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München - Der 1. FC Nürnberg steht vor dem Heimspiel gegen den BVB mit dem Rücken zur Wand. Bei SPORT1 üben zwei frühere Club-Helden harsche Kritik an den Bossen.

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Martin Driller spricht von "meinem Verein", wenn das Gespräch auf den 1. FC Nürnberg kommt.

Und der 49-Jährige ist nicht gut zu sprechen auf seinen Ex-Klub. Der FCN steht am Tabellenende, hat ganze zwölf Punkte aus 21 Spielen geholt. In der vergangenen Woche wurden Trainer Michael Köllner und Sportvorstand Andreas Bornemann entlassen.

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"Es ist traurig, dass in dieser Saison so eine schlechte Leistung abgeliefert wird. Normalerweise ist man mit zwölf Punkten im Vergleich zu den anderen Vereinen schon lange abgestiegen", sagt Driller im Gespräch mit SPORT1.

"Dass man überhaupt noch eine Chance hat, ist ein kleines Wunder." Der Ex-Profi spielte von 1997 bis 2004 für den FCN, stieg zwei Mal mit dem Verein in die Bundesliga auf und war in der Saison 2000/2001 Kapitän. "Ich bin schon seit über 20 Jahren in Nürnberg. Mir liegt der FCN sehr am Herzen, Nürnberg ist meine Heimat."

Bei der Trainerfrage hat Driller, der heute kaufmännisch tätig ist, eine klare Meinung.

"Sie sollen jetzt die Saison zu Ende spielen und dann einen neuen Cheftrainer präsentieren. Der kann jetzt auch schon kommen, wenn man sich sicher ist. Aber wenn man jetzt jemanden holt, der noch zehn Mal verliert, ist er auch für die 2. Liga verbrannt." Man müsse sich nun "einfach Zeit lassen und Schommers und Mintal in Ruhe arbeiten lassen".

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Driller: Magath und Hollerbach "stimmige Lösung"

Driller kann sich nicht vorstellen, dass der schon gehandelte Felix Magath, in der Saison 1997/1998 sein Trainer in Nürnberg, nochmals in dieser Funktion beim Club arbeiten wird. "Eine stimmige Lösung wäre für mich Bernd Hollerbach als Coach und Magath als Sportvorstand. Die beiden haben schon zusammengearbeitet. Das wäre ein Team, das viel Erfahrung mitbringt."

Magath selbst erklärte bereits seine Bereitschaft, in Nürnberg aktiv zu werden. "Ich gehöre zwar zu den alten Modellen der Liga, sehe mich aber jederzeit in der Lage, einem Verein in Not zu helfen", sagte er der Nürnberger Zeitung. Zwar sei er noch nicht vom Club kontaktiert worden, sollte es aber dazu kommen, "könnte ich sicherlich darüber nachdenken, dort Verantwortung zu übernehmen", erklärte der Trainer und Manager, der nach eigenem Bekunden eine neue Aufgabe sucht, "bei der ich meine Erfahrung einbringen kann".

Angesichts der aktuellen Lage in Nürnberg könnte er eine Option sein. Driller zeigt sich fassungslos. "Es ist sehr frustrierend, vor allem auch für die Fans. Sie wenden sich irgendwann auch ab. Und dann bleiben die Sponsoren für die nächste Saison aus. Sehr bitter. Es ist einfach brutal, dass die Leistung der Mannschaft so schwach ist."

Auch FCN-Legende Javier Pinola, von 2005 bis 2015 für den Club aktiv und seit 2017 beim argentinischen Verein River Plate unter Vertrag, ist traurig über die Entwicklung bei seinem früheren Verein. "Das ist keine leichte Situation. Man muss hart arbeiten, hoffen und positiv denken", sagt der 35-Jährige zu SPORT1. "Die Jungs müssen noch mehr zusammenrücken."

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"Da würde man Gehälter einsparen"

Driller sieht drei Grundprobleme. "Ich frage mich, warum braucht man einen 27-Mann-Kader? 23 Profis würden reichen mit drei A-Jugend Spielern, da würde man Gehälter einsparen. Und es könnten dann auch mal wieder zwei, drei erfahrene Spieler dazu geholt werden. Vor dieser Saison hatte ich mehr Bundesliga-Spiele als der ganze Kader."

