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München - James Rodriguez scheint unter Niko Kovac beim FC Bayern nicht mehr glücklich zu werden. Dabei hängt die Zukunft des Kroaten auch am Kolumbianer. Ein Dilemma.

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"Wir sind beide Profis. Es ist ein normales Verhältnis zwischen Trainer und Spieler."

Die jüngsten Aussagen von James Rodriguez in der Bild in Bezug auf seinen Coach klingen wenig herzlich. Eher passend zum derzeitigen Wetter in München: bitterkalt.

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James scheint unglücklich in Deutschland. Unglücklich über seine Situation beim deutschen Rekordmeister. Unglücklich unter Trainer Niko Kovac.

Dazu passen auch das Wehklagen seines Vaters Wilson, der in der Sportbild sagt: "Ich erlebe ihn momentan sehr still, einsilbig, nicht so glücklich."

James unter Kovac oft auf der Bank

Der begnadete Linksfuß fühlt sich unter seinem zweiten Trainer beim FC Bayern offenbar nicht verstanden. Falsch behandelt, falsch aufgestellt. Wenn überhaupt aufgestellt.

Erst sieben Mal durfte James in der laufenden Bundesliga-Saison von Beginn an spielen. Zum Vergleich: Unter Jupp Heynckes gehörte der 27-Jährige noch zum absoluten Stammpersonal, bestritt beinahe alle Partien als Starter, wenn er denn fit war.

James braucht viel Liebe

Der Triple-Trainer von 2013 verstand es, dem sensiblen Spielmacher auf dem Platz eine tragende Rolle zu verleihen. Und ihm darüber hinaus auch abseits des Feldes Zuwendung zukommen zu lassen. Dass Heynckes aufgrund seiner Zeit in La Liga des Spanischen mächtig war, ist dabei nur einer der Gründe, weshalb der Kolumbianer unter ihm funktionierte.

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Auch unter Carlo Ancelotti, der ein Grund für seinen Bayern-Wechsel gewesen sein soll, gehörte er zum uneingeschränkten Stammpersonal.

Der Italiener gilt als Kommunikator, als Vaterfigur und als extrem versierter Psychologe. Die mediterrane Version von Jupp Heynckes, sozusagen.

Kovac im Dilemma zwischen heute und morgen

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern und dem PSG-Coach versteht Niko Kovac den Fußball mehr als Arbeit denn als Kunst. Defensive Kompaktheit und mannschaftliche Geschlossenheit stehen über einzelnen Schicksalen und persönlichen Befindlichkeiten.

Das Dilemma des Kroaten liegt jedoch eine Ebene über dem Tagesgeschäft. In der langfristigen Strategie des Vereins - Stichwort Internationalisierung. Kovacs persönliche Zukunft hängt, unabhängig vom Saisonverlauf, auch eng mit der Personalie James Rodriguez zusammen. Dem WM-Torschützenkönig von 2014, dem Noch-Spieler von Real Madrid. Und dem, nach Neymar und Lionel Messi, größten Zugpferd auf dem südamerikanischen Markt.

"Ganz Kolumbien ist traurig, wenn er nicht spielt", gibt Vater Wilson einen kleinen Eindruck davon, welchen enormen Stellenwert der Nationalheld in seinem Heimatland genießt.

James allein zählt in den Sozialen Medien mehr Follower als der gesamte Verein FC Bayern München. Überhaupt gibt es weltweit nur vier Sportler, die in dieser Kategorie über dem Superstar stehen (Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Neymar und Steph Curry).

James, das Vermarktungs-Zugpferd

Mit seinem Aussehen und seiner zum Teil spektakulären Spielweise scheint James' Vermarktungspotential keine Grenzen zu haben – insofern er denn regelmäßige Einsatzzeiten bekommt.  

Für vergleichsweise läppische 42 Millionen Euro bietet sich im kommenden Sommer für den deutschen Rekordmeister die Möglichkeit, den Kolumbianer langfristig an sich zu binden. Und damit im internationalen Vermarktungs-Wettrennen nicht vollkommen den Anschluss an die Branchen-Größen zu verlieren.

"Ich mag den Spieler sehr. Ich glaube, wir wünschen uns alle, James regelmäßig auf dem Platz zu sehen", ließ Karl-Heinz Rummenigge zuletzt verlauten.

Nur: Für Kovac zählen aktuell keine Follower, sondern Punkte. Um im Meisterschafts-Rennen nicht den Anschluss an den BVB zu verlieren.

James und die Wert-Frage

Überhaupt sei die Frage erlaubt, ob der Kolumbianer in das Gefüge des Rekordmeisters hineinpasst. Ob er überhaupt in ein Gefüge eines internationalen Top-Klubs hineinpasst. Nicht umsonst verbrachte der Linksfuß auch einen Großteil seiner Zeit bei Real Madrid nur auf der Bank –auch wenn die Konkurrenz seinerzeit zugegebenermaßen erdrückend war.

Bei all seinen Stationen legte Rodriguez stets bemerkenswerte Quoten in puncto Torbeteiligungen hin. Die Präzision seines linken Fußes sucht wohl weltweit seinesgleichen.

Und dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass der Wert des Spielmachers für den FC Bayern aktuell begrenzt ist. Es fällt schwer, eine geeignete Position für ihn im aktuellen Bayern-System zu finden.

Auf der Sechs? Zu viele Defensiv-Schwächen, dazu Thiago und Goretzka formstark. Seine Lieblingsposition auf der Zehn? Besetzt mit Thomas Müller. Über den Tor-Garantie Robert Lewandowski erst kürzlich sagte: "Mit Thomas neben mir wird es leichter, er hilft auch mir sehr viel, wir ergänzen uns sehr gut."

Zwar pries der Pole im Gespräch mit SPORT1 auch James als "überragenden Spieler, der etwas Besonderes geben kann", doch der Kolumbianer sucht noch nach seinem Platz unter Kovac. Dessen Geduld neigt sich dem Ende.

Wo liegt James Zukunft?

"James spielt um seine Zukunft“, ließ Kovac unlängst auf der Pressekonferenz vor dem Rückrunden-Auftakt gegen Hoffenheim verlauten.

Eine Aussage, die nicht unbedingt als großer Vertrauensbeweis ausgelegt werden kann. Gegen Bayer Leverkusen erhielt der Kolumbianer zwar seine Chance von Beginn an, konnte jedoch nicht überzeugen. Auch zuvor bei seinem Kurzeinsatz gegen Stuttgart fiel er lediglich durch mangelhafte Körpersprache auf.

An Interessenten für den Feingeist dürfte es aufgrund seines sportlichen und wirtschaftlichen Potentials dennoch nicht mangeln. Sein Berater hört auf den Namen Jorge Mendes, gilt als einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der Branche. Zu seinen Klienten gehört auch ein gewisser Cristiano Ronaldo. Der bereits in Madrid ein großer Freund der Assist-Fähigkeiten von James war.

Auch eine Rückkehr zu Real steht im Raum. Dass die Königlichen weiterhin James' Traumverein sind, ist ein offenes Geheimnis.

Ein Verbleib beim FC Bayern scheint zwar durchaus noch im Bereich des Möglichen, hängt jedoch so stark wie noch nie von seinem aktuellen Trainer ab.