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München - Der VfB Stuttgart steht nach der Klatsche in Augsburg dicht vor dem Abgrund. SPORT1 zeigt, dass nicht nur Markus Weinzierl Schuld an der miesen Situation trägt.

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Am 12. Mai 2018 träumte der VfB Stuttgart von Europa.

Durch den 4:1-Coup beim FC Bayern am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison hatten die Schwaben eine bärenstarke Rückrunde gekrönt und Platz sieben erreicht.

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Der VfB war nur noch einen Sieg der Bayern im Pokalfinale gegen Frankfurt entfernt, an der Qualifikation zur Europa League teilzunehmen. Es machte den Anschein, als hätte sich Stuttgart nach dem Abstiegs-Ausrutscher eindrucksvoll im deutschen Fußball zurückgemeldet.

Doch es kam alles anders. Die Eintracht schlug die Bayern und sorgt inzwischen in Europa für Begeisterung. Und der VfB ist wieder abgestürzt – und muss als 16. vier Spiele vor Saisonende mehr denn je um den erneuten Abstieg zittern.

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Doch wie konnte es zu diesem Absturz kommen, der nun auch Markus Weinzierl den Job kostete?

Fehlende Qualität

Im Endeffekt täuschte die grandiose Rückrunde der Schwaben in der Saison 2017/18 über die eigentliche Qualität der Mannschaft hinweg.

Denn nach 20 Spieltagen hatte der VfB damals gerade einmal Rang 14 belegt und steckte mitten im Abstiegskampf, ehe unter Tayfun Korkut ein bemerkenswerter Lauf gelang. Doch dabei glänzte das Team vor allem mit Effizienz und einer sicheren Defensive.  

"Man hat nach dem 7. Platz im Vorjahr trotz aller Warnungen gemeint, man marschiert durch. Man hat die Entwicklung über Jahre gesehen. Da ist Weinzierl nur der Leidtragende", erklärte Guido Buchwald im CHECK24 Doppelpass.

Thomas Berthold meinte im Februar bei SPORT1, die Mannschaft habe "weder eine Spielidee, noch zeigt sie grundsätzliche Tugenden, die es benötigt, um in der Bundesliga zu bestehen".

Es fehle im Team "an Qualität und Mentalität", es gebe "keine funktionierende Achse und seit Jahren auch kein Tempo und keine Durchschlagskraft", kritisierte Berthold damals.

Falsche Kaderplanung

Die Überzeugung der eigenen Qualität aufgrund der Rückrunde führte wohl auch dazu, dass der damalige Sportvorstand Michael Reschke eher in entwicklungsfähige Talente investierte als in sofortige Verstärkungen.

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Doch die Hoffnungsträger wie Pablo Maffeo, Nicolas Gonzalez und Borna Sosa zündeten nicht.

"Man hat sehr viel Geld in die Hand genommen und ist auf dem 16. Platz. Die ganze Kaderplanung ist einfach schlecht gewesen", sagte Buchwald über Reschkes Ausgaben in Höhe von 35 Millionen. Berthold bezeichnete die Bilanz als "mangelhaft".

Für Buchwald steht fest: "Es sind viele Fehler gemacht worden zuletzt."

Hilfloser Weinzierl

Am 7. Spieltag übernahm Weinzierl für Tayfun Korkut den damaligen Tabellenletzten.

Das Team verbesserte sich zwar auf den 16. Platz, Weinzierls Bilanz ist dennoch verheerend: Vier Siege in 23 Spielen (16 Punkte), nur ein Erfolg aus den vergangenen 15 Partien.

Nach der höchsten Niederlage der Vereinsgeschichte am Samstag merkte Weinzierl selbst, dass ihm die Argumente für eine Weiterbeschäftigung fehlten. Womöglich hat der neue Sportvorstand Thomas Hitzlsperger sogar zu lange an Weinzierl festgehalten.

"Er konnte seine Ideen nicht umsetzen. Wenn man solch eine Rückrunde spielt, ist das unterirdisch", stellte Buchwald, der ihm zumindest attestierte, viel versucht zu haben, fest.

