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München - Beim VfB Stuttgart brodelt es: Der Sportvorstand muss gehen, der Trainer darf bleiben. Bei SPORT1 sprechen drei VfB-Altstars über die bedrohliche Lage bei den Schwaben.

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Chaos-Tage beim VfB Stuttgart.

Seit Dienstag ist Michael Reschke als Sportvorstand der Schwaben Geschichte. Sein Nachfolger wurde ruck, zuck präsentiert: Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, der von 2005 bis 2010 für den VfB 125 Bundesligaspiele absolvierte. Die jüngste Entwicklung zeigt, wie schlimm es um den schwäbischen Traditionsverein steht.

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"Die Beurlaubung von Michael Reschke kam etwas überraschend. Ich wünsche 'Hitz' jetzt alles Gute, er ist ein Top-Mann", sagt der frühere VfB-Torwart Timo Hildebrand zu SPORT1.

Er und Hitzlsperger kennen sich gut, beide wurden 2007 zusammen mit dem VfB Deutscher Meister.

Altstars von Hitzlsperger überzeugt

Ein anderer Ex-Stuttgarter (1993 bis 2000) und 1990er Weltmeister begrüßt bei SPORT1 ebenfalls die neue Personalie.

"Thomas Hitzlsperger bringt auf jeden Fall als ehemaliger Spieler den nötigen Stallgeruch mit", sagt Thomas Berthold. "Vielleicht beruhigt sich jetzt die Lage etwas. Entscheidend ist aber wie immer das, was auf dem Rasen geschieht."

Auch der frühere Stuttgarter Silvio Meißner (2000 bis 2008 beim VfB) ist im Gespräch mit SPORT1 von Hitzlsperger überzeugt. "Bei 'Hitz' habe ich mir schon gedacht, dass er mal der Nachfolger von Reschke werden kann, falls dieser entlassen wird. Man kann jetzt nur gratulieren und hoffen, dass er vieles besser macht als sein Vorgänger."

Hitzlsperger würde alles mitbringen, verkaufe sich gut nach außen, sei fachlich top und habe ein sehr gutes Netzwerk. "Das passt", so Meißner.

Thomas Berthold: "Weder eine Spielidee, noch grundsätzliche Tugenden"

Reschke ist weg, Weinzierl darf erstmal bleiben. Und das trotz des erschreckend dürftigen Auftritts des VfB beim 0:3 in Düsseldorf, nach dem die traurige Bilanz des Trainers folgendermaßen aussieht: zehn Niederlagen, ein Remis und drei Siege. Auch Hitzlsperger will Weinzierl noch eine Chance geben.

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Berthold sieht die Situation bei den Schwaben "sehr kritisch". Die Mannschaft habe "weder eine Spielidee, noch zeigt sie grundsätzliche Tugenden, die es benötigt, um in der Bundesliga zu bestehen".

Meißner hofft jetzt auf frischen Wind. "Man hat aus dem Umfeld des VfB nichts Positives gehört über Reschke. Die nächsten Wochen werden zeigen, in welche Richtung es beim VfB geht. Davon wird auch die Zukunft von Wolfgang Dietrich (VfB-Präsident, d. Red.) abhängen."

Für Berthold war Reschke "ein Mann von Dietrich, der meiner Meinung nach jetzt noch mehr im Fokus der Fans stehen wird".

Viele Wechsel sind schwierig

Hildebrand findet die Entscheidung, an Weinzierl vorerst festzuhalten, jedenfalls gut. "Ich habe vergangene Woche schon gesagt, dass ich viele Wechsel im Management oder auf der Trainerposition als schwierig erachte. Deswegen glaube ich, dass die Vereinsführung sich erhofft, dass er es schafft, das Ruder noch rum zu reißen", erklärt der 39-Jährige.

Berthold dagegen attackiert Weinzierl scharf: "Er hat in der Winterpause Zeit gehabt, die Mannschaft körperlich und mental auf ein anderes Niveau zu bringen. Das ist ihm aber nicht gelungen, grundsätzlich gilt in so einer Phase defensiv gut zu stehen und daraus Selbstvertrauen zu tanken."

Vielleicht habe man aus dem Fehler nach dem Korkut-Rauswurf gelernt "und holt jetzt keinen neuen Trainer vor einem schweren Heimspiel, der dann gleich auf den Sack kriegt. Ich hoffe, man holt jetzt drei Punkte. Das wäre wünschenswert", findet Meißner. Er habe das Gefühl, "dass sich keiner gegen den drohenden Abstieg wehrt und sich seinem Schicksal ergibt."

