde Fritz Keller heute einstimmig zum 13. Präsidenten des DFB gewählt - der Nachfolger von Reinhard Grindel hat bereits einige Pläne, um das Image des DFB aufzupolieren.

Noch einer hat in dieser Hinsicht Pläne und diese sogar schon in die Tat umgesetzt - allerdings sehen sie ganz anders aus: Unternehmensberater René Jacobi hat eine Konkurrenzorganisation gegründet, die sogenannte Confederation of Football (CoF), mit der er die Monopol-Stellung des weltgrößten Sportverbands herausfordern und einige Dinge im deutschen Fußball zum Besseren verändern will.

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Der CoF hat dabei vor allem die Ebene im Blick, auf der die meisten aktiv Engagierten den Fußball leben: die Landes- und Kreisebene, wo für Jacobi vieles im Argen liegt.

Im SPORT1-Interview spricht der ehemalige Schiedsrichter über seine Gründe, einen alternativen Sportverband zu gründen, wohin die Reise mit der CoF führen soll, die Defizite beim DFB und den Wirbel um einen verbrannten Schiedsrichter-Ausweis.

SPORT1: Herr Jacobi, wie kommt man als Unternehmensberater auf die Idee, eine Konkurrenzorganisation für den größten Sportverband der Welt zu gründen?

Rene Jacobi: Da kommen zwei Dinge zusammen. Zum einen: Ich bin neben dem Beruf auch Schiedsrichter, was mich mit den Regularien, Prozessen und Abläufen des Verbands stark in Berührung gebracht hat. Zum anderen: Mein berufliches Spezialgebiet ist Kundenservice, ich habe also eine Vorprägung dafür, wie elementar Kundenservice im Leben ist.

SPORT1: Und von beiden Seiten aus betrachtet sahen Sie beim DFB Defizite?

Jacobi: Als Schiedsrichter habe ich einerseits eigene Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht - zum Beispiel, dass sich die Schiedsrichter-Ausbildung in den vergangenen 20 Jahren, seitdem ich meinen ersten Schein gemacht habe, nicht wesentlich verändert hat. Andererseits ist man als Schiedsrichter ja bei vielen Vereinen unterwegs und bekommt mit, wie viel Unzufriedenheit dort herrscht. Egal wen Sie fragen, es gibt wenige, die sagen, dass der DFB und seine Landes- und Kreisverbände in ihrem Interesse agiert. Und durch meine berufliche Prägung habe ich schon immer das Interesse gehabt, organisatorische Dinge zu verstehen und Fragen zu stellen. Frage 1: Warum macht ihr das so? Frage 2: Gibt's nicht bessere Wege?

"Verband im Interesse seiner Mitglieder"

SPORT1: Innerhalb des DFB aus Ihrer Sicht offenbar nicht.

Jacobi: Wir haben angefangen, uns mit Menschen zu unterhalten, die vor Jahren mal in den Verbänden gewesen sind, aber irgendwann aufgehört haben, weil sie genervt, gestresst waren, weil sie etwas verändern wollten, aber nicht konnten. Und klar, wenn man ständig hört "Das geht nicht, das machen wir nicht", dann kommt man irgendwann zum Schluss: Innerhalb der bestehenden Strukturen geht es nicht, also baut man neue auf. Man fängt bei Null an und baut einen anderen Verband so auf, dass er im Interesse seiner Mitglieder strukturiert ist.

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SPORT1: Wie lief die konkrete Umsetzung Ihrer Idee?

Jacobi: Das war ein Prozess, der mehrere Jahre in Anspruch nahm - nicht, dass jemand denkt, das hätten wir mal eben am Samstagabend in der Kneipe beschlossen und am nächsten Tag gab's einen neuen Fußballverband. Es gab viele rechtliche Prüfungen, Grundsatzdiskussionen und strategische Entscheidungen. Wir haben zum Beispiel klar gesagt: In der 1., 2., 3. Liga - da sind die Messen gelesen, wir wollen eine Alternative für die Ebenen darunter anbieten. Eine Alternative, die die Interessen der Vereine besser vertritt.