Beim Club gibt es neun Aufsichtsräte. Für Driller ist das nicht nachvollziehbar. "Vielleicht brauchen sie noch einen fürs Schafkopf spielen. Es gibt einen Finanzvorstand und einen Sportvorstand. Beide müssen 100 Prozent Ja sagen, um einen Trainer zu entlassen. Wenn sich also einer querstellt, muss man einen entlassen, einen neunen einstellen und dann kann man den Trainer entlassen. Bei drei Entscheidungsträgern gäbe es wenigstens eine Lösung."

Köllner und Bornemann waren nicht der Grund des Übels für Driller. "In den vergangenen Jahren hat man systematisch von der Jugend bis zum Profibereich die sportliche Kompetenz immer weniger gefördert." Das Potenzial sei eher abgebaut worden, stellt Driller fest. "Dieses Problem gibt es schon länger. Früher hatten wir im Jugendbereich einen Roger Prinzen, einen Andy Wolf, einen Reiner Geyer."

Pinola "würde sofort kommen"

Pinola ist enttäuscht von Bornemann: "Er hat gesagt, dass ich als Identifikationsfigur wichtig bin. Das hat er aber wohl nur der Presse erzählt. Bei mir hat er sich nie gemeldet. Ich habe ihm 100 Mal geschrieben, es kam keine Antwort."

Der Argentinier schlug vor, junge Spieler aus Argentinien zu holen. "Bornemann hat kein Interesse gezeigt, das ist traurig. Ich habe auch vorgeschlagen, wieder für den Club zu spielen, ich würde sofort kommen, doch es kam einfach nichts. Ich bin enttäuscht von ihm."

In der Vergangenheit seien aus dem Jugendbereich alle Personen, die im Profibereich gearbeitet haben, entfernt worden, erinnert sich Driller. "Auch im Aufsichtsrat fehle es an sportlicher Kompetenz. "Da ist niemand der länger in einem Bundesliga-Klub gespielt hat und sich im Profibereich auskennt." Dort werde "nur wirtschaftlich gedacht", sagt Driller.

"Man hat versucht den Club wirtschaftlich auf neue Beine zu stellen und hat die sportliche Erfahrung, vor allem in der Kaderzusammenstellung, vollkommen vergessen."

Probleme in der Entwicklung

Bornemann wurde zuerst beurlaubt, weil er Köllner nicht entlassen wollte. Doch das große Problem lag für Driller "in der Entwicklung". Köllner hatte ein Jahr in der 2. Liga trainiert und danach in der Bundesliga. Bornemann war bei Alemannia Aachen, Holstein Kiel und beim SC Freiburg tätig.

"Er hatte also nur etwas Zweitliga-Erfahrung gesammelt. Das war im Verein die ganze Erfahrung, was die Bundesliga betrifft. Alle anderen wurden entsorgt. Wie will man also mit zwei Mann, die vom Profibereich bis zur F-Jugend alles bestimmen, das ganze Paket stemmen."

Die Bosse hätten offenbar geglaubt, mutmaßt Driller, "Köllner und Bornemann können einen ganzen Verein leiten. Der Aufsichtsrat hat sich völlig auf die beiden verlassen. Meiner Meinung nach waren beide völlig überfordert."

Der Hauptvorwurf, den Driller den Verantwortlichen macht: "Man hat sich beim Club in die eigene Tasche gelogen. Ich ärgere mich einfach, dass die gleichen Fehler gemacht werden wie vor 20 Jahren. Es werden nur noch Freunde und Bekannte eingestellt anstatt Namen mit Qualität, damit die Kids wieder eine Klub-DNA haben."

Ganz egal, was mit dem Club passiert. Pinola hat nur ein Ziel: "Nach meiner Karriere will ich in Nürnberg leben, das ist mein Zuhause. Das sage ich meiner Frau jeden Tag." Denn für ihn wie auch für Driller ist und bleibt es "mein Verein".