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München - Das beschauliche Image des FC Augsburg bröckelt. Caiuby sorgt für Ärger, ein Spieler kritisiert Trainer Baum öffentlich - und der zeigt sich dünnhäutig.

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Ein Trainer, der einen Schiedsrichter zum faulen Dilettanten erklärt. Ein Spieler, der dem eigenen Trainer öffentlich in den Rücken fällt. Und als Kirsche auf der Sahnetorte des Tohuwabohus ein guter alter Disko-Skandal.

Was klingt wie eine Erzählung aus den besten FC-Hollywood-Zeiten des FC Bayern München, spielte sich in den vergangenen beiden Tagen bei einem Verein ab, den wohl kaum ein Fußball-Fan hierzulande damit in Verbindung gebracht hätte.

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Aber tatsächlich: Beim FC Augsburg ist das Chaos ausgebrochen. Das Image vom kleinen, unaufgeregten Fußballklub mit Puppenkisten-Charme bröckelt. Dazu passend kommt mit dem ehemaligen Nationaltorhüter Jens Lehmann ein alles andere als unscheinbarer neuer Assistenztrainer.

Wann genau der Wandel seinen Lauf nahm, ist schwer auszumachen. Womöglich schon am 27. Oktober, also vor ziemlich genau drei Monaten. An diesem Tag gewannen die Augsburger zum bislang letzten Mal ein Ligaspiel. (Bundesliga-Spielplan)

Seither stehen sieben Niederlagen bei gerade einmal drei Unentschieden zu Buche. Tabellenplatz 15. Akute Abstiegsgefahr.

Womöglich reagierte FCA-Coach Manuel Baum nach der 0:2-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach auch deshalb so dünnhäutig auf eine vermeintliche Fehlentscheidung der Unparteiischen vor dem Gladbacher Führungstor.

Baum wütete im Spielertunnel

"Was ist mit diesem Schiedsrichter los? Ein Witz ist das! Ein Dilettant ohne Ende! Der kennt die eigenen Regeln nicht und pfeift Bundesliga", wütete Baum im Spielertunnel - und hatte sich auch bis zur Pressekonferenz noch nicht beruhigt: "Es ist ein Skandal, dass dieses Tor gilt. Diese Situation hat uns das Spiel gekostet."

Er habe das Gefühl gehabt, das Gespann um Schiedsrichter Harm Osmers sei bei der Abseitsregel "nicht sattelfest" gewesen: "Der Linienrichter hat es angezeigt, der Schiedsrichter war zu faul, und aus Köln kam nichts. Unfassbar, dass so etwas in der Bundesliga passiert."

Dass die Augsburger im Borussia-Park über weite Strecken hoffnungslos unterlegen waren und zuvor bereits Glück hatten, dass Gladbachs Jonas Hofmann per Elfmeter an FCA-Keeper Gregor Kobel scheiterte, verschwieg Baum nicht ganz überraschend.

Ganz im Gegensatz zu Martin Hinteregger: "Es macht keinen Spaß, wenn du nur immer dem Ball nachläufst und hin und her verschiebst", klagte der Abwehrspieler und forderte, "dass wir wieder eine Taktik finden, die zu uns Spielern passt".

Kritik am Trainer

Wer da leise Kritik am Trainer heraushörte, der durfte sich durch Hintereggers weitere Aussagen beim Bayerischen Rundfunk bestätigt fühlen.

Dort sagte er auf die Frage, ob Baum die Mannschaft noch erreiche und motivieren könne, den Karren aus dem Dreck zu ziehen: "Schwer. Die Abwärtsspirale geht jetzt schon ein Jahr, das ganze 2018 ist die Kurve eigentlich nach unten gegangen. Ich kann nichts Positives über ihn sagen und werde auch nichts Negatives sagen."

Einen eindeutigeren öffentlichen Affront gegen den eigenen Trainer dürfte es in der Bundesliga seit Jahren nicht gegeben haben. Dementsprechend kündigte Augsburgs Manager Stefan Reuter bereits Gespräche mit dem Österreicher an und stellte klar: "Diese Aussagen gehen nicht."