SPORT1: Ein Verband, der den DFB herausfordert: Im deutschen Fußball eine neue Situation.

Jacobi: In anderen Sportarten nicht. Im Boxen gibt es mehrere Verbände. Ich habe jetzt zwar schon von vielen gehört, dass das kein leuchtendes Beispiel sei, weil viele die Situation dort gar nicht gut fänden – aber es ist eine Frage der Perspektive. Die Verbände finden die Konkurrenz natürlich nicht gut, aber einen Boxer habe ich das noch nicht sagen hören.

"DFB macht seine Aufgabe nicht"

SPORT1: Was wollen Sie denn konkret besser machen als die DFB-Verbände?

Jacobi: Nehmen wir das Thema Datenschutz als Beispiel: Die Einführung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) war ein Riesenthema bei den Vereinen. Aus unserer Sicht wäre die Aufgabe des Verbands an dieser Stelle gewesen, dass er sich darum kümmert herauszuarbeiten, welche Vorgaben, welche Regularien die Vereine erfüllen müssen und ihnen das klar und sauber zu kommunizieren, am besten mit einem Handbuch. Ein solches Handbuch gibt es vom DFB bis heute nicht, das Ergebnis war, dass zahlreiche Vereine einzeln zu Anwälten gegangen sind und x verschiedene Antworten bekommen haben, was zu tun ist. Das kostete sie viel Geld, viel Zeit, viele Nerven und auf der sicheren Seite fühlt sich hinterher dennoch keiner. Und das ist nur eines von vielen Beispielen, wo der DFB und die angeschlossenen Verbände aus unserer Sicht nicht das tun, was ihre Aufgabe sein sollte.

SPORT1: Können Sie noch andere Beispiele nennen?

Jacobi: Nehmen Sie auch das Thema Schiedsrichter. Eine unserer ersten Grundsatzentscheidungen war: Die Schiedsrichter werden beim Verband angesiedelt, nicht bei den Verein. Beim DFB ist es umgekehrt und die Vereine werden auch noch dafür bestraft, wenn sie die "Versorgung" mit Schiedsrichtern nicht gewährleisten. Das ist für uns in etwa so, als würde der Staat den Bürgern die Verantwortung dafür übertragen, dass es genug Polizisten im Land gibt und sie bestrafen, wenn Sie nicht genug Ihrer Freunde dafür begeistern können, bei der Polizei zu arbeiten.

SPORT1: Wäre recht absurd.

Jacobi: Im Fußball führt das auch zu absurden Blüten, gerade im ländlichen Raum gibt es einen regelrechten Schiedsrichter-Markt, die Schiedsrichter ziehen nun von Verein zu Verein, weil sich die Vereine, um Strafen zu umgehen mit Geld- und sonstigen Versprechen gegenseitig überbieten, um die sonst fälligen Strafen zu vermeiden. Oder auch: Warum gibt es auf Landes- und Kreisebene keinen Zentraleinkauf von Vereinsbedarf wie Toren, Bällen, Kreide, der den Vereinen Zeit und wegen des Mengenrabatts auch Geld sparen würde? Der Verband sieht solche Sachen aber eben nicht als seine Aufgabe und als Monopolist kommt er nicht unter Druck, etwas zu ändern, denn die Vereine können ja nirgendwo anders hin. Genau da wollen wir Abhilfe schaffen - auch zum Beispiel durch ein besseres IT-System, effizientere Strukturen, eine einheitliche Verbandssatzung, eine vereinfachte Sportgerichtsbarkeit - und so dabei helfen, dass sich die Vereine wieder mehr auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren können.

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"Es wird Stress geben, wenn du bei uns mitmachst"

SPORT1: In anderen Sportarten, wo es konkurrierende Verbände gibt, haben die daraus entstehenden Konflikte die Arbeit für die Vereine aber auch nicht leichter gemacht. Wie wollen Sie dieser Gefahr entgehen?

