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München - Auch am 22. Spieltag sorgt die Frage nach dem Handspiel für Diskussionen. Anfang März könnten allerdings tiefgreifende Veränderungen beschlossen werden.

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Ein Bundesliga-Wochenende ohne Diskussionen um Handspiel ist mittlerweile unvorstellbar.

Auch am 22. Spieltag gab es wieder einmal mehrere Aufreger, wie die Szenen von Leipzips Willi Orban gegen Stuttgart oder Schalkes Omar Mascarell zeigten.

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Mascarell hatte eine Flanke von Freiburgs Günter aus kurzer Distanz mit dem (angelegten) Arm abgewehrt.

Schiedsrichter Willenborg hatte zunächst auf Strafstoß entschieden, nach Rücksprache mit Köln und Sichten der Bilder seine Entscheidung aber zurückgenommen, was Lutz-Michael Fröhlich, Sportlicher Leiter der Elite-Schiedsrichter, auf der DFB-Homepage als richtig einstufte.

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Orban war von Mario Gomez im Strafraum angeköpft worden, hatte die Arme laut Fröhlich aber "beim Sprung zum Ball weit vom Körper abgespreizt". Somit sei auch die Entscheidung auf Elfmeter von Felix Zwayer richtig gewesen.

Spieler von Handspiel-Auslegung genervt

"Das Problem ist: Wir reden jede Woche drüber. Die Schiedsrichter müssen sich zusammensetzen und eine klare Linie, die sie immer noch nicht haben, finden", sagte Stefan Effenberg im CHECK24 Doppelpass.

Auch die Spieler wissen kaum noch, wie die Regel ausgelegt wird. "Heutzutage ist es schwierig, jemandem zu erklären, was ein Handspiel ist und was nicht", sagte Freiburgs Vincenzo Grifo bei SPORT1.

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"Mittlerweile weiß keiner mehr, wann ist es Hand und wann nicht", ergänzte Schalkes Mark Uth bei SPORT1.

Selbst die Schiedsrichter sind genervt. "In meiner Karriere ist bestimmt fünfmal die Auslegung verändert worden, was Handspiel ist", sagte Felix Brych zuletzt in der 11 Freunde.

März-Meeting soll für Klarheit sorgen

Doch es gibt womöglich Licht am Ende des Tunnels.

Denn am 2. März wird das International Football Association Board (IFAB), das aus acht Mitgliedern besteht und die Kompetenz hat, den aktuellen Gesetzestext zu ändern, gemeinsam mit FIFA-Vertretern über Änderungen an der Handspielregel beraten.

Sechs der acht IFAB-Mitglieder müssen für eine Regeländerung stimmen, damit diese dann ab dem 1. Juni in Kraft treten würden.

Derzeit liegt ein Handspiel laut Regel 12 vor, "wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt." Dabei sind die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand), die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball) und die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen) zu berücksichtigen.

Handspiel: Was ist Absicht?

Doch was ist Absicht? "Es kann mir doch keiner erklären, dass Mascarell bewusst Hand gespielt hat oder dass Orban den Ball mit der Hand spielen wollte", nannte der frühere FIFA-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer im CHECK24 Doppelpass zwei aktuelle Beispiele aus der Bundesliga.

Beim jährlichen Business Meeting der IFAB im November wurde bereits über die Handspiel-Problematik gesprochen. Damals wurde von den Mitgliedern eine "präzisere und detailliertere Formulierung" zum Handspiel gefordert.

Diese Präzisierungen sollen am ersten März-Wochenende vorgenommen werden. Dazu sollen die Kriterien über strafbares Handspiel überarbeitet werden, damit zukünftig klar feststeht, was ein Handspiel ist.

Alle Tore nach Handberührung irregulär?

Alle Tore, denen ein Handspiel vorausgegangen ist – ob absichtlich oder nicht – sollen irregulär sein.

Im Februar 2017 hatte beispielsweise Lars Stindl für Gladbach gegen Ingolstadt ein Tor erzielt, als der Ball ihm von der Brust an die Hand und von dort aus über die Linie gesprungen war.

Der Treffer wurde damals gegeben, weil bei Stindl keine Absicht vorlag. Nach der möglichen neuen Regelauslegung wäre das Tor aber irregulär.

"Auf internationaler Ebene war es schon zuletzt gängige Praxis, mit der Hand oder dem Arm erzielte Tore nahezu ausnahmslos nicht gelten zu lassen. Nun soll diese Praxis offenbar auch festgeschrieben werden", sagte Alex Feuerherdt vom Schiedsrichter-Podcast "Collinas Erben" bei sportschau.de.

Unnatürlich statt absichtlich

Zudem könnte der Begriff der "Absicht" durch den Terminus "Natürlichkeit" ersetzt werden.

Bei der Beurteilung einer Szene würde also mehr auf eine unnatürliche Handbewegung des betreffenden Spielers geachtet werden und weniger auf eine mögliche Absicht.

Eine Überlegung ist es demnach also, Handspiele ab einer gewissen Höhe, wie oberhalb der Schulter, generell zu ahnden.

Unter Schulterhöhe könne dann ein Vergehen vorliegen, wenn der Arm weiter abgespreizt sei, als es in der Uhrzeiger-Stellung acht Uhr oder vier Uhr der Fall wäre. 

Hand ist Hand

Die Experten im CHECK24 Doppelpass zogen weitere Auslegungen in Betracht.

Für DAZN-Moderator und Kommentator Alex Schlüter können sich die Diskussionen nur verringern, "wenn wir die Handregel so ändern, dass Hand Hand ist. Wenn du es nicht so klar definierst, wird es immer diskutiert werden."

Schlüter nannte als Beispiel Hockey, wo ein Fußtreffer grundsätzlich geahndet wird. "Ich glaube, der stolze Fußball darf sich ein paar Sachen von Sportarten, die etwas kleiner sind, aber funktionieren, abschauen", so Schlüter.  

Effenberg befürchtet: Spieler schießen Ball an die Hand

Effenberg würde in diesem Fall aber ein weiteres Problem befürchten. "Wenn der DFB rausgibt, Hand ist Hand im Strafraum, dann glaube ich, gibt es Vereine, die trainieren werden, den Ball an die Hand zu schießen", so Effenberg.

Der 50-Jährige wiederum schlug vor: "Die einzige Lösung ist, den Videobeweis beim Handspiel im Strafraum auszuschalten und dem Schiedsrichter die volle Macht zu geben."

Klar ist: Nicht nur Kinhöfer hält das Handspiel für "absolut reformbedürftig". Die Bundesligisten und die Schiedsrichter werden im März gebannt nach Glasgow schauen.