Berthold: "Immer Höhen und Tiefen"

Seit 2007 habe es "immer wieder Höhen und Tiefen" gegeben, meint Berthold. "Ich dachte eigentlich, dass damals mit der Installation von Jan Schindelmeiser (Ex-Sportvorstand, d. Red.) und Hannes Wolf (ehemaliger VfB-Coach, jetzt Hamburger SV, d. Red.) Konstanz reinkommt und der eingeschlagene Weg beibehalten wird."

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Vor allem die Entlassung Schindelmeisers kann sich Berthold bis heute nicht erklären. "Leider hat man danach zu viele Trainer gehabt und die Fähigkeiten von Reschke wohl etwas überschätzt beziehungsweise ihm zu viel Handlungsfreiheit eingeräumt. Mir scheint der Karren ziemlich verfahren."

Weinzierl soll nun weiter versuchen, diesen aus dem Dreck zu ziehen, wird auch im Heimspiel gegen RB Leipzig die Mannschaft betreuen. Zur Überraschung vieler.

Gnadenfrist für Weinzierl?

"Ich glaube, aufgrund der Spieltags-Konstellation wird sich jetzt kein Trainer auf die Bank setzen", sagt Berthold. Ist es eine Gnadenfrist für Weinzierl? Berthold macht sich so seine Gedanken über einen erneuten Trainerwechsel.

"Wenn gegen RB ein weiterer blutleerer Auftritt folgt, ziehen die Bosse sicher die Reißleine. Danach kommt das Spiel gegen Werder Bremen, da wird es auch nicht leichter." Vor der Partie gegen Hannover beziehungsweise in der Länderspielpause wären laut Berthold bessere Zeitpunkte, mit einem neuen Trainer zu beginnen.

Für den freien Fall des VfB in dieser Saison hat Berthold nur eine Erklärung: "Es wurde keine Philosophie entwickelt, alles erscheint nur vom Ergebnis getrieben."

Schlechtes Zeugnis für Reschke

Reschke hatte für rund 50 Millionen Euro neue Spieler verpflichtet. Berthold fehlen da die Worte. "Ganz nüchtern betrachtet, wenn man hier Aufwand und Ertrag sieht, ist das sicher mangelhaft." 

Es fehle im Team "an Qualität und Mentalität", es gebe "keine funktionierende Achse und seit Jahren auch kein Tempo und keine Durchschlagskraft".

Und weiter: "Persönliche Egos dürfen keine Rolle spielen, starke Leute holen starke Leute, Kompetenzen müssen klar verteilt und definiert werden." Dies ist mit der Installation von Hitzlsperger als neuem starken Mann im sportlichen Bereich jetzt gegeben.

Der Fall Buchwald zeige zudem, wie es jüngst im Verein zuging. "Die Art der Auseinandersetzung mit einem weiteren Aufsichtsratsmitglied hat dem Verein viel Reputation gekostet", meint Berthold. Buchwald, immerhin eine VfB-Ikone, war in der vergangenen Woche nach internen Querelen aus dem Aufsichtsrat zurückgetreten.

Die Trainerposition sieht Berthold daher ganz simpel. Ein Trainer sei "nur ein wichtiger Baustein", betont der Ex-Profi, "ich glaube, erst braucht es auf den beschriebenen Ebenen Kompetenz, eine klare Strategie und danach sucht man sich den passenden Trainer."

Silvio Meißner: "VfB darf keine Fahrstuhlmannschaft werden"

Die Hoffnung begraben will Berthold noch nicht. "Der VfB streitet sich mit Hannover und Augsburg um die Plätze 15 bis 17. Ich denke, es hängt viel davon ab, wie geschlossen der Verein jetzt auftritt und es wird sich zeigen, welche Spieler mental in der Lage sind, die anstehenden Aufgaben erfolgreich zu bewältigen."

Auch Hildebrand ist zuversichtlich: "Die Situation ist kritisch, aber nicht hoffnungslos. Die Mannschaft hat genug Qualität, um sich aus eigener Kraft wieder rauszuziehen. Die Spieler wissen genau um die Situation. Wenn alle an einem Strang ziehen, schaffen die es noch."

"Vielleicht kommen ja doch mal bessere Zeiten, das wäre so wichtig für die Region", so Meißner. "Der VfB darf keine Fahrstuhlmannschaft werden."

Hitzlsperger lächelt die Krise mit neuem Elan erstmal weg, glaubt an die Wende zum Guten: "Wenn ich nicht mit Optimismus rangehen würde, wäre ich hier fehl am Platz. Ich mache das mit großer Freude und hoffe, dass wir unser Ziel erreichen."