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München - Eben noch hatte Lutz Michael Fröhlich die Schiedsrichter in der Handspiel-Debatte gegen den Chaos- und Willkür-Vorwurf verteidigt. Nun kommen neue Töne.

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Bemerkenswerte Kehrtwende des deutschen Schiedsrichter-Bosses.

Nachdem Lutz Michael Fröhlich die Kritik am Handspiel-Chaos in der Bundesliga noch vor einer Woche deutlich zurückgewiesen hatte, kommen nun als Reaktion auf die erneuten Diskussionen am Wochenende ganz andere Töne.

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"Wir sind irritiert und auch etwas enttäuscht über die unterschiedlichen Entscheidungen in vergleichbaren Situationen", sagte Fröhlich im Welt-Interview. In den Schiedsrichter-Seminaren sei das Handspiel "ohne Graubereiche" intensiv besprochen worden: "Es wurde ganz klar gesagt, was strafbar ist und was nicht. Wir haben ungefähr 35 Szenen analysiert, und es gab eigentlich keine offenen Fragen."

Eben noch "konsequent und berechenbar"

Noch vergangene Woche hatte Fröhlich sich sehr positiv über seine Schützlinge geäußert. Im Interview mit dfb.de erklärte er, die Referees setzten die vorgegebene Linie "insgesamt sehr konsequent und berechenbar" um: "Insofern kann ich nicht nachvollziehen, wenn von wirrer Regelauslegung gesprochen wird oder auch davon, dass keiner mehr weiß, was Handspiel ist." 

Nun rückt Fröhlich von seiner Verteidigungslinie ab - und gibt zu: "Nicht jeder Schiedsrichter setzt es gerade konsequent um." Die Konsequenz: "Wir müssen zielgerichteter an die Schiedsrichter ran, die das Handspiel falsch auslegen und somit negative Referenzfälle liefern, sodass das ganze System in der Öffentlichkeit immer wieder infrage gestellt wird."

Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich ärgert sich über die vielen Fehlentscheidungen
Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich ärgert sich über die vielen Fehlentscheidungen © Getty Images

Elfmeter gegen Jerome Boateng Fehlurteil

Beispielsweise sei der Elfmeterpfiff von Christian Dingert nach einem vermeintlichen Handspiel von Jerome Boateng im Spiel gegen Hannover 96 (3:1) falsch gewesen. "Das ist kein strafbares Handspiel", sagte Fröhlich. Der Arm sei "dicht am Körper und nicht abgespreizt" gewesen, hätte sich "eher noch aus der Flugrichtung des Balles heraus" gedreht.

Fröhlich bestätigte damit die Einschätzung von SPORT1-Experte Stefan Effenberg am Tag zuvor im CHECK24 Doppelpass: "Er hat den Arm angelegt und dreht sich weg. Mehr kann ein Spieler nicht machen. Das ist kein Elfmeter", hatte sich der frühere Bayern-Kapitän gewundert.

Die Ballberührung von Dortmunds Mario Götze in Bremen ordnete Fröhlich ebenfalls als nicht elferwürdig ein. Hier hätte Schiri Marco Fritz - entgegen der Kritik von Bremens Trainer Florian Kohfeldt - richtig gelegen: "Der Arm ist dicht am Körper, keineswegs abgespreizt, und der Ball fällt runter an diesen Arm."

Kohfeldt hatte die Situation anders gesehen: "Im Kontext dieser Saison ist es ein glasklares Handspiel. Die Schiedsrichter wissen nicht mehr, was sie pfeifen sollen und was nicht."

Perl gibt schweres Versäumnis zu

Das Wochenende hatte nicht nur wegen des Falls Boateng reichlich Anlass zur Kritik gegeben. Karim Rekik hatte den Ball im Spiel von Hertha BSC gegen den VfB Stuttgart (3:1) klar mit der Hand gespielt.

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Video-Assistent Günter Perl (München) griff zum Entsetzen der Gäste jedoch nicht ein, weil er - wie er mittlerweile zugab - die Szene schlicht übersehen hatte. Auch Fortuna Düsseldorf blieb ein klarer Hand-Elfmeter gegen den SC Freiburg (1:1) verwehrt.

Max Eberl fordert Regel-Reform

Als Konsequenz aus den Handspiel-Wirren - in dieser Saison wurden bislang 30 Handelfmeter gepfiffen, so viele wie noch nie - forderte Gladbachs Manager Max Eberl im Dopa: "Wir müssen dahin kommen, dass die Halb-Handspiele wieder weg kommen und nur klare Handspiele pfeifen. Das muss klar definiert werden."

Eine Reform der Handspiel-Regel sei auch ein drängenderes Thema als der Videobeweis: "Dieser Videoassistent, der oft in Verruf steht, der ist gar nicht das Problem, der zeigt nur Defizite auf, die wir in der Regelauslegung haben. Wir müssen an diese Handregel ran, weil das das Komplizierteste an der ganzen Videoassistenz ist."

Grundsatz-Kritik übten am Wochenende unter anderem auch Freiburg-Coach Christian Streich ("Die Schiedsrichter werden langsam immer verrückter") und Bayerns Coach Niko Kovac ("Wir müssen nur noch üben, wie wir an den Strafraum gehen, und dann schießen wir jemandem an die Hand").