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München - Vier Spiele ohne Tor, oft blass, wenn er von Beginn an spielt: Taugt BVB-Stürmer Paco Alcacer nur als Joker? Die Daten-Analyse - auch im Vergleich zu Mario Götze.

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Paco Alcacer war gerade dabei, zum Super-Joker der Bundesliga aufzusteigen, da beschlich Dietmar Hamann bereits eine Vorahnung. 

Das Problem sei, prognostizierte er nach einem Dortmunder Champions-League-Heimspiel im November, "dass es mit den Joker-Toren irgendwann enden wird". Spätestens, wenn sich die Gegenspieler auf diesen Stürmer aus Spanien eingestellt hätten. "Irgendwann", sagte Hamann damals, "glaubt er selbst, dass er nur ein Joker ist. Und dann wird's gefährlich".

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Bei besagtem 0:0 gegen Brügge hatte Alcacer zwar in der Startelf gestanden, allerdings nicht wirklich am Spiel teilgenommen. In der Meisterschaft jedoch hatte er gerade den FC Bayern abgeschossen und maßgeblich zum Sieg in Mainz beigetragen. Und nur drei Tage nach dem Brügge-Spiel sollte er wieder treffen: gegen Freiburg, wieder als Einwechselspieler.

Am häufigsten trifft Alcacer als Joker

In der Rückbetrachtung scheint sich die Sache mit der Joker-Rolle zu jener Zeit im Spätherbst 2018 tatächlich in Alcacers Psyche verfestigt haben.

Denn heute, zwei Monate und einige Spieltage später, diskutiert die Liga die Frage: Taugt der BVB-Torjäger etwa nur als Joker? 

Seine von Opta erhobenen Leistungsdaten erhärten diesen Verdacht.  Zehn seiner zwölf Saisontreffer hat Alcacer in Spielen erzielt, in denen er erst im Laufe der Partie zum Einsatz kam. So viele Joker-Tore in einer laufenden Saison sind zuvor nie einem anderen Bundesliga-Spieler gelungen. 

Als Reservist erzielt Alcacer im Schnitt alle 22 Minuten ein Tor. Wann immer er in der Startelf steht, benötigt er statistisch gesehen 201 Minuten für einen Treffer. Ein fundamentaler Unterschied, den man als Stärke, aber auch als Schwäche auslegen kann. 

In dieser Woche musste sich Alcacer kritische Stimmen anhören, für seine Leistung im Pokal gegen Bremen, vor allem aber für seinen Startelfeinsatz in Frankfurt. Sportdirektor Michael Zorc sah sich danach genötigt, seinen Angreifer öffentlich zu verteidigen. 

"Dann hätte Alcacer sogar Gerd Müller in den Schatten gestellt"

"Es konnte nicht in diesem Tempo weitergehen", befand Zorc im kicker. "Dann hätte er Gerd Müller sogar in den Schatten gestellt."

Und doch gibt es stichhaltige Indizien dafür, dass der Paco Alcacer als Joker nicht derselbe ist wie der, den Trainer Lucien Favre gelegentlich von Beginn an aufbietet.

Als Einwechselspieler hat er alle zehn Minuten eine Ballaktion im Strafraum. Anderenfalls braucht er doppelt so lange. 

Noch frappierender ist der Unterschied bei der Chancenverwertung. Der Joker Alcacer münzt 83 Prozent seiner Gelegenheiten in Tore um. Sein Pendant in der Startelf verwertet gerade einmal 13 Prozent seiner Einschussmöglichkeiten. 

Wirklich erklärbar ist dieses Phänomen nicht. Zumal Alcacer genau gegensätzlich agiert hat, als er noch für den FC Barcelona auflief.  Als gefürchteter Joker machte er dort jedenfalls nicht von sich reden.

Bei 23 Einwechslungen gelangen ihm lediglich zwei Tore. Zum Vergleich: Beim BVB hat er als Joker fünfmal so oft getroffen - in lediglich neun (!) Spielen.

Götze oder Alcacer: Wer ist wirkungsvoller für BVB?

Von der Bank kommend benötigte er in La Liga im Schnitt 260 Minuten für ein Tor. Das war elfmal so lange wie in Dortmund. 

Nun sind 25 Millionen Euro Ablöse für einen reinen Edel-Joker zwar ziemlich viel Geld. Aber es gibt da ja auch noch diesen Mario Götze, der mit seinem spanischen Teamkollegen ein munteres Jobsharing betreibt.

Bei einem Startelfeinsatz nimmt Götze deutlich aktiver am Spiel des BVB teil. Er hat mehr als doppelt so viele Ballaktionen (46) als Alcacer (20) und gewinnt signifikant mehr Zweikämpfe (43 Prozent) als sein Teamkollege (28). 

Noch deutlicher fällt der Unterschied der beiden Offensivstars bei der Laufleistung aus. Bei einem Einsatz von Beginn an legt Götze pro Minute 130 Meter zurück. Zum Vergleich: Alcacer kommt in dieser Wertung lediglich auf 82 Meter. 

Götze und Alcacer ergänzen sich

Freilich sagt das wenig über die Effizienz der beiden Stürmer aus: Hochgerechnet auf die jeweilige Spielzeit ergibt sich jedoch eine durchaus nennenswerte Diskrepanz in einer Disziplin, auf die Trainer Favre viel Wert legt. 

Der Super-Joker und das Laufwunder: Vielleicht kommt bei dieser elitären Ansammlung im BVB-Sturm am Ende ein ungeschriebenes Bolzplatz-Gesetz zur Anwendung. 

Erst kaputt laufen und dann den Gegner eiskalt erlegen: Im Amateursport werden auf diese Weise seit Jahrzehnten Spiele entschieden.