Jacobi: Uns ist klar: Vor allem in der Anfangszeit, wenn der Wettbewerber groß wird, gibt es selten große Freundschaften und das haben wir hier in Leipzig auch schon zu spüren bekommen. Natürlich empfinden die Verantwortlichen beim FVSL uns als Angreifer und sich als Platzhirsch. Wir versuchen, den Konflikt nicht aktiv zu schüren, wir lassen die ihre Arbeit machen, wenn sie uns unsere machen lassen. Aber wenn wir angegriffen werden, sehen wir uns auch verpflichtet zu reagieren. Wir sagen auch jedem, der bei uns Mitglied wird, ganz klar und ehrlich: Sei dir sicher, dass es Stress geben wird, wenn du offensiv bei uns mitmachst.

SPORT1: Stimmt es, dass Sie Ihren Schiedsrichterausweis des Leipziger Verbands verbrannt und das Video davon ins Internet gestellt haben?

Jacobi: Ja, das stimmt. Und natürlich wurde das als eine Art Kriegserklärung aufgefasst und ein bisschen war das auch so gedacht, es gab Vorfälle, nach denen ich es nicht mehr vereinbaren konnte, den Verband zu vertreten und deswegen war es auch ein Statement, das öffentlich zu machen. Die andere Seite ist aber auch: Dass ich meinen Schiedsrichterausweis bei meinem Austritt vernichten sollte, ist in der Satzung des Sächsischen Fußballverbands so vorgeschrieben. Und es ging mir auch darum, dass keiner mir unterstellt, dass ich Privilegien wie den kostenfreien Zugang in Stadien weiter ausnutzen will.

"1000 neue Mitglieder - wäre eher ein Albtraum"

SPORT1: Sie haben im Moment auch nur 35 Mitglieder. Nicht viel im Vergleich zu den 7 Millionen des DFB.

Jacobi: Es ist ja auch nicht unser Ziel, in solche Dimensionen vorzustoßen, wie gesagt: Wir sehen uns als Wettbewerber auf Kreis- und Landesebene, aber auch mit dem Ziel, dass wir in zehn Jahren bundesweit aktiv sind und überall einen regulären Spielbetrieb organisieren. Auf dem Weg zu diesem Ziel stehen wir gerade genau an dem Punkt, an dem wir jetzt stehen wollten. Wir wollen nicht zu schnell wachsen, wenn morgen 1000 neue Mitglieder aufgenommen werden wollten, wäre das für mich eher ein Albtraum. Wir brauchen komplett funktionierende und schon fertige Strukturen, damit wir eine so große Zahl an Menschen überhaupt einbinden können und die müssen erstmal wachsen. Aktuell kriegt auch keiner von uns Geld für das, was er macht. Wir tun alles in unserer Freizeit, neben unseren Jobs und da ist natürlich auch klar, dass wir in unseren Erwartungshaltungen realistisch bleiben müssen.

SPORT1: Was wäre Ihnen lieber: Den CoF als erfolgreiche Alternative zum DFB zu etablieren oder ihn in ein paar Jahren auflösen zu können, weil Sie merken: Jawohl, der Verband hat verstanden, was wir ihm sagen wollten und die Konsequenzen gezogen?

Jacobi: Die Frage kommt ganz häufig. Prinzipiell wäre ich natürlich zufrieden, wenn wir Verbesserungen beim DFB und insbesondere bei den Landes- und Kreisverbänden anstoßen. Aber was tatsächlich passieren wird, ist die andere Frage. Szenario 1 ist: Unser Angebot wird von den Vereinen nicht angenommen, dann werden wir auch wie jeder normale Marktteilnehmer akzeptieren müssen, dass es keine Nachfrage gibt. Szenario 2 ist: Wir etablieren uns und bewegen durch die Konkurrenzsituation tatsächlich etwas beim DFB, das wäre schön. Trotzdem soll es auch die CoF in dem Fall dann auch weiter geben, denn ansonsten herrscht ja wieder das gleiche Dilemma wie vorher.