Den Trainer infrage zu stellen, ist für ihn derzeit keine Option - trotz der öffentlichen Kritik aus der Mannschaft.

"Wir sind von Manuel absolut überzeugt", sagte der Europameister von 1996 mit Blick auf Baums Zukunft beim FCA: "Wir stellen uns der Aufgabe und überlegen uns gemeinsam, wie wir in die Erfolgsspur zurückkommen können."

Hahn: "Zerfleischen bringt nichts"

Aussagen anderer Spieler scheinen ihn auf diesem Kurs zu unterstützen.

"Ich will nichts schönreden, aber uns gegenseitig zu zerfleischen bringt nichts", betonte Andre Hahn: "Wenn wir jetzt hier rumkotzen und sagen, alles ist schlecht, kommen wir nicht weiter."

Von fehlendem Rückhalt für Baum wollte Hahn trotz Hintereggers Kritik nichts wissen. Die Mannschaft sei eingeschworen gewesen und habe gewusst, "wie wir heute spielen. Das war eine geschlossene Entscheidung. Da gibt es nichts zu rütteln. Wir stehen voll hinter dem Trainer."

Der darf sich nun zunächst einmal freuen, dass ihm ab Dienstag mit den Asien-Cup-Rückkehrern Ja-Cheol Koo und Dong-Won Ji wieder zwei zusätzliche Alternativen für das lahmende Offensivspiel zur Verfügung stehen.

Eine solche wäre aus rein sportlicher Sicht auch der Brasilianer Caiuby, doch sein Kapitel bei den Augsburgern ist beendet.

Caiuby verpasst Vorbereitung - mal wieder

Dass er (mal wieder) die Vorbereitung verpasste, entschuldigten die Augsburger noch mit "privaten Angelegenheiten", um die sich der Spieler kümmern müsse.

Wie diese ausgesehen haben könnten, ließ Caiuby am Wochenende in einem Interview mit UOL Esporte wissen. Dort verriet der 30-Jährige, ein Verbleib in Deutschland sei "nicht gerade die Option, die mir zusagt. Es gibt Anfragen. Ich habe noch einen Vertrag mit Augsburg, aber ich habe Personen, die sich schon um die Sache kümmern."

Ob diese "Personen" bei ihrer Mission bereits erfolgreich waren, wurde bisher nicht bekannt. Offensichtlich aber hatte Caiuby am Wochenende dann noch Grund zum Feiern: Am Samstagabend wurde er nach dreieinhalb Wochen Abwesenheit wieder in Augsburg gesichtet - in einer Diskothek namens "Kesselhaus".

Deren Geschäftsführer Stephan Schulz bestätigte der Augsburger Allgemeinen: Caiuby "war da und ist immer mal wieder zu Gast".

Augsburg stellt Caiuby frei

Eine Umschreibung, die auch zu Caiubys Anwesenheitsstatistik beim FCA passen würde.

Am Montagabend reagierte der Klub schließlich und stellte den Brasilianer mit sofortiger Wirkung frei. "Grundsätzlich bringen wir Verständnis für private Probleme auf, können aber das Gesamtverhalten von Caiuby nicht nachvollziehen und tolerieren. Mit seiner Handlungsweise schadet er dem FC Augsburg und vor allem der Mannschaft, die ihn trotz einiger Verfehlungen immer unterstützt hat", sagte Reuter nach einem persönlichen Gespräch mit dem Problemprofi.

Vor dem Spiel in Gladbach hatte Andre Hahn noch betont, er sei vom Klassenerhalt überzeugt, "weil wir die Qualität haben, weil wir die Ruhe haben und hier sauber arbeiten". Vier Tage später klingt das wie Erzählungen aus längst vergangenen Zeiten.

Immerhin: Die Lösung des Caiuby-Problems macht Hoffnung, dass der Klub wieder zur gewohnten Ruhe zurückfinden und den Fokus auf die sportlich schwierige Situation lenken könnte.