Pit Gottschalk wirft einen Blick auf Thomas Doll und dessen neue Aufgabe bei Hannover 96
Pit Gottschalk wirft einen Blick auf Thomas Doll und dessen neue Aufgabe bei Hannover 96 © SPORT1-Grafik: Getty Images/SPORT1
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In seiner Gastkolumne wirft Pit Gottschalk einen Blick auf Hannovers neuen Trainer Thomas Doll - und erklärt, warum dieser 96 jetzt gut tut.

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Beim Fußball-Podcast MML wollten die drei Experten besonders witzig sein und verpassten ihrer Episode zu Thomas Doll die wenig schmeichelhafte Überschrift "Dolli Booster". Die Wortschöpfung ist zuallererst eine Anspielung auf die Pornodarstellerin Dolly Buster und unbewusst auf Thomas Dolls Vorliebe für aufgeknöpfte Hemden und auffallende Halsketten. Ungerecht ist beides.

Das entschlossen nach hinten gegelte Haar sollte keinen falschen Rückschluss auf den Lebensstil des neuen Trainers von Hannover 96 vermitteln. "Arbeit und Zuversicht", wie er sagt, zeichnen ihn aus, "nicht Parolen". Er lässt da keinen Zweifel. Der 52-Jährige weiß nur zu gut: Hannover ist auch für ihn die letzte Chance auf eine dauerhafte Bundesliga-Beschäftigung.

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Elf Punkte aus 19 Bundesliga-Spielen: Das ist der Ist-Zustand. 15 Spiele bleiben Doll zum Klassenerhalt. "Und die sollten sich wie Finals anfühlen", sagt er. Jedes Wort klingt, als wolle er selbst die Fußballschuhe schnüren. Heute ist der Auftakt gegen den Tabellenvierten RB Leipzig (Bundesliga: Hannover 96 - RB Leipzig ab 20.30 Uhr im LIVETICKER). Der Zeitdruck kümmert Doll nicht: "Wenn man denkt, man hat noch viel Zeit, ist das nicht gut."

Fast elf Jahre bekam er keinen Job mehr. Kaum einer nahm Notiz davon, was er als Trainer in Ungarn leistete. Dass er den Traditionsverein Ferencvaros Budapest zur Meisterschaft und drei Pokalsiegen führte, ist ungefähr so, als hätte er in Deutschland dem ehemaligen Rekordmeister 1. FC Nürnberg zu alter Blüte verholfen. Toten Teams Leben einhauchen: Sowas kann Thomas Doll.

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Zweimal schon hat der Breitenreiter-Nachfolger in der Bundesliga bewiesen, dass er ramponierte Mannschaften zurück auf früheres Niveau führen kann. Zuerst den Hamburger SV 2004/05, als er zunächst den Klassenerhalt und ein Jahr später die Europacup-Teilnahme schaffte. Das gleiche Spiel bei Borussia Dortmund zwei Jahre später. Zum Start holte er vier Siege und ein Remis.

Doch an ihm hängen bleibt jene legendäre Pressekonferenz beim BVB, als ihm die Gäule durchgingen und seine Wut über die kritische Beurteilung seiner Arbeit in dem Satz gipfelte: "Da lache ich mir doch den Arsch ab." Rhetorisch stand er plötzlich auf einer Stufe mit Giovanni Trapattoni ("Was erlauben Strunz?"). In der Bundesliga war Thomas Doll unten durch.

Nicht so in Hannover. Schlechter als das Image der Niedersachsen kann die Reputation eines Trainers kaum sein. Ständig hat Präsident Martin Kind Ärger mit den Fans. Sein Sportchef Horst Heldt gerät in Erklärungsnot, weil sein Kader zeitweise die Bundesliga-Tauglichkeit vermissen lässt. Gemeinsam mussten sie radikal denken, um die schlechteste Bundesliga-Bilanz der Klubgeschichte irgendwie ins Positive umzubiegen. 

Sie dachten wohl an Stefan Effenberg, den Tiger. An Felix Magath, den Schleifer. An Mirko Slomka, den lokalen Liebling. Am Ende der Diskussion gab es nur einen, der alle benötigten Eigenschaften auf sich vereinte. Thomas Dolls unerschütterlicher Optimismus tut Hannover gut. Von ihm wissen sie: Er tut alles für Hannover. Es geht ja auch um seinen eigenen Klassenerhalt.

ZUR PERSON
Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Ehemals Chefredakteur von Sport Bild in Hamburg und bei Funke Sport in Essen. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hierhttp://newsletter.pitgottschalk.de

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