Berthold hatte Weinzierls Arbeit bei SPORT1 bereits im Februar kritisiert. "Er hat in der Winterpause Zeit gehabt, die Mannschaft körperlich und mental auf ein anderes Niveau zu bringen. Das ist ihm aber nicht gelungen, grundsätzlich gilt in so einer Phase defensiv gut zu stehen und daraus Selbstvertrauen zu tanken", meinte der Weltmeister von 1990.

Schwaches Abwehrverhalten

Eben jenes fehlende Selbstvertrauen und die desolate Abwehrarbeit machten sich gegen Augsburg eklatant bemerkbar. Viel zu einfach schoss der FCA den Abstiegskonkurrenten ab.

"Das war ein Abwehrverhalten, das einfach nicht geht. Das hatte mit Bundesligafußball wenig zu tun", sagte Buchwald.

Mit 67 Gegentoren ist Stuttgart, zumindest vor dem Sonntagsspiel von Hannover 96, die Schießbude der Liga.

Auch mental hinterlässt die Negativspirale Spuren. Symptomatisch die Doppelchance, als Daniel Didavi und Mario Gomez es aus zwei Metern vollbrachten, den Ball nicht im Tor unterzubringen.

Fragwürdige Einstellung

Die Mentalität scheint allerdings ein generelles Problem zu sein.

Beim 0:6 gegen Augsburg war mehr noch als das Ergebnis der blutleere Auftritt erschreckend – von Abstiegskampf keine Spur. "Die Mannschaft ist einfach so zusammengewürfelt, dass da gar keine Mentalität ist. Der Teamspirit fehlt", meinte Buchwald.

Stefan Reuter, Geschäftsführer Sport beim FC Augsburg, hinterfragte die Einstellung.

"In den letzten Jahren ist in Stuttgart vier Mal ein Trainer entlassen worden, nachdem man in Augsburg verloren hat. Da stimmt die Einstellung nicht, mit der die Mannschaft nach Augsburg fährt", vermutete der Weltmeister von 1990.

Unruhe im Aufsichtsrat

Zu den sportlichen Problemen kommen Unruhen im Aufsichtsrat hinzu. Im Februar gab Buchwald aufgrund eines "gestörten Vertrauensverhältnis" alle seine Ämter ab. Er fühlte sich "grundlos angegriffen".

"Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn du eine hohe Fachkompetenz hast, diese zu entfernen. Da muss ja etwas im Umfeld bei Stuttgart nicht stimmen", sagte SPORT1-Experte Stefan Effenberg im CHECK24 Doppelpass.

Der VfB habe "das Problem, dass in den ganz hohen führenden Positionen, die dann Entscheidungen auf Kosten des Vereins treffen, die Kompetenz fehlt. Wenn nur zwei ehemalige Fußballer im Aufsichtsrat sitzen, hast du ein Problem."

Dass das nicht zwingend so sein muss, zeigt unter anderem der FC Bayern: Dort sitzt mit Uli Hoeneß nur ein Ex-Fußballer im Aufsichtsrat.

Wie geht es beim VfB weiter?

Die Hoffnung ist trotz der Abwärtsspirale da. Stuttgart liegt "nur" sechs Punkte hinter Schalke 04 und spielt am letzten Spieltag noch gegen den direkten Konkurrenten. Der Vorsprung auf Nürnberg auf Rang 17 beträgt immerhin noch drei Zähler. (Das Restprogrammm der Abstiegskandidaten)

"Da ist noch viel möglich", sagte Sportvorstand Thomas Hitzlsperger bei Sky: "Wir haben jetzt eigentlich nur noch eine Möglichkeit, nach vorne zu blicken. Ich sehe die Qualität, dass wir reif sind für die Bundesliga. Wir brauchen aber mehr Emotionalität, mehr Offensivdenken, mehr Mut."

Auch Buchwald bleibt kämpferisch.

"Ich hoffe, dass der Trainerwechsel einen kleinen Push gibt und die Spieler sich darauf besinnen, was ein Abstieg bedeuten würde. Der VfB muss drin bleiben."